Internet-Ethiker Luciano Floridi: Künstliche Intelligenz macht arbeitslos - gut so

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InterviewInternet-Ethiker Luciano Floridi: Künstliche Intelligenz macht arbeitslos - gut so

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Der Professor für Philosophie und Informationsethik an der Universität Oxford, Luciano Floridi, im Interview mit WirtschaftsWoche. (zum Vergrößern bitte anklicken)

von Katharina Matheis

Jeder ein Rentner, ohne in Ruhestand gehen zu müssen. Der Netzphilosoph Luciano Floridi propagiert die Chancen künstlicher Intelligenz - und fordert eine fairere Verteilung der Gewinne durch neue Techniken.

WirtschaftsWoche: Herr Floridi, wird uns künstliche Intelligenz arbeitslos machen?

Luciano Floridi: Oh ja, das sollte sie!

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Wie bitte?

Natürlich. Denken Sie an die vielen Menschen mit unerfreulichen Jobs. Sie müssen jeden Tag stundenlang etwas tun, das sie eigentlich nicht mögen, immer mit Blick auf den Feierabend und das Wochenende. Ihr Arbeitsleben ist in keiner Weise bereichernd. Wir sind nicht dafür da, so zu arbeiten. Wenn künstliche Intelligenz all diese Tätigkeiten übernimmt, wäre das doch großartig. Wie mein Geschirrspüler: Er nimmt mir Arbeit weg, aber bin ich deshalb unglücklich? Natürlich nicht.

Zur Person

  • Luciano Floridi

    Luciano Floridi ist Professor für Philosophie und Informationsethik an der Universität Oxford. Er gehört unter anderem zum Experten-Beirat für Google zum Recht auf Vergessenwerden.

Sie wären vermutlich unglücklich, wenn auch Ihr Einkommen wegbricht.

Genau das ist der Punkt. Das Problem ist nicht die Arbeitslosigkeit. Das Problem ist der Einkommensverlust. Wenn also bestimmte Jobs von künstlicher Intelligenz ausgeübt werden, müssen wir entweder neue Tätigkeiten für die Erwerbslosen finden, oder wir müssen ihnen ein Einkommen schaffen. Wir sollten über ein Grundeinkommen nachdenken. Ich träume von einer Zukunft, in der jeder ein Rentner sein kann, ohne in Ruhestand gehen zu müssen.

Und wer soll diese schöne, lebenslange Rente bezahlen?

Wir brauchen schlichtweg mehr Verteilung und Bewegung des Reichtums, den wir mit neuen Technologien generieren. Stellen Sie sich Folgendes vor: Eine Hightechfirma benutzt künstliche Intelligenz, wird extrem erfolgreich und erwirtschaftet ein großes Vermögen. Wenn wir es vernünftig hinbekommen, wird solch ein Unternehmen entsprechend mehr Steuern zahlen. Davon wiederum könnten wir ein Grundeinkommen generieren, das die Menschen ausgeben, um Produkte und Dienstleistungen zu kaufen. So wird das Ganze zur Win-win-Situation.

Big Data Und das Netz vergisst doch

Während altsyrische Tontafeln noch nach mehr als 3000 Jahren lesbar sind, verweigern elektronische Datenträger nach nur wenigen Jahren den Dienst. Was wird aus unserer Erinnerungskultur, wenn unsere Daten verloren gehen?

Das Internet ist vergesslich. Quelle: Getty Images

Das klingt utopisch. Unternehmen werden dorthin ziehen, wo sie weniger Steuern zahlen und mehr Geld verdienen.

Natürlich, doch es könnte ein regulatorisches Ideal sein. Ein Zustand, den wir nie erreichen, aber immer anstreben. Seit der Erfindung des Rads war es stets unser Ziel, nicht mehr zu arbeiten. In einer berühmten Passage von Dantes „Divina Commedia“ erinnert uns Ulysseus daran: „Ihr seid nicht da, um wie Tiere zu leben. Ihr sollt nach Tugend und nach Wissen streben.“

Glauben Sie denn, dass Ihr Job sicher ist?

Philosophie ist der zweitälteste Beruf der Welt, ich werde bestimmt nicht durch eine smarte App ersetzt werden. Alle Aktivitäten, bei denen es auf Intelligenz im Sinne von menschlicher Flexibilität und Feingefühl ankommt, können nicht von Robotern ausgeführt werden. In allen anderen Industrien wird es einen massiven Umbruch geben.

Die Entwicklungsstufen Künstlicher Intelligenz

  • 1950 - Alan Turing

    Der britische Informatiker entwickelt den nach ihm benannten Test. Er soll ermitteln, ob eine Maschine denken kann wie ein Mensch. Ein russischer Chat-Roboter soll ihn 2014 erstmals bestanden haben.

  • 1956 - Dartmouth-Konferenz

    Experten einigen sich auf den Begriff "Künstliche Intelligenz". Der Rechner IBM 702 dient ersten Forschungen.

  • 1974 - Erster KI-Winter

    Katerstimmung bei den Forschern: Die Fortschritte bleiben hinter den Erwartungen zurück. Computer sind zu langsam, ihre Speicher zu klein, um die Daten von Bildern oder Tönen zu verarbeiten. Budgets werden gestrichen, erst ab 1980 geht es wieder voran.

  • 1997 - Deep Blue

    Der Supercomputer von IBM siegt im Schachduell gegen Weltmeister Garry Kasparov. Die Maschine bewertete 200 Millionen Positionen pro Sekunde. 2011 siegt IBMs Software Watson in der Quizsendung "Jeopardy".

  • 2005 - Ray Kurzweil

    Der KI-Forscher sagt in einem Buch für das Jahr 2045 den Moment der "Singularität" voraus: Die Rechenleistung aller Computer erreicht die aller menschlichen Gehirne. Seit 2012 arbeitet Kurzweil für Google an KI-Systemen.

  • 2014 - KI-Boom

    Ein Google-Programm beschreibt präzise in ganzen Sätzen, was auf Fotos zu sehen ist. Nahrungsmittelkonzern Nestlé kündigt an, 1000 sprechende Roboter namens Pepper in seinen Kaffeeläden in Japan als Verkäufer einzusetzen. Physiker Stephen Hawking warnt: KI könne eines Tages superschlau werden – und die Menschheit vernichten.

  • 2045 - Roboter-Revolution

    Computer sind schlau wie Menschen – und machen sogar Witze. Fabriken, Verkehr und Landwirtschaft sind nahezu komplett automatisiert.

Welche Jobs sind am meisten gefährdet?

Alle Arten von Routinejobs. Und am Ende können Sie fast jeden Job in eine Serie von immer gleichen Tätigkeiten aufteilen. Das gilt auch im digitalen Raum, ob Literaturrecherche, Homepages bauen oder Produkte evaluieren. Es werden Bereiche betroffen sein, die wir bislang als komplett sicher einstufen. Es gibt Experimente, in denen künstliche Intelligenz ein Krebsgeschwür besser erkannt hat als erfahrene Onkologen. Andere Algorithmen wiederum schreiben Sportberichte so, dass man sie nicht von denen der Journalisten unterscheiden kann.

Also wird es auch Menschen betreffen, die ihren Job lieben.

Ja, das wird passieren. Das wird im Zweifel für den Einzelnen ein Problem sein, nie aber für die gesamte Gesellschaft – je nachdem, wie gut wir den damit generierten Reichtum verteilen. Und gleichzeitig wird es viele neue Tätigkeiten geben. Dinge, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

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