Internet: Radiergummi fürs Netz

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Seite des Online-Netzwerks Facebook

von Sebastian Matthes

Im Netz veröffentlichte Fotos, Texte und Kommentare schwirren auf ewig durch die digitale Welt. Eine neue Technik soll Online-Inhalte nun mit einem Haltbarkeitsdatum versehen. Kann das funktionieren?

Der Mensch und das Internet passen nicht zusammen. Laut der Ebbinghaus’schen Gedächtniskurve haben Menschen vier Tage nach dem Lesen eines Buches drei Viertel wieder vergessen. Das Netz aber merkt sich jedes Detail. Für immer. Ob Partyfoto, wütender Kommentar oder verbale Entgleisung. Im elektronischen Zeitalter gibt es keine Gnade des Vergessens.

Das bedauern viele. Viktor Mayer-Schönberger, Online-Vordenker und Direktor des Information & Innovation Policy Research Center der Universität Singapur, hat dazu sogar ein Buch verfasst. "Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age", sinngemäß: "Der Wert des Vergessens in digitalen Zeiten". Mayer-Schönberger beklagt, dass uns Unwichtiges und vor allem Peinlichkeiten aus der Vergangenheit ständig wie virtuelle Mumien wieder einholen. Er fordert: Das Netz müsse das Vergessen lernen. Menschlicher werden.

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Die Programmierer versuchen, genau das immer wieder zu erreichen: Gerade erst haben Saarbrücker Informatiker ein digitales Radiergummi entwickelt, wie sie es nennen. Dabei handelt es sich um eine Technik, mit der selbst Laien im Netz veröffentlichte Texte sozusagen mit einem Haltbarkeitsdatum versehen können.

Haltbarkeitsdaten für Texte und Fotos

Technisch ist die Sache allerdings komplex: Bevor der Nutzer Daten wie Fotos oder Kommentare auf Blogs oder in sozialen Netzwerken veröffentlicht, werden sie von einer an der Universität des Saarlandes entwickelten Software verschlüsselt. Will jemand die Inhalte ansehen, muss er einen passenden Schlüssel anfordern. Läuft eine vorher vom Nutzer angegebene Frist ab, rückt das Programm diesen Schlüssel nicht mehr heraus und die Inhalte werden sozusagen aus dem virtuellen Nirvana getilgt. Im Juli soll ein Prototyp des Programms herauskommen, als Plugin für den Firefox-Browser.

Wer nicht warten will, kann schon heute Notizen verschicken, die sich nach dem Lesen von selbst vernichten. Das Portal Privnote bietet zum Beispiel solche Dienste. Auf der Netz-Plattform Drop.io wiederum, auf der Fotos oder Dokumente getauscht werden können, müssen Kunden ebenfalls heute schon angeben, wie lange die Daten online bleiben sollen. Anschließend werden die Inhalte gelöscht.

Das sollte Standard werden, fordern Experten wie Mayer-Schönberger: Jeder, der Daten speichere, müsse gezwungen werden, über Haltbarkeitsdaten für Texte und Fotos nachzudenken. Als Daten-GAU-Airbag sozusagen. Ob das tatsächlich realistisch ist, hängt vor allem davon ab, wie leicht sich die neuen Dienste bedienen lassen. Denn wer heute schon leichtfertig Privatheiten ins Netz stellt, wird sich sicher nicht Minutenlang damit beschäftigen wollen, seine Partyfotos mit Haltbarkeitsdaten zu etikettieren.

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