Interview mit Oliver Grün: "In Deutschland werden ständig Trends verschlafen"

Interview mit Oliver Grün: "In Deutschland werden ständig Trends verschlafen"

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Dr. Oliver Grün, geboren 1969, ist nicht nur Präsident und Vorstandsvorsitzender des Bundesverband IT-Mittelstand e.V., sondern auch Gründer, Alleinaktionär und Vorstand der GRÜN Software AG.

von Franziska Bluhm

Wie die deutsche IT-Wirtschaft auf die Spitzelaffäre reagiert, warum es kein deutsches Google gibt und wo die Deutschen Vorreiter sind, das erklärt Oliver Grün, Geschäftsführer vom Bundesverband IT-Mittelstand.

WirtschaftsWoche: Wie beurteilen Sie die Berichte um die Ausspähungen durch die Geheimdienste?

Oliver Grün: Sehr kritisch. Wir stellen uns nicht nur die Frage, ob die Geheimdienste insbesondere die NSA Wirtschaftsspionage betreiben oder ob da die Gefahr der Industriespionage vorliegt.

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Schon vor zehn Jahren hieß es vom ehemaligen CIA-Direktor Woolsey: Wenn die Technik es möglich macht, könnten die gesammelten Geheimdienstinformationen auch an US-Unternehmen weitergegeben werden. Nach den derzeitigen Enthüllungen gewinnt diese Aussage an Brisanz. Ich sehe das als große Gefahr für die Unternehmen in Deutschland.

Welche Konsequenzen hätte das?

Es würde bedeuten, dass Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse von deutschen Unternehmen – und hier gibt es in vielen Nischen mittelständische Weltmarktführer – direkt in die Hände von Mitbewerbern geraten und hierdurch der Technologie- und Innovationsvorsprung Deutschlands verloren geht.

Nach NSA-Skandal Ansturm auf IT-Dienstleister Bechtle

Die Geheimdienstattacken der USA und Großbritannien treiben dem IT-Dienstleister Bechtle die Kundschaft ins Haus. Besonders gefragt: das Siegel „Hosted in Germany“ beim Cloud-Computing.

Immer mehr Unternehmen fürchten sich vor Spähattacken und suchen nun Hilfe bei IT-Dienstleistern. Quelle: Reuters

Haben Sie von Unternehmen gehört, die bespitzelt worden sind?

Es gibt nur vereinzelte bekannte Fälle. Das Problem ist ja, dass betroffene Unternehmen mit so einem Malus nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen. Doch die Sorglosigkeit, mit der Mittelständler bisher Daten abgelegt haben, wird jetzt ein Ende haben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Dass jemand seine Baupläne von der nächsten Gerätegeneration in die Dropbox legt, um sie auszutauschen oder sie per Gmail-Account versendet. Es war ja bisher ja niemanden klar, dass diese Daten offensichtlich einer totalen, großflächigen und anlasslosen Überwachung unterliegen. Dagegen sollte man jetzt schleunigst etwas tun.

Den Verdacht, dass US-Geheimdienste Wirtschaftsspionage betreiben und Daten möglicherweise auch weitergeben, gibt es ja schon lange. Wie kann es sein, dass man in den Unternehmen jetzt so überrascht ist?

Bisher war das Verständnis: Warum sollte gerade ich ausspioniert werden? Neu sind die nicht dementierten Aussagen zur großflächig angelegten Spionage. Durch diese Masse fühlen sich jetzt doch alle betroffen. Der zweite Grund: Wir haben in den vergangenen Jahren verschlafen, dass diese schöne digitale Welt mit Location based Services und toller Google-Suche auch eine negative Seite haben kann. Die digitale Wirtschaft zeigt jetzt ihre dunkle Seite.

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