WirtschaftsWoche: Herr Samwer, bleiben auch bei der zweiten Welle Internet den Deutschen nur die Brosamen vom Tisch der Amerikaner?Samwer: Ich glaube nicht. Im Internet kommen die großen Trends zwar weiter aus den USA – bei Mobile übrigens aus Japan und Korea. Aber deutsche Internet-Unternehmer holen auf. In Europa liegen wir gleichauf mit England, aber deutlich vor Frankreich und Skandinavien. Noch ein, zwei weitere Wellen und wir sind auf Augenhöhe. Werden die großen amerikanischen Communitys den deutschen Markt erobern, so wie Google, Ebay und Amazon? MySpace hat gerade eine deutsche Seite gestartet. Auf keinen Fall. MySpace wird in Deutschland nur ein Anbieter unter vielen sein. Gründer und Finanziers sind hier hellwach. Dazu sind Social Networks ihrem Wesen nach dezentral. Sogar in England, wo es keine Sprachbarriere gibt, ist das einheimische Bebo.com beliebter als MySpace. Amerikanische Venture-Kapitalisten schauen darum nach Europa und fragen: Wo ist die nächste SAP, das nächste Skype? Früher gab’s im Valley die Regel: Was nicht im 30-Meilen-Radius liegt, interessiert uns nicht. Das ist vorbei. Am Geld muss kein deutsches Startup scheitern. Sehen Sie nach OpenBC weitere Börsengänge für deutsche Web-Unternehmen? Nicht in den nächsten sechs bis neun Monaten. Danach könnte ich mir das vorstellen, etwa für unsere Beteiligung E-Sport. Was bringen deutsche Unternehmen ein? Es gibt eine Reihe deutscher Tugenden, die ja auch die SAP groß gemacht haben: Unaufgeregtheit, Ingenieurskunst, Liebe zum Detail. Außerdem sind wir Deutschen in der Regel ein Stück bescheidender, hartnäckiger, weniger oberflächlich als die Amerikaner. Die deutschen Communities wie OpenBC und unsere Beteiligungen StudiVZ und Lokalisten.de machen vieles anders und besser als die amerikanischen Vorbilder. Und ich sehe ein neues Selbstbewusstsein: Viele deutsche Gründer haben heute den US-Markt im Blick. In vielen Ländern ist Blogging längst ein Business. Warum nicht in Deutschland? Vielleicht liegt’s an der deutschen Mentalität. Wir sind etwas introvertierter, vielleicht auch vorsichtiger im Formulieren eines eigenen Standpunkts. Noch bloggen hier nur die Early Adopters. Aber: Alle neuen Kommunikations-Phänomene haben sich früher oder später weltweit durchgesetzt: MTV, Handy, SMS, E-Mail, Chat, Online-Shopping, Musik-Download – warum sollte das beim Blogging anders sein? Wie müssen sich etablierte Unternehmen auf diese Trends einstellen? Der normale Mensch kann und will sich künftig äußern und einbringen. Wer diesen Trend in Medien und Marketing verpennt, wird’s sehr, sehr schwer haben in Zukunft auch nur sein Stammgeschäft zu verteidigen. Medienunternehmen sollten übrigens nicht selber gründen, sondern Startups mitsamt ihren Gründern kaufen. Was wird „the next big thing“, in das Sie investieren? Wir glauben fest an MMOGs – Massive Multiplayer Online Games, wie unsere Beteiligung E-Sport für 20- bis 30-Jährige oder Habbo Hotel für Jüngere und World of Warcraft für die Älteren. Zu Hause am Computer sitzen und weltweit mit Freunden spielen – das ist die Zukunft. Schon heute wird weltweit mehr Geld für Spiele ausgegeben als für Musik oder Kino. Oliver Samwer, 34, gründete 1999 mit seinen Brüdern Marc und Alexander das Auktionshaus Alando.de und verkauft es nach sechs Monaten für 50 Millionen Dollar an Ebay. 2000 gründeten die Brüder den Mobilfunk-Service Jamba (Klingeltöne) und verkauften ihn 2004 für 273 Millionen Dollar an den US-Konzern VeriSign. Mittlerweile hält dort Rupert Murdoch die Mehrheit. Die Samwer-Brüder investieren in Web2.0-Unternehmen wie StudiVZ, MyVideo, E-Sport und MyPhotobook.
Gründer-Legende Oliver Samwer im Interview: „Ein neues Selbstbewusstsein“
Zu diesem Artikel









