Cloud Computing: Innovative Piraten, langweilige Riesen

Cloud Computing: Innovative Piraten, langweilige Riesen

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Zerschredderte Raubkopien: Internet-Nutzer verdanken Raubkopierern mehr Innovationen als den Unterhaltungsriesen.

von Thomas Stölzel

Die Internetpiraten waren die ersten, die das Webvideo dafür entdeckt haben, um Filme und Fernsehserien über das weltweite Netz zu verteilen. Zudem verdanken die Zuschauer den Raubkopierern auch noch andere Innovationen im Web – und nicht all den trägen Riesen der Unterhaltungsbranche.

Als die Piratenjäger der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) vor wenigen Tagen zu einem Treffen der Unterhaltungsindustrie luden, hatte ein Teilnehmer aufrüttelnde Zahlen im Gepäck. So verdoppelte sich in den vergangenen zwölf Monaten beim gesamten Internet-Datenverkehr der Anteil so genannter Streaming-Videos auf 14 Prozent. Nutzer können solche Streifen mit nur einem Mausklick im Netz starten. Viele der Angebote sind raubkopiert. Sie finden sich auf Seiten wie Kino.to, Megavideo und StageVu. GVU-Chef Matthias Leonardy findet drastische Worte: Für ihn sei das weltweite Web inzwischen ein „Ort der Wilderei“.

Tatsächlich leidet die Film und Fernsehindustrie unter der gewaltigen Flut illegal kopierter Inhalte im Internet. Nahezu jeder Fernsehserie ist binnen weniger Stunden nach ihrer Ausstrahlung im Web zu finden – werbefrei, kostenlos und in bester Qualität. DVD-Mitschnitte von brandneuen Kinofilmen gelangen häufig noch vor der Veröffentlichung der DVD ins Web. Das alles kostet die Industrie hunderte Millionen Dollar im Jahr, denn so manch Zuschauer fragt sich: Warum soll ich zahlen oder auf die Veröffentlichung warten, wenn ich den Film umsonst und sofort im Internet bekomme?

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Unterdessen schimpft die Unterhaltungsbranche, fordert Netzsperren für raubkopierte Inhalte und übersieht dabei die erschreckende Wahrheit: Es waren Raubkopierer, die zuerst Fernsehserien ins Internet gebracht haben, die zuerst die Streaming-Technologie für TV-Inhalte entdeckten, die zuerst zentrale Portale gründeten, wo Nutzer all ihre Lieblings-Sendungen auf einen Blick finden und starten können. Nicht Fernsehkonzerne wie RTL und ProSiebenSat.1 oder Filmstudios wie Warner, Disney und Columbia sind heute Treiber von Innovation in der Unterhaltungsindustrie. Diese Rolle haben kleine illegale Anbieter übernommen.

Über die Gründe für die fehlende Innovationskraft der Großen lässt sich nur spekulieren. Ist es die mangelnde Wendigkeit von großen Organisationen? Ist es die Angst, alte Geschäftsmodelle in Frage zu stellen, wenn damit doch noch immer Geld verdient wird? Ist es die Tatsache, dass in den entscheidenden Chefetagen Manager sitzen, die ihr Geschäft vor dem Durchbruch des Internets gelernt haben und an alten Denkmustern festhalten? Vermutlich ist es all dies zusammen.

Hinter den Raubkopierportalen dagegen sitzen mutmaßlich junge Unternehmer und Internetpioniere, die zugleich wendig und windig sind. Sie verstecken sich hinter Servern in Russland, Postfächern in Spanien und Internetadressen des pazifischen Inselarchipels Tonga.

Besonders deutlich wird die Innovationsträgheit der Industrie in Deutschlands Fernsehbranche. Jahrelang hatte sie Angebote der illegalen Streaming-Portale ignoriert. Erst nach langem Zögern starteten alle Sender für sich genommene Dienste, auf denen sie ihre TV-Inhalte auch Internetnutzern andienen. Wenn die allerdings auf der Suche nach einer geeigneten Abendunterhaltung sind, müssen sie sich noch immer durch ein Dutzend Portale klicken. Eine zentrale Video-Website der deutschen Fernsehwirtschaft gibt es nach wie vor nicht.

Inzwischen planen zwar RTL und ProSiebenSat.1 ein Portal, auf dem alle deutschen Fernsehsender ihre Inhalte publizieren können. Das Bundeskartellamt prüft gerade, ob es dafür grünes Licht gibt. Doch stellen sich die öffentlich-rechtlichen Sender quer, torpedieren mit einem eigenen Plan eines zentralen Portals das Vorhaben. So ist derzeit äußerst fraglich, ob eine solche Internetseite für die deutschen TV-Zuschauer in absehbarer Zeit Realität werden kann.

Ohnehin hatten sich die Sender lange gegen ein zentrales Portal gesträubt, wollten sie doch die eigenen Webangebote nicht kannibalisieren. Erst als die US-Videowebsite Hulu ankündigte, auch im Ausland zu expandieren, bekamen es die Deutschen mit der Angst zu tun. Denn hinter Hulu stehen große Hollywood-Studios, die sich auf Druck der Webpiraterie, zu einem zentralen Portal zusammengerauft hatten.

Mit Hulu könnten die Studios ihre aufwendigen Fernsehserien und Filme direkt auf dem deutschen Internet-Markt anbieten, ohne deutsche Sender an den Gewinnen zu beteiligen. Die hiesigen Stationen fürchten, für Zuschauer an Attraktivität zu verlieren. Einige würden in einem solchen Fall wohl tatsächlich vom Markt gefegt.

Will die Unterhaltungsindustrie in den nächsten Jahren die Piraterie nachhaltig zurückdrängen, bleibt ihr nur, selbst ständig innovativ zu sein. Anders als die Raubkopierer kann sie dabei auf riesige finanzielle und personelle Ressourcen zurückgreifen. In der Tat besteht Hoffnung, denn es gibt erste Ansätze. So dürfen die Zuschauer heute vor allem deshalb 3D-Blockbuster wie Avatar im Kino bewundern, weil die Studios und Filmtheater gleichermaßen einen Weg gesucht hatten, ein Erlebnis auf die Leinwand zu bringen, das am Computer daheim nicht so leicht reproduzierbar ist. Einst verlorene Zuschauer werden wieder ins Kino gelockt. Der Erfolg von Avatar und sich stabilisierende Kinobesucherzahlen belegen, dass die Strategie aufgeht.

Doch wird es nicht lange dauern, bis die Raubkopierer eine Lösung gefunden haben, 3D-Inhalte auch in ihren Internetvideos darzustellen – das immer schnellere Zusammenwachsen von TV-Gerät und Computer spielt ihnen dabei in die Hände.

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