Googles Chrome und Datenschutz: Daten erschnüffeln im Internet - macht doch jeder!

KommentarGoogles Chrome und Datenschutz: Daten erschnüffeln im Internet - macht doch jeder!

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Matthias Hohensee berichtet für die WirtschaftsWoche aus dem Silicon Valley

Mit Chrome fügt Google seinem Datensammelinstrumentarium ein weiteres Werkzeug hinzu. Na und? Ein Kommentar von USA-Korrespondent Matthias Hohensee.

Es gibt nur wenige Unternehmen, die einen Pawlowschen Reflex hervorrufen – muss ich ausprobieren, sofort. Apple gehört dazu. Auch Google – klar. Als Googles Chrome Browser am 2. September herauskam, griff ich zum äußersten – und kaperte den Computer meiner Frau. Sie besitzt den einzigen Rechner in unserem Haushalt, auf dem Windows läuft. Google Chrome läuft derzeit nur auf Windows. Sie hasst es, wenn neue Software installiert wird, aus panischer Angst, dass danach gar nichts mehr funktioniert. Sorry, Microsoft – das hat sich über die Jahre so eingebrannt.

Das es sich bei Chrome um Software im Teststadium handelt, verschwieg ich natürlich. Umso erleichterter war ich, als die Version stabil lief und auf der vier Jahre alten Kiste sogar relativ flott. Natürlich habe ich die Nutzungsbestimmungen nicht gelesen. Nach der ersten Surfsession auf Chrome war ohnehin klar – Google hat seinem mächtigen Arsenal an Datensammelwerkzeugen ein neues, beeindruckendes Instrument hinzugefügt. Am effektivsten ist Chrome, wenn man sein Surfverhalten mitschneidet. Dann kann das Programm tatsächlich mit der Zeit erahnen, was man vorrangig sucht. Wie sollte es das auch anders leisten?

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Was haben wir also alles im Hause Google? Google Earth, mit dem man beispielsweise Günther Jauch in den Garten und auf den Bootssteg schauen kann, was dessen Anwalt ärgert. Google Maps mit Straßenansicht, bei denen Google-Mitarbeiter pflichtschuldig und ohne Furcht (in den USA gar nicht so ohne) sogar Privatstraßen befahren, um Fotos von dort liegenden Gebäuden zu machen.

Wir haben Orkut, Googles Version eines sozialen Netzwerks, das sich vorrangig in Brasilien durchgesetzt hat und wo es ungewöhnlich viele hübsche, junge Frauen mit dem Nachnamen Hohensee gibt, die regelmäßig mit mir korrespondieren wollen. Ebenso wie die vielen Nigerianer, die ausgerechnet mir ihre Millionen anvertrauen möchten.

Dann Gmail (in Deutschland unter dem Namen Google Mail bekannt): wiwo.de-Chefin Angela Hennersdorf fragt einen Kommentar zu Google Chrome an. Und über ihrer E-Mail poppt die Anzeige auf  – Babylon A. D. Ich soll mir also lieber den Film angucken, der von 95 Prozent aller US-Filmkritiker verrissen wird. Zeitverschwendung – steckt bestimmt Google dahinter.

Wenn ich in mein Google-Postfach links schaue, sehe ich unter Status einen Ex-Google-Mitarbeiter, der nun die Welt bereist und regelmäßig seinen Bekannten mitteilt wo er gerade ist – Hawaii!

Mittels Picasa kann ich via Google Fotos meiner Familie hochladen. Mit Kalender meinen Terminplan mitteilen. Google Desktop würde meinen Computer durchsuchen  - und so weiter und so fort. Google hat in ein Unternehmen investiert, das Gentests auswertet, wie persönlicher kann es noch werden?

Was würde der wortgewaltige Ex-Sun-Microsystems-Chef Scott McNealy dröhnen, der schon vor Jahren Privatsphäre im Reich des Internet als Ammenmärchen abtat: „Get over it!“

Richtig habe ich das vor einem Jahr kapiert, als bei einer Podiumsdiskussion über soziale Netzwerke im Silicon Valley sich niemand für die möglichen Gefahren für die Privatsphäre interessierte. Gläserner Kunde? Ach was, Diskussionen der frühen neunziger Jahre. Alle waren daran interessiert, wie man die Netzwerke für sich nutzen kann und wie damit um Gottes Willen langfristig Geld verdient werden soll. Letzteres steht heute noch im Raum. Können die Werbeeinahmen den ständig wachsenden – und zu bezahlenden - Bedarf an Speicher und Bandbreite decken? Privatsphäre? Ach, machen doch alle.

Es stimmt. Und niemand zwingt uns dazu, diese Produkte zu nutzen. Jeder muss selbst beurteilen, wie viel er preisgibt. Ich würde nie irgendwelche hochsensitiven Informationen über Gmail schicken. Ich kann andere Produkte dafür nutzen. Solange es die gibt. Dort liegt die eigentliche Gefahr.

Google hat jetzt 70 Prozent Marktanteil bei den Suchmaschinen in Deutschland, mehr als in den USA. Das Unternehmen wird immer mächtiger, es ist börsennotiert, zum bedingungslosen Wachstum verpflichtet. Es setzt Trends. Was wäre, wenn es keine werbefreien E-Mail-Dienste mehr gäbe, weil niemand dafür bezahlen will?

Die Machtfülle macht es schwer für die Konkurrenten, schadet langfristig dem Wettbewerb und ist auch für Google selbst gar nicht gesund – Marktmacht bringt eine gewisse Trägheit und Arroganz mit sich. Deshalb war der von Microsoft beabsichtigte Kauf von Yahoo gar nicht so schlecht. Lieber ein ernstzunehmender und finanzkräftiger Google-Wettbewerber im Internet als zwei Kastrierte.

Die Datensammelwut wird niemand vermeiden können – weder bei Google noch bei Yahoo noch bei Microsoft. Die Werkzeuge dafür sind da. Viele Geschäftsmodelle im Internet sind darauf ausgelegt, die Gewohnheiten der Nutzer zu analysieren – mehr oder weniger anonymisiert. Sicherlich, wer in einer Demokratie lebt, kann im wahrsten Sinne des Wortes gut reden. Bei anderen wird aus der Redefreiheit im Internet ein Strick gedreht – so wie es den chinesischen Regimekritikern Wang Xiaoning and Shi Tao erging, die Yahoos E-Mail-Dienste nutzten.

Wie wäre es mit einem Browser, der kaum Spuren im Internet hinterlässt, über ein Netz von Proxy-Servern, die alle Surfspuren automatisch verwischen und ihren Inhalt selber löschen? Auch nicht hundertprozentig sicher, weil er ja von jemanden betrieben werden muss. Aber wo hat man schon hundertprozentige Sicherheit? Nachfrage gibt es garantiert. Vielleicht sollte man ähnlich wie bei den Emissionsrechte-Börsen, wo sich Umweltverschmutzer von ihren Sünden freikaufen können, Internet-Unternehmen dazu verpflichten, digitale Privatsphäre zu finanzieren. Google? Anyone?

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