Inside Wikileaks: Zwischen Macht und Größenwahn

Inside Wikileaks: Zwischen Macht und Größenwahn

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Wikileaks-Gründer Julian Assange

von Jürgen Berke

Das Enthüllungsbuch „Inside Wikileaks“ gerät zur Generalabrechnung mit Wikileaks-Gründer Julian Assange und gibt überraschende Einblicke in eine Organisation, die die Welt bewegt, aber längst nicht so professionell arbeitet, wie sie vorgibt.

Klappern gehört zum Geschäft. Und auch Daniel Domscheit-Berg, der ausgestiegene Ex-Sprecher der Enthüllungsplattform Wikileaks, will mit seinem Inside-Tagebuch über „meine Zeit bei der gefährlichsten Web-Seite der Welt“ – wie es auf dem Cover heißt - die Bestsellerlisten stürmen. Doch schon die Lektüre der ersten Kapitel verrät: Domscheit-Berg nutzt das Buch, um mit einigen Märchen und Legenden aufzuräumen, die seit der Gründung um die Enthüllungsplattform ranken.

Die wichtigste Erkenntnis: Wikileaks ist gar nicht so straff durchorganisiert, wie sie der Weltöffentlichkeit seit Jahren vorgaukelt. Es gibt auch keine Schaltzentrale, in der alle Fäden zusammenlaufen. Julian Assange und eine Handvoll Mitstreiter sind Webbürger ohne festen Wohnsitz, die von einem Sofa zum anderen pilgern und von dort aus Geheimdokumente sichten und zusammen mit Medienpartnern und möglichst viel Publicity auf Wikileaks veröffentlichen. Domscheit-Berg zieht in dem Buch einen Schlussstrich unter die drei Jahre währende Zusammenarbeit mit Assange. Der Australier, charakterisiert Domscheit-Berg, sei „,machtversessen“, „paranoid“ und „größenwahnsinnig“.

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Der Julius Bär-Krimi

Aus wirtschaftlicher Sicht besonders lesenswert ist das Kapital über die Aufdeckung des Steuerbetrugs beim Schweizer Bankhaus Julius Bär, mit der Wikileaks vor drei Jahren viele Schlagzeilen machte. Detailliert schildert Domscheit-Berg, wie er und seine Mitstreiter im digitalen Postfach im Januar 2008 einen Wuchst von Zahlen und Berechnungen, Organigrammen, Workflows und Verträgen fanden. Auf Hunderten von Seiten waren der interne Schriftverkehr, Memos und Kalkulationen des Bankhauses Julius Bär abgebildet – einer der größten Privatbanken in der Schweiz. Aus den Papieren ließ sich nachvollziehen, wie Millionenvermögen vor der Steuerfahndung versteckt wurden. „Die Cleverness der Menschen, die sich das ganze System ausgedacht hatten, beeindruckte mich“, schreibt Domscheit-Berg.

Domscheit-Bergs Rekonstruktion der Ereignisse gerät zu einer spannenden Fallstudie über Macht und Ohnmacht im Internet. Dieser Teil des Buchs liest wie ein Tatsachenkrimi. Erst die Veröffentlichung der Geheimdokumente, dann die einstweilige Verfügung der Julius-Bär-Anwälte und das erste Urteil eines kalifornischen Gerichts, das die Seite vom Netz genommen werden sollte. Für Wikileaks war es der erste Test, „ob sich das System, das in der Theorie so großartig ausgetüftelt war, in der Praxis bewährte“, wie Domscheit-Berg zugibt.

An Wikileaks die Tatzen verbrannt

Mit großer Genugtuung beschreibt Domscheit-Berg, wie das Bankhaus schließlich vor Wikileaks kapitulierte. Medien- und Bürgerrechtsbewegungen schlugen sich auf die Seite der Enthüllungsplattform. Der öffentliche Aufschrei war groß und die Justiz lenkte ein. Nach knapp zehn Tagen revidierte der Richter sein vorschnelles Urteil – und die Seite wurde wieder freigeschaltet. Eine Woche später ließ auch das Bankhaus Julius Bär die Klage fallen.

Innerhalb weniger Tage war Wikileaks weltweit bekannt. „Ohne die Klage von Julius Bär hätten wir das niemals so schnell erreicht“, schreibt Domscheit-Berg. Der Niederlage von Julius Bär hatte ungeahnte Folgen: Wikileaks war quasi über Nacht als Enthüllungsplattform etabliert. Und niemand traute sich, gegen Veröffentlichungen vorzugehen. „Es gab nie wieder eine Klage gegen Wikileaks.“

Ein Teil des Größenwahns, den Julian Assange heute ausstrahlt, rührt wohl aus dem Triumph in dieser Auseinandersetzung. „Ein Bankhaus mit unendlichen Ressourcen, das eine Promi-Anwaltskanzlei mit seiner Vertretung betraut hatte – und die konnten nichts ausrichten gegen uns und unser cleveres Konstrukt. Diese Bärenbosse waren es vermutlich gewohnt, Leute mit einem einzigen Brief zum Schweigen zu bringen. An uns verbrannten sie sich die Tatzen“, beschreibt Domscheit-Berg. Wikileaks hatte die Feuertaufe bestanden.

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