Das Problem kennt jeder PC-Nutzer: Wer nur einzelne Funktionen der neuesten Windows- oder Office-Variante nutzen will, muss bei Microsoft stets das komplette Betriebssystem oder Office-Programm kaufen. Kaum besser sind die IT-Verantwortlichen in den Unternehmen dran: Wer ein Update für die kaufmännische Software benötigt, hat meist nur die Wahl zwischen ganz oder gar nicht. So war es bisher. In der Softwarebranche deutet sich jetzt ein gewaltiger Umbruch an, der die Geschäftsbeziehung zwischen Entwicklern und Nutzern von Computerprogrammen in kurzer Zeit auf den Kopf stellen könnte. „Wir stehen vor dem nächsten, tief greifenden Wandel beim Einsatz von IT in Unternehmen“, sagt Shai Agassi, für Technologie zuständiges Vorstandsmitglied bei SAP, dem weltgrößten Hersteller von Unternehmenssoftware. Serviceorientierte Architektur, kurz SOA, heißt das Schlagwort, das die Branche derzeit wie kein anderes elektrisiert. Dahinter steht die Philosophie, dass Unternehmen nicht für jeden Geschäftsprozess ein eigenes Computerprogramm betreiben müssen. Stattdessen sollen die IT-Verantwortlichen in Zukunft alle relevanten Prozesse mit vordefinierten Softwaremodulen, so genannten Services, individuell zusammenstellen können. Das Konzept erinnert an einen Lego-Baukasten, bei dem sich die Programmbausteine zu immer neuen Funktionen kombinieren lassen.
Dies würde einen dramatischen Bruch mit den Softwarekonzepten bedeuten, die in den vergangenen Jahren die IT-Infrastrukturen von Unternehmen dominierten und die zu immer gigantischeren, immer höher integrierten und immer teureren Programmpaketen führten. Mithilfe der von IT-Riesen entwickelten Programme wie SAP R/3 oder Oracles Business-Suite konnten die Manager zwar bisher von Buchhaltung bis Personalmanagement alle betriebswirtschaftlichen Aufgaben am Rechner bearbeiten. Dafür aber wurden die Programme so komplex, dass es mitunter leichter war, die Organisation des Unternehmens an die IT anzupassen als umgekehrt. „Die Zeiten der Softwaremonolithen sind vorbei“, behauptet Rob Hailstone, Softwareanalyst beim IT-Berater IDC in London. Manfred Wassel, Vorstandschef der Gütersloher Softwareschmiede Syskoplan, zieht Parallelen zur Bahnreform: „Die Softwareriesen werden gewissermaßen zu Infrastrukturanbietern, die auf ihren Gleisen auch Züge anderer Gesellschaften dulden müssen.“ Experten vergleichen den Umbruch mit den Revolutionen bei der Hardware in den vergangenen 20 Jahren. Dort beendete zunächst der Siegeszug des PC die Herrschaft der Großrechner, und Ende der Neunzigerjahre sorgte das Internet dafür, dass die bis dahin abgeschottete Unternehmens-IT Fenster nach draußen erhielt. Eine wirklich flexible Nutzung von Softwarekomponenten über Unternehmensgrenzen hinweg aber wird erst jetzt möglich – dank SOA. Die neue Architektur schafft enorme Effizienzvorteile, wie Massimo Pezzini, SOA-Spezialist beim IT-Marktforscher Gartner, am Beispiel einer Bank zeigt: „Wenn früher ein Kunde Geld überweisen wollte, ging er entweder zum Schalter, erteilte einen Online-Auftrag übers Internet oder rief im Callcenter an. Obwohl es sich im Kern um denselben Vorgang – einen Geldtransfer – handelte, musste die Bank für jeden Zweck eine eigene Software einsetzen.“ Das ändere sich jetzt: „In Zukunft mag sich die Bildschirmoberfläche an der Kasse, im Callcenter oder im Web unterscheiden – im Hintergrund aber läuft immer der gleiche Überweisungsservice.“













