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Elektronikmesse CES: Wie die Web-Riesen den Fernseher erobern

von Peter Steinkirchner, Jürgen Berke und Matthias Hohensee

Erst Computer, dann Smartphone, jetzt Fernseher: Web-Riesen wie Apple und Google wollen mit neuen Ideen einen weiteren Milliardenmarkt erobern. Doch diesmal ist die Konkurrenz besser vorbereitet. Gewinner ist der Zuschauer, dem ein völlig neues TV-Gefühl winkt.

Die Highlights der CES 2012

Die neuen Fernseher werden immer schlauer - und lassen damit viele Zuschauer dumm dastehen. Denn die wissen oft nicht mehr, wie sie mit 50 Kanälen, YouTube, Internet und den unvermeidlichen Apps klarkommen sollen. Auf der Elektronikmesse CES sucht die Branche nach Lösungen. Was der südkoreanische Konzern in diesen Tagen auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas zeigt, hat mit der Realität im Wohnzimmer der meisten Zuschauer wenig zu tun. Viele haben mittlerweile schicke Flachbildschirme, aber wer darauf YouTube-Videos, Blockbuster aus der Online-Videothek oder Urlaubsfotos von seinem PC gucken will, muss meist umständlich auf der Fernbedienung herumtippen, falls er überhaupt das richtige Menü findet. Die Fernseher können immer mehr, werden aber auch immer komplizierter. Die Branche weiß um das Problem - und will Abhilfe schaffen. Etwa mit intuitiven Fernbedienungen - bislang eine Rarität - sowie mit Stimme und Gesten, wie bei Samsung demonstriert. Einen Ansatz hat LG bereits im vergangenen Jahr vorgeführt: Der koreanische Hersteller verkauft einige Modelle mit einer „Magic Remote“, übersetzt: Zauber-Fernbedienung. Sie ermöglicht es, mit Fingergesten durch Menüs zu navigieren. Die neue Generation des Steuergerätes hat auch ein Mikrofon und gehorcht auf Sprachkommandos. Zudem hat LG eine 3D-Kamera entwickelt, die Bewegungen registriert und umsetzt. Beides - Sprach- und Gestensteuerung - bietet Microsoft mit seiner Xbox-Steuerung Kinect schon länger. Sony zieht nun nach: Wie LG bringt der japanische Konzern eine Fernbedienung heraus, die neben Fingerbewegungen auch Sprachbefehle versteht.

Bild: dapd

Wer rein will ins Fernsehen der Zukunft, muss erst einmal den Eingang finden. Alles ist verrammelt hier in Berlin-Pankow, blassgelbe Klebebänder decken die Glasfront ab im Erdgeschoss des dreistöckigen Plattenbaus an der Grabbeallee. Endlich öffnet sich eine Pforte, und drinnen wartet Conrad Fritzsch. Der 42-Jährige – dunkle Hornbrille, schwarze Jeans, V-Pulli mit T-Shirt drunter – empfängt in dem kargen Bau, in dem zu DDR-Zeiten die Botschaft Australiens saß. „Ich glotze gerne, aber irgendwann hat mich das normale Programm nicht mehr interessiert“, kommt der tape.tv-Chef zur Sache.

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Fritzsch und Mitgründerin Stephanie Renner sind quasi Intendanten einer neuen Fernsehanstalt, die ihre Sendungen ausschließlich im Internet ausstrahlt. Es gibt kein Programmschema mit festen Anfangszeiten: Wer www.tape.tv in den Rechner eingibt, klinkt sich ein in den alle sechs Stunden neu zusammengestellten Strom aus 20 Musikvideos.

Neue Fernsehwelt

  • Programmdirektor Google

    Gemeinsam im Kreis der Familie um 20 Uhr die „Tagesschau“ angucken – die Fernsehsender verlieren ihr Privileg, mit einem festen Programmschema den Alltag der Zuschauer zu bestimmen. Der Zuschauer wählt künftig selbst je nach Stimmungslage und Zeitbudget eine geeignete Sendung aus und vertraut darauf, dass Suchmaschinen wie Google ihm aus einer kaum noch überblickenden Zahl von Programmen das Gewünschte herauspicken.

  • Entmachtete Netzbetreiber

    Bisher entschieden die Deutsche Telekom oder Kabel Deutschland, welche TV-Programme sie in ihre Netze einspeisen. Mit der Verbreitung von superschnellen Verbindungen im Festnetz und Mobilfunk lässt sich Fernsehen auch direkt über das Internet übertragen. IT-Dienstleister sorgen mit riesigen Rechnerparks dafür, dass auch große Datenpakete wie Live-Bilder von der Fußball-Bundesliga ohne Ruckeln auf Computer- oder Fernsehschirmen ankommen.

  • Gerätehersteller in Zugzwang

    Bisher zappen die Zuschauer mit der Fernbedienung durch die Programme. Künftig übernehmen Betriebssysteme wie Googles Android und Apples iOS auch das Kommando über den Fernseher. Die auf den Smartphones so populären Apps tauchen auch auf dem Bildschirm auf und führen die bisher strikt getrennten Computer- und TV-Welten zusammen. Statt mit der Fernbedienung steuert der Zuschauer Programme mit seiner Stimme oder durch Körperbewegungen an.

Streamen entsprechend der Stimmung

Wem ein Clip nicht gefällt, springt einen weiter oder startet einen neuen Stream entsprechend der aktuellen Stimmung: winterlich, müde oder verliebt. Wer mag, kann sich sein Programm selbst basteln: 45.000 Musikvideos sind abrufbereit. Ein Klick reicht, schon kommen die Bilder in einer Qualität auf den Monitor, die man sonst nur vom Fernsehen kennt.

Tape.tv, eines von 1400 Web-Fernsehangeboten in Deutschland, wird immer mehr zum richtigen Sender und baut neben den Videoclips eigene Sendungen ins Programm ein: Konzerte („Auf den Dächern“), Interviews, Talkrunden („6 Kurze, 6 Fragen“). Da tape.tv mit Partnern wie ZDFkultur, spiegel.de oder bild.de kooperiert, sticht der Kanal aus der Angebotsflut im Netz heraus.

Bis zu vier Millionen Zuschauer zwischen 19 und 39 Jahren

Innerhalb von drei Jahren schafften die Berliner nach jüngsten Online-Erhebungen so den Sprung von 50.000 Nutzern im Monat auf bis zu vier Millionen Zuschauer zwischen 19 und 39 Jahren. Geht es nach Fritzsch, sollen es 2012 acht Millionen monatlich werden. Und den Bruttowerbeumsatz von 20 Millionen Euro 2011 will Fritzsch 2012 verdreifachen.

Tape.tv ist der Prototyp einer interaktiven TV-Station und Protagonist eines Trends, der der Medienwelt die radikalste Veränderung seit der Entwicklung des Farbfernsehers vor 40 Jahren bescheren wird und schon jetzt traditionellen Fernsehmachern weltweit Kopfschmerzen bereitet: Durch das Internet wird die Glotze mobil, sozial und ihre Inhalte zu jeder Zeit verfügbar.

Bildschirm mit Web-TV (Fußball-Bundesliga) und Apps Quelle: Foto: Picture-Alliance dpa, Montage Dmitri Broido
Apps mal anders: Web-Riesen wie Apple und Google wollen am Fernsehgeschäft mitverdienen Quelle: Foto: Picture-Alliance dpa, Montage Dmitri Broido

Auf der Consumer Electronics Show, die am 10. Januar in Las Vegas beginnt, stellen Hersteller wie Samsung, Philips und Sony eine neue Generation interaktiver Fernsehgeräte vor, auf denen Internet und TV zu einer Einheit verschmelzen. Damit drängen auch Web-Giganten wie Apple und Google ins Fernsehgeschäft. Vor allem Apple will nach den Verkaufserfolgen des Musikabspielers iPod, des internetfähigen Mobiltelefons iPhone und des Tablet-Rechners iPad einen weiteren Coup landen und mit dem iTV einen weiteren Milliardenmarkt neu erfinden.

Noch in diesem Jahr, wahrscheinlich im Sommer, soll der erste intuitiv zu bedienende Apple-Fernseher auf den Markt kommen. Sollte es Apple gelingen, seine Fangemeinde für das neue iTV zu begeistern, könnte eine völlig neue Fernsehwelt entstehen, die nicht von Landesmedienanstalten, sondern vom kalifornischen Silicon Valley aus kontrolliert wird.

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