Journalismus-Professor Jeff Jarvis: "Steve Jobs versucht, unsere Gedanken zu lesen"

Journalismus-Professor Jeff Jarvis: "Steve Jobs versucht, unsere Gedanken zu lesen"

von Daniel Rettig

Der Journalismus-Professor und Autor Jeff Jarvis ist begeisterter Apple-Nutzer. Im Interview spricht er darüber, wie ein Tablet die Medienlandschaft verändern könnte und wie er die Zukunft des Journalismus sieht.

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Jeff Jarvis

Herr Jarvis, wie oft lesen Sie noch gedruckte Zeitungen?

Kaum noch. Auf dem Flug nach München habe ich nach langer Zeit mal wieder die New York Times gelesen – und da fiel mir auf, wie wundervoll sie doch ist. Aber es kostet den Verlag nun mal zu viel, sie zu drucken und zu verteilen, das ist das größte Problem. Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, sie auf meinem iPhone zu lesen.

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Warum?

Erstens habe ich dann keine Druckerschwärze an den Händen, zweitens will meine Frau die Zeitung morgens gedruckt lesen. Also musste ich mich gewissermaßen nach Alternativen umsehen. Mit dem Amazon-Lesegerät Kindle habe ich es probiert, aber offen gestanden hat das nicht besonders gut funktioniert. Mit dem iPhone hingegen schon.

Falls Apple ein Tablet-Computer präsentieren sollte – wird das alle Probleme der Medienhäuser lösen?

Das hätten die Verleger sicher gerne – aber das wird nur ein Traum bleiben. Viele denken, sie könnten dann einfach ihre Inhalte auf das Tablet packen anstatt sie auf Papier zu drucken. Aber so funktioniert das heute nicht mehr. In der verlinkten Welt müssen sie dem Leser mehr bieten als nur die reinen Artikel – etwa Bilder oder Videos. Und das ließe sich mit einem Tablet machen.

Neu ist die Idee eines Tablets nicht – warum reden alle darüber?

Einzig und allein wegen Apple. Das Unternehmen hat eine ungeheure Strahlkraft. Steve Jobs hat mit dem iPhone seine Innovationsstärke ja bereits bewiesen.

Würden Sie sich das Tablet denn kaufen?

Das hängt vom Produkt ab. Meist geht es mir aber so: Wenn Apple etwas Neues herausbringt, will ich es sofort kaufen.

Ich war früher Apple-Fan und bin untreu geworden, als Steve Jobs das Unternehmen verließ. Da wurden die Laptops plötzlich schlecht. Also wechselte ich zu Microsoft. Doch seitdem Jobs wieder da ist, gibt es für mich kein Zurück mehr.

Das neue Google-Phone haben Sie sich aber auch zugelegt?

Ja, das ist wirklich schön, aber ich bevorzuge das iPhone...

...warum?

Steve Jobs versucht, unsere Gedanken zu lesen, damit wir als Benutzer nicht selbst denken müssen. Microsoft hingegen will, dass wir so denken wie sie. Jedes Mal, wenn Sie Word benutzen, müssen Sie in Bill Gates Kopf hineinschlüpfen – ich wünschte, ich könnte das. Das Google-Phone ist irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Philosophien – aber an das iPhone kommt es nicht heran.

Welches andere große Thema sehen Sie im Jahr 2010?

Ich glaube, die Zukunft des Journalismus liegt nicht mehr bei Institutionen, also den großen Medienhäusern, sondern bei vielen selbstständigen Einzelkämpfern. Unternehmen wie Demandmedia oder Suite 101 machen es bereits vor – sie beschäftigen eine Heerschar freier Journalisten, die für einzelne Inhalte bezahlt werden. Diese Gelegenheit gab es früher nicht.

Viele sehen in solchen Modellen das Ende des Qualitätsjournalismus – Sie hingegen schauen dennoch optimistisch in die Zukunft. Warum?

Als Pessimist wäre ich als Professor an einer Journalistenschule schlecht aufgehoben. Wir brauchen auch in Zukunft gute Journalisten, die uns helfen, die Dinge einzuordnen. Diesen Bedarf wird es immer geben. Ich glaube fest an den Journalismus – auch wenn er sich in den nächsten Jahren stark verändern wird.

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