Big Data: Wie uns die eigenen Daten verdächtig machen

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Big Data: Wie uns die eigenen Daten verdächtig machen

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Ein undatiertes Foto des Serverraum des größten sozialen Netzwerks der Welt: Facebook

Internet, Smartphone, Kreditkarten: Wir produzieren Massen von Daten. Nun beginnen Algorithmen daraus abzuleiten, was wir künftig tun werden. Werden Menschen bald für Dinge bestraft, die sie noch nicht getan haben?

Was die Macht von Big-Data-Analysen für Privatpersonen bedeuten könnte, beschreiben der Wissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger und der Datenjournalist Kenneth Cukier in ihrem neuen Buch. Sie stellen die beängstigende Frage: Werden Menschen bald für Dinge bestraft, die sie noch nicht getan haben? Ein Auszug aus ihrem Werk "Big Data - Revolution, die unser Leben verändern wird":

Nahezu 40 Jahre lang, bis zum Mauerfall im November 1989, spionierte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR Millionen Menschen aus. Die Stasi mit ihren etwa 100.000 hauptamtlichen Mitarbeitern beschattete und verfolgte die Bürger im Auto und zu Fuß, öffnete Briefe, kontrollierte Bankkonten, verwanzte Wohnungen und hörte Telefongespräche ab. Die so gewonnenen Aufzeichnungen – mindestens 39 Millionen Karteikarten und 100 Regalkilometer Akten – zeichneten detailliert jeden Aspekt des Privatlebens der Betroffenen auf. Die DDR war einer der perfektesten Überwachungsstaaten aller Zeiten.

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Gut 20 Jahre nach dem Ende der DDR werden über jeden von uns mehr Daten gesammelt und gespeichert als je zuvor. Wir stehen unter ständiger Beobachtung, wann immer wir mit Kreditkarte zahlen, per Mobiltelefon kommunizieren oder uns ausweisen. Britische Medien verbreiteten 2007 nicht ohne Ironie die Tatsache, dass es im Umkreis von 200 Metern um die ehemalige Londoner Wohnung George Orwells, des Autors von „1984“, mehr als 30 Überwachungskameras gab.

Die Geheimdienste mit drei Buchstaben sind längst nicht mehr die Einzigen, die uns ausspionieren. Amazon überwacht unsere Produktvorlieben und Google unser Surfverhalten, und Twitter weiß, was uns gerade bewegt. Facebook scheint all diese Informationen ebenfalls zu sammeln und dazu noch unsere sozialen Beziehungen. Mobilfunkanbieter wissen nicht nur, mit wem wir sprechen, sondern auch, wer sich in unserer Nähe befindet.

Weil Big Data jenen wertvolle Einsichten verspricht, die Daten analysieren, deuten alle Zeichen darauf hin, dass das Sammeln, Speichern und Verwenden unserer Daten durch Dritte nur noch weiter zunehmen wird. Größe und Umfang der gesammelten Daten werden sprunghaft wachsen, weil die Kosten für das Speichern weiter sinken und die Analysewerkzeuge immer mächtiger werden.

Wenn das Internet die Privatsphäre bedrohte, gefährdet Big Data sie noch mehr? Ist das die dunkle Seite von Big Data?

Ja, und es ist nicht die einzige. Einmal mehr ist das Entscheidende an Big Data, dass eine Veränderung im Umfang zu einer Änderung des Wesens führt. Wie wir im Folgenden darlegen, macht diese Umwälzung den Schutz unserer Privatsphäre nicht bloß schwieriger, sondern birgt auch eine neuartige Bedrohung: dass wir Menschen aufgrund von Vorhersagen bestraft werden. Das bedeutet, dass wir Vorhersagen aufgrund einer Big-Data-Analyse verwenden, um über Menschen zu richten und sie zu bestrafen, noch bevor sie überhaupt gehandelt haben.

Darüber hinaus lauert noch eine dritte Gefahr. Wir könnten zu Opfern einer Diktatur der Daten werden, indem wir die Information und unsere Analysen zum Fetisch machen und sie missbrauchen. Bei verantwortungsvoller Nutzung ist Big Data ein nützliches Werkzeug für rationale Entscheidungen. In den falschen Händen kann Big Data ein Instrument der Mächtigen werden, die es in eine Quelle der Repression wandeln. Der Einsatz ist viel größer, als viele zugeben.

Trotz ihrer enormen Möglichkeiten gab es vieles, was die Stasi nicht konnte. Sie konnte nicht wissen, wo jeder zu jedem Zeitpunkt war oder mit wem die Menschen sprachen – außer mit großem Aufwand. Heute wird ein Großteil dieser Informationen routinemäßig von Mobilfunkbetreibern und Internet-Providern gesammelt.

Im August 2006 veröffentlichte AOL einen ganzen Berg erledigter Suchanfragen mit der wohlmeinenden Absicht, dass Wissenschaftler diese Suchanfragen analysieren und interessante Erkenntnisse daraus gewinnen könnten.

Der Datenbestand umfasste 20 Millionen Suchanfragen von 657 000 Anwendern zwischen dem 1. März und dem 31. Mai 2006, und alle Datensätze waren sorgfältig anonymisiert worden; persönliche Daten wie der Nutzername und die IP-Adresse waren durch Zahlen ersetzt worden.

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