Kein Ende in Sicht : Die Handy-Gebührenfalle im Ausland

Kein Ende in Sicht : Die Handy-Gebührenfalle im Ausland

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Telefonieren im Ausland - das kann teuer werden.

Im Ausland genauso billig mobil telefonieren und surfen wie in Deutschland: Im europäischen Binnenmarkt sollte das eigentlich selbstverständlich sein, finden Verbraucherschützer. Eigentlich.

Auch wenn die Schlagbäume längst abgebaut sind und am Zollhäuschen kaum noch jemand seinen Pass zücken muss - ein Signal holt Reisende noch immer jäh aus wolkigen Träumen eines grenzenlosen Europa zurück: das Plingpling der SMS, die die Auslandsgebühren fürs Handy avisiert. Eigentlich sollte es damit Ende 2015 vorbei sein, so wollen es das Europäische Parlament und die EU-Kommission. Doch daraus wird wohl nichts werden.

Der zuständige EU-Ministerrat hat sich jedenfalls noch nicht auf einen Termin zur Abschaffung der sogenannten Roaming-Gebühren festgelegt. Stattdessen wollten die Mitgliedstaaten „2015 Zeit darauf verwenden, um zu einer gemeinsamen Haltung zu kommen“, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig Ende November reichlich vage nach Beratungen in Brüssel. Wichtig sei, dass es nicht zu „Marktverzerrungen“ komme.

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Genau das befürchtet die Telekomregulierungsbehörde Berec in einer Stellungnahme für die EU und rät von der völligen Abschaffung der Gebühren ab. Diese wäre „derzeit weder machbar noch praktisch umzusetzen“, heißt es in dem Mitte Dezember veröffentlichten Papier. Die Handytarife, Reise- und Konsummuster der EU-Bürger seien einfach zu unterschiedlich.

Klar ist, dass sich Telefonanbieter gegen die erzwungene Gebührensenkung heftig wehren. „Die Preise für Inlandstelefonate und mobile Internetnutzung würden zwangsläufig steigen“, warnt vorsorglich der deutsche Branchenverband Bitkom. Damit würden normale Handynutzer zu Hause dafür zur Kasse gebeten, dass vor allem Geschäftsleute im Ausland billiger telefonieren und surfen können, meinen die Interessenvertreter.

Tatsächlich seien solche Preiseffekte bereits zu beobachten, berichtet Sprecher John Phelan vom Europäischen Verbraucherverband. Denn die Roaming-Gebühren sind auf Druck der EU in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken - nach Angaben der EU-Kommission seit 2007 um mehr als 80 Prozent.

Mobilfunk-Tarife im EU-Ausland: ab 1. Juli 2014

  • Selbst getätigte Anrufe pro Minute

    1. Juli 2012: 0,29 €
    1. Juli 2013: 0,24 €
    1. Juli 2014: 0,19 €

    Alle Preise zzgl. MwSt.

  • Angenommene Anrufe pro Minute (sekundengenaue Abrechnung von Beginn)

    1. Juli 2012: 0,08 €
    1. Juli 2013: 0,07 €
    1. Juli 2014: 0,05 €

    Alle Preise zzgl. MwSt.

  • Verschickte SMS

    1. Juli 2012: 0,09 €
    1. Juli 2013: 0,08 €
    1. Juli 2014: 0,06 €

    Alle Preise zzgl. MwSt.

  • Eingegangene SMS

    1. Juli 2012: kostenlos
    1. Juli 2013: kostenlos
    1. Juli 2014: kostenlos

    Alle Preise zzgl. MwSt.

  • Datendienste pro Megabyte (MB)

    1. Juli 2012: 0,70 €
    1. Juli 2013: 0,45 €
    1. Juli 2014: 0,20 €

    Alle Preise zzgl. MwSt.

Zuletzt mussten die Anbieter zum 1. Juli 2014 die Gebühr für Telefonate im EU-Ausland um fünf Cent zurücknehmen - von 24 auf 19 Cent plus Mehrwertsteuer. Eine SMS kostet seither für deutsche Kunden einschließlich Mehrwertsteuer in Europa höchstens 7,1 Cent statt 9,5 Cent. Der Preis für das Surfen im Internet sank sogar um mehr als die Hälfte, von 53,5 auf 23,8 Cent pro Megabyte Daten.

Darauf hätten einige Telefongesellschaften reagiert, sagt Verbraucherschützer Phelan. Einzelne europäische Anbieter versuchten, Einbußen wettzumachen, indem sie die Minuten oder die Datenmenge in ihren Paketangeboten reduzierten. Der Verbraucherverband hält solche Reaktionen für abwegig. Denn zum einen machten die Roaming-Gebühren nur einen Bruchteil der Einnahmen der Telefongesellschaften aus, und die seien ohnehin nicht verarmt, sagt Phelan. Zum anderen blockierten die Extrakosten einen riesigen Wachstumsmarkt - die Telekomanbieter schneiden sich demnach damit ins eigene Fleisch.

So argumentiert auch die EU-Kommission und verweist auf eine Umfrage unter 28 000 Bürgern. Demnach beschränken neun von zehn Verbrauchern im EU-Ausland aus Furcht vor der Preiskeule den Zugriff auf Dienste wie Facebook, jeder zweite nutzt auf Reisen grundsätzlich nicht mobil das Internet, jeder Vierte schaltet sein Handy komplett ab. Surfen, simsen und reden sie alle künftig angstfrei drauflos, warten für die Anbieter hübsche Geschäfte, meint Phelan.

Die Telekombranche glaubt offenbar nicht daran und klagt, man sei noch dabei, Vorschriften von 2012 umzusetzen, wonach sich Kunden unabhängig von ihrem Heimatvertrag einen Roaming-Anbieter wählen dürfen. Das koste die Branche EU-weit bereits 500 Millionen Euro, erklärt Bitkom. Darüber hinaus seien die Anbieter aufgerufen, ihre Netze für Milliardenbeträge auszubauen. „Diese Investitionskosten müssen zurückverdient werden können“, meint der Branchenverband.

Wie Sie sich vor Handy-Kostenfallen im Ausland schützen (Stand April 207)

  • Was ist Roaming?

    Mit Roaming (zu deutsch etwa "wandern", mit Bezug auf den Nutzer, der durch die Mobilfunknetze wandert) werden jene Gebühren bezeichnet, die anfallen, wenn Mobilfunkkunden im EU-Ausland zum Handy greifen.

    Zum Ärger von Verbraucherschützern und Regulierern hielten die Roaming-Kosten die Tarife lange Zeit hoch und sorgten dafür, dass die Anbieter sich eine goldene Nase verdienten.

    Quelle: Bundesnetzagentur, Verbraucherzentrale, dpa
    Stand: April 2017

  • Bisheriges Kostenlimit bei Datenroaming

    Um allzu hohe Rechnungen zu vermeiden, schreibt die Roaming-Verordnung innerhalb der europäischen Union vor, dass Mobilfunkanbieter eine Obergrenze von 50 Euro anbieten müssen. Seit 2012 gilt zudem der Kostenairbag: Jeder Anbieter mit Sitz in der EU darf für weltweites Datenroaming auch im außereuropäischen Ausland maximal 50 Euro (zzgl. Mehrwertsteuer) berechnen.

    Aber: Lässt der Netzbetreiber im Nicht-EU-Land, das der Nutzer besucht, es nicht zu, dass der Roamingpartner das Nutzerverhalten in Echtzeit überwacht, gibt es keinen Kostenairbag. Dann muss dem Kunden aber bei Einreise auf dem Handy mitgeteilt werden, dass die Kostenbegrenzung nicht zur Verfügung steht.

  • Kosten im Griff: App-Updates vermeiden

    Smartphones können sich vom Nutzer unbemerkt ins Internet einwählen, um zum Beispiel ein Software-Update auszuführen, automatisch E-Mails abzurufen oder die Wetterinformationen zu aktualisieren. Dies kann durch rechtzeitiges Ausschalten dieser Funktion beziehungsweise des gesamten Mobiltelefons verhindert werden. Am einfachsten ist es, das Smartphone einfach auf den Flugmodus zu setzen. Dann ist allerdings auch das Telefonieren nicht mehr möglich. Alternativ können auch Softwareaktualisierungen nur noch per WLAN zugelassen werden. Eine entsprechende Einstellung gibt es in jedem Betriebssystem.

  • Kosten im Griff: Nicht die Mailbox abhören

    Auch Rufweiterleitung oder das Abhören der Mailbox kostet, vor allem in Ländern außerhalb der EU. Hier lauert die Kostenfalle der doppelten Umleitung: Man zahlt zum einen für die Weiterleitung des Gesprächs ins Urlaubsland und dann noch einmal für die Rückleitung auf die deutsche Mailbox.

  • Kosten im Griff: Apps vor dem Urlaub laden

    Reiseführer und City-Guides gibt es auch als Apps, die sich unterwegs mit einem Smartphone nutzen lassen. Das Herunterladen vor Reiseantritt spart Roaming-Gebühren, da die Reiseführer nach dem Download in der Regel ohne Internetverbindung, also offline, zur Verfügung stehen.

  • Kosten im Griff: Hotspots nutzen

    In vielen Hotels, Bars und Restaurants stehen WLAN-Hotspots zur Verfügung, mit deren Hilfe günstig, oder sogar kostenfrei, am Urlaubsort im Internet gesurft werden kann. Allerdings muss von der Eingabe von sensiblen persönlichen Daten (wie etwa Online-Banking, Kreditkartennummer) abgeraten werden, da diese leicht ausgespäht werden können.

  • Abschaffung der Roaminggebühren 2017

    Der 15. Juni 2017 ist eine Zäsur in der Entwicklung des Mobilfunks: Das umstrittene EU-Roaming wird kostenfrei. Nun soll EU-Reisenden kein Eurocent extra mehr fürs Herumwandern durch fremde Netze aus der Tasche gezogen werden. Zwar müssen auch künftig Roaming-Kosten bezahlt werden, aber es sind nicht mehr die Endkunden, die zur Kasse gebeten werden - im Prinzip jedenfalls.

  • Welche Auswirkungen wird der Wegfall der Gebühren haben?

    „Es ist völlig unklar, was nach dem 15. Juni passiert“, analysiert etwa Susanne Blohm, Referentin für Digitales und Medien bei der Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin.

    Andere wie das Vergleichsportal Verivox sehen eine Preiswende am Mobilfunk-Himmel heraufziehen. Verbraucher würden für eine Leistung bezahlen, die eigentlich kostenfrei sei, unterstreicht Christian Schiele, Produktchef Telekommunikation bei Verivox. Anbieter wie Telekom und Telefónica hatten bereits vor längerer Zeit ihre Tarife angepasst und EU-Roaming als Inklusivleistung ins Programm genommen. Dafür wurde der Preis leicht nach oben angepasst. Entfallen nun die Roaminggebühren, kommt es zu einer indirekten Preiserhöhung. Es sei denn, die Unternehmen rechnen die Kosten wieder heraus.

    Der Kostenfaktor Roaming, argumentiert Verivox, werde nun aufs Inland verlagert und in die Handytarife eingepreist. Folge: Nichtreisende und Geringverdienende zahlten am Ende die Zeche. Einige Discounter wie Billigmarken bei Drillisch sind bereits dazu übergegangen, rein nationale Tarifmodelle zu entwickeln, die eine Auslandsnutzung ausschließen.

Im EU-Ministerrat finden die Bedenken genügend Gehör, um eine einheitliche Linie der 28 Länder zu durchkreuzen. Dort betont man die Schwierigkeiten: Wenn ein Bürger zu Hause nur eine Billigflatrate zahlt und in einem anderen EU-Land mit hohen Tarifen Urlaubsvideos hoch lädt, sollen ihn die Einheimischen dann subventionieren? Welche Instanz sorgt für finanziellen Ausgleich? Alles kompliziert, alles ungelöst, heißt es. Statt Ende 2015 wird nun vorsichtig das Datum 2016 für ein Ende der Extragebühren ventiliert.

Dass Gegner die Abschaffung auf Dauer verhindern können, glauben Verbraucherschützer aber nicht. Auch EU-Vizekommissionspräsident Andrus Ansip drängt die Mitgliedsländer. Die künstlichen Gebührengrenzen hätten einfach keinen Platz im gemeinsamen Binnenmarkt, sagte Ansip kürzlich in einer Rede. „Sie sind ein Störfaktor und eine Anomalie - und offen gesagt: Sie schädigen den Ruf der Telekomfirmen bei ihren Kunden.“

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