China: Zum Visum per Internet-Kauf

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Computernutzer: Bei dem chinesischen Ebay-Pendant Taobao gibt es seit kurzem auch Termine beim deutschen Generalkonsulat

von Philipp Mattheis

Auf Taobao, dem chinesischen Ebay, wird täglich von gefälschten Markenturnschuhen über Haushaltsgeräte bis hin zu Bandwürmern zu Diätzwecken alles Denkbare verhökert. Seit kurzem gehören auch Termine beim deutschen Generalkonsulat in Shanghai dazu.

Auf der Internetauktionsplattform Taobao finden Auktionen für Interview-Termine im deutschen Generalkonsulat statt. Wenn chinesische Staatsbürger nach Deutschland reisen möchten, müssen sie zunächst einen Termin mit dem Konsulat vereinbaren. Das gilt für Touristen wie für die meisten Geschäftsleute. "Die Terminvergabe erfolgt für Antragsteller mit privaten Reisepässen erfolgt ausschließlich über das Online-Terminvergabesystem des Auswärtigen Amts", heißt es in roten Buchstaben auf der Website des Generalkonsulats in Schanghai.

Doch genau hier liegt das Problem: Auf der Website sind die Termine bis weit in das Jahr 2013 ausgebucht.
Eigentlich werden dies täglich neu um sechs Uhr morgens veröffentlicht, doch, wie das WSJ berichtet, seien bereits eine Minute später sämtliche Plätze wieder vergeben.

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"In den letzten zwei Wochen war das erste, was ich nach dem Aufstehen tat, auf der Website nach einem Termin zu suchen", sagte Cecilia Cao, eine Antragstellerin, dem Wallstreet Journal. Schließlich empfahl ein Reiseagentur der 31-Jährigen auf Taobao einen Termin zu kaufen.

Auf der E-Commerce-Plattform werden reservierte Plätze von findigen Taobao-Usern, sogenannten "Scalpern", verkauft, die sich die Reservierungen vorher geholt haben. Die Preise schwanken zwischen 500 Yuan und 4000 Yuan (circa 200 Euro und 500 Euro).
Den betroffenen Konsulaten und Botschaften ist das Problem mittlerweile bekannt. "Im Vergleich zum letzten Jahr ist die Zahl der Antragsteller in Shanghai 2012 um 25 Prozent angestiegen. Daher gibt es längere Wartezeiten auf einen Termin zur Beantragung eines Visums", teilte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes auf Anfrage der WiWo mit. "Das Auswärtige Amt und das Generalkonsulat in Shanghai arbeiten mit Hochdruck an einer zeitnahen Lösung der aktuellen Situation." Zusätzliches Personal werde an der Visastelle eingesetzt. Darüber hinaus soll das Terminvergabesystem verbessert und gesichert werden.

Boom mit eigenartigen Blüten

Zuvor hatte die Botschaft auf Weibo, dem chinesischen Äquivalent zu Twitter, angekündigt, dass Versuche, das Reservierungssystem zu manipulieren, strafrechtlich verfolgt werden.
E-Commerce boomt in China in allen möglichen Facetten: Schlafräume von Universitäten oder Kinderzimmer dienen als Lagerstätten für Taobao-Produkte, ganze Dörfer leben vom Internethandel. Schon jetzt ist die Durchdringung des chinesischen Alltags von e-Commerce zumindest bei jungen Leuten stärker fortgeschritten als in westlichen Ländern. 2009 betrug das Handelsvolumen im Netz 400 Milliarden Yuan (ca. 50 Milliarden Euro). 79 Prozent davon gingen 2010 auf den Branchenriesen Taobao zurück. Auf der Website, die der Internet-Guru Jack Ma 2003 gründete, stehen 800 Millionen Produkte zum Verkauf, in jeder Minute wechseln 48000 davon ihren Besitzer.

Insgesamt shoppen etwa 150 Millionen Chinesen online. Das sind noch circa 20 Millionen weniger als in den USA. Doch eine Studie der Boston Consulting Group rechnet mit einem starken Zuwachs: 2015 werden 329 Millionen chinesische Online-Shopper im Schnitt 1000 US-Dollar im Jahr ausgeben. Der Markt wird dann mit einem Volumen von zwei Billionen Yuan (circa 250 Milliarden Euro) der größte der Welt sein. Dass gerade der E-Commerce so stark wächst, liegt auch an Schwächen des nicht-virtuellen Handels: Noch immer sind zahlreiche Gebiete in Zentral- und Westchina schwer zugänglich, die Vertriebsstrukturen ineffizient, die Infrastruktur mangelhaft: So haben die größten chinesischen Supermarktketten, GOME und Sunning, nur Filialen in 260 Städten, der amerikanische Konkurrent WalMart nur in 120 Städten.

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Dass dies wie jeder Boom eigenartige Blüten treibt, ist nichts Neues. In China werde mit allem Geld verdient, was irgendwie limitiert ist, schrieb ein Netizen sinngemäß auf Weibo. Neben Bandwürmern zu Diätzwecken wurden zum Neujahrsfest im Januar dieses Jahres Fake-Partner auf Taobao verkauft. Da viele junge Chinesen unter der großen Erwartungshaltung der Familie leiden, schnell zu heiraten, oder zumindest an den wichtigsten chinesischen Feiertagen einen heiratsfähigen Partner vorweisen zu können, konnte man kurzerhand Freund/Freundin für die Feiertage käuflich erwerben, der sich als solcher ausgab. Die Preisliste rangierte zwischen 25 Cent für einmal Händeschütteln bis zu 2,50 Euro für Karaokesingen mit der Familie.

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