Apples-iPad-Usability: "Bei allen klemmt es irgendwo"

Apples-iPad-Usability: "Bei allen klemmt es irgendwo"

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Tim Bosenick

von Thomas Kuhn

Apples neuer Star, das iPad, kann bei der Benutzerfreundlichkeit noch nicht mit dem iPhone mithalten. In ersten Usability-Tests verloren die Testkunden den Überblick. Besonders bei der Nutzbarkeit der ersten Medien-Apps hapert es noch deutlich, kritisiert Tim Bosenick, der Chef des Hamburger Usability-Labors SirValUse im wiwo.de-Interview.

wiwo.de: Herr Bosenick, Sie gehören zu der privilegierten Gruppe von Menschen, die schon vor dem heutigen Verkaufsstart in Deutschland ein iPad testen konnten. Was ist ihr Eindruck, ist der Hype gerechtfertigt? Wird es den unseren Medienkonsum auf Dauer verändern?

Bosenick: Ganz eindeutig: Das Teil ist cool. Es ist wertig und es eignet sich gut, um darauf zuhause oder unterwegs Texte zu lesen oder Videos anzusehen. Und ja, das eröffnet neue Möglichkeiten des Medienkonsums. Dennoch bin ich überzeugt, dass es weder die Zeitung noch das Buch ersetzen wird und auch nicht das Fernsehen. Es ist eine Ergänzung zu den bestehen Medien, kein Ersatz.

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Bei früheren Produkten, dem Musikspieler iPod, dem iPhone oder der Medien-Software iTunes hat Apple neue Standards bei der intuitiven Bedienung gesetzt. Gilt das auch für das iPad?

Ein klares Nein. Bei früheren Geräten und Programmen hat Apple alleine kontrolliert, wie die Bedienungsoberfläche aussieht und dabei konsequent auf eine schlüssige Bedienung geachtet. Mit dem iPhone kam zwar erstmals die Möglichkeit für Programmierer, eigene Anwendungen zu schreiben. Doch wegen der Größenlimitierung fehlte schlicht der Platz, sich in Sachen Benutzerführung bei den Apps auszutoben.

Beim iPad ist das nun aber anders. Und die ersten Anwendungen die wir gesehen und getestet haben, machen das Problem der Öffnung gleich deutlich. Die externen Programmierer nutzen den nun reichlich vorhandenen Platz auf dem Gerät aus, um ihre Anwendungen nach Gusto zu gestalten. Jeder macht, was er will, und das Ergebnis ist verwirrend.

Für Apple ist das brandgefährlich: Denn damit geht die Stringenz der Bedienung verloren, die bisher eine der herausragenden Stärken von Apple war. Wenn aber die Anwendungen nicht mehr intuitiv bedienbar sind, dann fällt das auf das Gerät zurück und lädiert Apples Image. 

Sie haben das Gerät in Ihrem Usability-Labor auf leichte Bedienbarkeit getestet. Was sind die Stärken, was die Schwächen?

Rein von der Hardware ist das iPad – wie üblich für Apple – ein tolles Gerät. Das Design ist wie immer top. Das Display ist ein Genuss, super exakt und berührungsempfindlich, gut einsehbar - selbst bei schlechteren Lichtverhältnissen. Das Teil macht Spaß bei der Bedienung und es definiert erneut die Standards.

Die Schwäre ist, ich habe es bereits genannt, die Freiheit für die Entwickler. Mit der Öffnung für andere Bedienungskonzepte gibt Apple ein Stück des "zen of i" auf. Und das ist eine höchst zweischneidige Sache. Denn der Erfolg des iPad wird auf Dauer davon abhängen, dass die Apps, die ja schon das iPhone zum Renner gemacht haben, auf dem iPad eine ähnliche Faszination auslösen.

Die müssen Spaß machen! Wenn sie verwirren oder nicht selbsterklärend sind, dann ist es mit der Begeisterung der Nutzer für die neue Plattform bald wieder vorbei. Deshalb würde ich Apple dringend empfehlen, einen Styleguide für die Apps herauszugeben und konsequent auf dessen Einhaltung zu achten – selbst vor dem Hintergrund, dass Apple schon jetzt dafür kritisiert wird, dass es bei der Freigabe von Apps zu rigide ist.

Ein vergleichbares Gerät wie das iPad gab es bisher nicht. Jenseits aller Neulust und Begeisterung für Design und Funktionalität: Wer braucht es eigentlich? Und wofür?

Ganz sicher ist das iPad kein Gerät, um damit in nennenswertem Umfang produktiv zu sein. Klar, damit lassen sich ein auch E-Mails lesen oder schreiben, aber im Wesentlichen wird es wohl als Schicki-Micki-Notizzettel genutzt. Im Kern ist es, wie auch der Fernseher, ein "Lean-back-Device". Es ist ein Gerät, bei dessen Gebrauch man sich auf dem Sofa oder dem Sitzplatz im Zug zurücklehnt und mit dem man primär Inhalte konsumiert statt sie zu produzieren.

Viele Manager der Medienbranche setzen große Hoffnungen auf das iPad, das – so jedenfalls die These – endlich einen neuen Weg des digitalen Medienvertriebs eröffnet, mit dem sich jenseits der Kostenloskultur des Internets auch mal wieder Geld für Inhalte verdienen lässt. Ist das realistisch?

Ein Stück Hardware, und sei sie noch so attraktiv gestylt, ist kein Geschäftsmodell. Und das entsteht auch nicht dadurch, dass es mit dem iPad nun ein Wiedergabegerät mit hohem Muss-ich-haben-Faktor gibt. Der Vertriebsweg für digitale Inhalte, den Apple mit iTunes bietet, ist attraktiv, weil er sich bei Musik und Videos als massentauglich erwiesen hat. Das Potenzial bei Textinhalten ist also vorhanden. Das entscheidende Kriterium aber ist, dass der Konsum dieser Inhalte auf dem iPad Spaß machen muss – genauso, wie der Gebrauch des Gerätes selbst. Und bei dem Punkt Spaß beim Gebrauch – wir sprechen vom "joy of use" – sieht es bei den ersten Medien-Anwendungen, die wir bisher testen konnten, eher mau aus. Wenn die iZeitung keinen echten Mehrwert bietet gegenüber dem Print-Vorbild, dann brauche ich sie auch nicht.

Wo genau klemmt es?

Wir haben uns die Apps der Tageszeitung "Die Welt", des "Time-Magazine" und der Nachrichtenagentur AP angeschaut und bei allen klemmt es irgendwo. Bei der "Welt", die die Seiten der Print-Ausgabe auf dem iPad abbildet, ist es nötig, ständig rein- und rauszuzoomen um einzelne Texte lesen oder Bilder ansehen zu können, andererseits aber den Überblick auf der Seite nicht zu verlieren. Das nervt. Bei der "Time", die ja extra ein eigenes Layout für die Darstellung auf dem iPad entwickelt hat, fehlt die Zoomfunktion und die versteckte Navigation bereitet den Nutzern Probleme. Und auch bei AP macht die Navigationsstruktur Schwierigkeiten und das Angebot wird unübersichtlich. Keines der Angebot überzeugt bisher wirklich.

Überwiegt womöglich gar die Enttäuschung?

So weit will ich nicht gehen, das iPad ist und bleibt ein tolles Stück Technik. Aber was den Nutzen beim elektronischen Medienkonsum angeht, überwog für unsere Testnutzer bisher noch der Vorteil einer richtigen Zeitung gegen über dem digitalen Pendant.

Lässt sich den damit Geld verdienen?

In er aktuellen Form jedenfalls nicht. Denn eine Zahlungsbereitschaft für digitale Inhalte – auf die ja die Medienbranche so setzt –, die konnten wir bei den Tests nicht feststellen. Eher im Gegenteil, die Teste empfanden keinen nennens- und bezahlenswerten Mehrwert der Medien-Apps. Damit sich das ändert, müssen die Programmierer noch deutlich nachlegen.

Aber das Produkt steht ja noch ganz am Anfang – und mit ihm auch das Ökosystem darum. Warten wir mal ab, ob Apple und die Entwickler-Community die Chancen nutzen, die sich mit dem iPad bieten.

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