David Weinberger: "Wissen entsteht künftig in Netzwerken"

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InterviewDavid Weinberger: "Wissen entsteht künftig in Netzwerken"

von Benjamin Reuter

Wie verändert das Internet unser Leben? Wenige haben sich mit dieser Frage so eingehend beschäftigt wie der Harvard-Philosoph und Bestsellerautor David Weinberger. In seinem neuen Buch sagt er eine Revolution des Wissens voraus.

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Wissens-Revolution - Den Brockhaus haben wir mit dem Smartphone heutzutage in der Hosentasche.

Über Massachusetts an der US-Ostküste ist ein Blizzard hereingebrochen. Der Philosoph und Bestsellerautor David Weinberger schickt eine kurze Nachricht: "Habe Verspätung. Sorry. Schnee."

David Weinberger, Co-Leiter des Harvard Library Innovation Lab, Philosoph und Bestsellerautor, im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Presse

David Weinberger, Co-Leiter des Harvard Library Innovation Lab, Philosoph und Bestsellerautor, im Interview mit WirtschaftsWoche.

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Wir warten. Weinberger prägt wie wenige andere die Diskussion über den gesellschaftlichen Umbruch, den das Netz ausgelöst hat. In seinem Buch "Too big to know" - "Zu groß, um es zu verstehen" - beschäftigt er sich mit dem Wissen im Zeitalter des Internets: In jedem Moment laden Nutzer mehr Informationen auf die Internet-Server, als bislang in der Menschheitsgeschichte publiziert wurden. Welche Folgen das hat? "Fakten sind keine Fakten mehr, die Experten sitzen überall, und die schlaueste Person im Raum ist der Raum", schreibt Weinberger. Alles klar? Für uns nicht. Deshalb wollen wir mit ihm sprechen. Zum Interview in seinem Büro an der Harvard-Universität kommt Weinberger wegen des Schneesturms schließlich eine halbe Stunde zu spät. Doch dann kann das Gespräch über den Online-Telefondienst Skype beginnen.

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WirtschaftsWoche: Herr Weinberger, Sie behaupten, das Internet löse gerade die größte Wissensrevolution seit Erfindung der Schrift aus. Werden wir jetzt alle klüger?

Kommt darauf an, wie wir mit dem Umbruch umgehen. Seit die Schrift existiert, gab es immer zu viele Ereignisse, Entdeckungen und Ideen auf der Welt, um sie auf Papier zu publizieren. Schriftsteller, Journalisten und Verlage mussten deshalb eine Auswahl treffen. Im Internet gibt es diese Auswahlfunktion nicht mehr. Alles geht online.

Das ist nicht unbedingt eine neue Erkenntnis. Wie verändert sich dadurch das Wissen?

Eine zentrale Veränderung ist, dass wir alle zum Medium werden. Wir veröffentlichen Filme oder Artikel im Internet, konsumieren und verlinken sie. Nachrichten erreichen heute nur noch ein großes Publikum, wenn viele meinen, die Information sei interessant genug, um sie zu twittern oder auf Facebook zu posten. Nicht mehr ein einzelner Journalist entscheidet, ob etwas wichtig ist, sondern die vernetzte Masse. Wissen steht künftig nicht mehr in einer Zeitschrift oder einem Buch, sondern in Netzwerken.

Facebook wird also zu einer Art digitaler Bibliothek?

Mehr als das. Denn in diesen Netzwerken findet man die Experten, die argumentieren und streiten. Das Spannende daran ist: Das erste Mal sehen wir, wie Wissen überhaupt entsteht. Wir sehen Wissen als etwas, das immer wieder neu verhandelt und diskutiert wird. Facebook und andere Netzwerke sind also gleichzeitig eine Art Bibliothek, aber auch ein Labor für neue Ideen.

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