Internet: MP3-Erfinder will dumme Geräte internetfähig machen

Internet: MP3-Erfinder will dumme Geräte internetfähig machen

von Matthias Hohensee

Ein Weltstandard ist MP3-Miterfinder Karl Heinz Brandenburg nicht genug. Ein von ihm finanziertes Startup rührt auf der Unterhaltungselektronikmesse CES die Werbetrommel für eine neue Methode zum Verteilen von Videos und Audio über das Internet. Millionen von simplen Geräten hätten auf einen Schlag Zugang zu Inhalten aus dem Internet.

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MP3-Player: Das Format revolutionierte den Musikmarkt

Mit dem Audiodatei-Format MP3 etablierte Miterfinder Karlheinz Brandenburg einen Weltstandard, erschütterte das Fundament der Musikindustrie und bescherte den Herstellern von Unterhaltungselektronik eine neue Einnahmequelle. Ohne das Datenkompressionsformat, das durch die Musikpirateriebörse Napster und zahlreiche Programme zum Rippen von CDs populär wurde, hätte die Online-Musikrevolution nicht oder verspätet stattgefunden.

Als wäre MP3 nicht Lebensleistung genug, will der Leiter des Fraunhofer Instituts für Digitale Medientechnologie in Ilmenau das Kunststück gleich noch einmal wiederholen. Diesmal als Investor und Berater von Perfect Stream aus Berlin, ehemals Audiantis GmbH. .„Wir wollen einen Weltstandard für das Bereitstellen von Medien via Internet setzen“, sagt der Professor. Das im November 2009 formierte Startup hat eine Software entwickelt, die das Ausstrahlen von Audio und Videos via Internet wesentlich vereinfacht, ökonomischer für Netzbetreiber macht und vor allem Millionen von zusätzlichen Geräten zu neuen Empfängern werden lässt.

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In einer Hotelsuite im 13. Stock des Las Vegas Hilton,  am Rande der Unterhaltungselektronikmesse CES, haben Brandenburg und sein Team eine Reihe solcher „dummen Geräte“, wie Brandenburg sie nennt, aufgestellt. Darunter ein digitaler Bilderrahmen, der Videos aus dem Internet abspielt. Oder ein Uralt- Handy von Nokia aus dem persönlichen Bestand des Professors, das dank der Perfect Stream Technologie nun Musikstücke aus dem Internet wiedergeben kann. Oder ein etwas moderneres Billig-Klapphandy, das neben Audio und Video nun Statusmeldungen aus Twitter oder Facebook anzeigt. Das klappt, weil die Berliner verschiedenste Medienquellen miteinander kombinieren und ausstrahlen können – auch die Inhalte von Webseiten. „Das Endgerät muss nur fähig sein, Audio und Video wiederzugeben, das reicht“, sagt Perfect-Stream-Chef Hardy Krause.

Anpassung des Datenstroms per Internetsoftware

Das Prinzip dahinter ist simpel - es ist eine Art Cloud Computing für Medienunternehmen und Netzbetreiber. Die Intelligenz steckt im Internet, die damit auch „dumme Geräte“ erhellen kann. Derzeit ist das Bereitstellen von Audio und Video via Internet ziemlich aufwändig und uneffektiv. Für jede Endgeräteart müssen die Daten extra aufbereitet werden, damit der Empfänger sie richtig darstellt. Das ist ungefähr so, als ob Fernsehstationen eigene Kanäle für Panasonic, Sony oder Sharp-Flachbildschirme einrichten müssten.

Bei der Lösung der Berliner wird die Anpassung auf das Endgerät automatisch im Netz vorgenommen. Die Software erkennt, ob ein Samsung oder Nokia-Handy, ein Bilderrahmen oder ein Netbook am anderen Ende hängt und passt den ausgesendeten Datenstrom entsprechend an. Der Prozess ist flexibel. Mobiltelefongesellschaften können beispielsweise bei Überlastung den Datenstrom für die jeweiligen Geräte runterschrauben. Somit könnten mehr Handys eingebunden werden, anstatt überhaupt nicht ins mobile Netz zu kommen. Oder aber der Netzbetreiber garantiert Kunden, die dafür bezahlen, dass ihre Datenrate selbst bei Überlastung im Gegensatz zu anderen nicht minimiert wird. Das geht bis zu der Möglichkeit, die gelieferten Medien bis auf das einzelne Gerät hin zu personalisieren, beispielsweise mit einem Mix aus Musik, Videos, Wetter und Statusmeldungen aus sozialen Netzwerken.

Die Idee der Berliner wirft die Frage auf, warum die Daten nicht schon längst so flexibel aufbereitet werden. „Früher standen einfach die Rechenleistungen im Internet nicht zur Verfügung“, sagt Brandenburg. „Heute ist klar, dass Cloud Computing sich durchsetzt. Und das vereinfacht unsere Argumentation gegenüber den Netzbetreibern erheblich.“ Brandenburg selber steht schon seit zehn Jahren mit Machern von Perfect Stream in Verbindung. „Es war ziemlich schnell klar, dass ein normaler Investor nicht in Frage kommt“, erklärt Nikolas Samios, Marketingchef von Perfect Stream.

Mit anderen Worten: Kein traditioneller Wagniskapitalgeber wollte eine Technologie finanzieren, die eigentlich von Marktgrößen wie Microsoft, Adobe oder Akamai hätte kommen müssen. Kunden wie der Netzbetreiber Nacamar, Kraft Foods, das Plattenlabel EMI und die Werbeagentur BBDO nutzen die Dienste von Perfect Stream bereits. Noch ist die Zahl der Kunden bescheiden. Aber auch MP3 hat ja auch mal ganz klein angefangen.

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