Kindle Unlimited: Amazons Flatrate-Attacke auf den Buchmarkt

Kindle Unlimited: Amazons Flatrate-Attacke auf den Buchmarkt

von Stephan Happel

Mit der Ebook-Flatrate „Kindle Unlimited“ erhöht Amazon den Druck auf die Buchbranche. Der Erfolg ist auch von der Kooperation der großen Verlage abhängig. Doch die stellen sich immer häufiger quer - aus Angst vor Amazons „erpresserischer Kraft“.

Amazons neuester Streich gegen die Buchbranche kostet 9,99 Dollar. Monatlich. Für diese Gebühr sollen die Kunden des Online-Riesen künftig "Kindle Unlimited" nutzen können. Wann der Dienst in den USA startet, ist unbekannt. Amazon selbst schweigt offiziell zu der Neuigkeit. Eine Ankündigung für den Dienst, die offenbar nur für kurze Zeit auf amazon.com zu lesen war (Version im Google-Cache), verrät Details und bestätigt diverse Berichte von US-Medien. Das Flatrate-Angebot ermöglicht demnach unbegrenzten Zugriff auf mehr als 600.000 E-Book-Titel und „mehrere tausend“ Hörbücher.  Beim bisherigen Leih-Angebot des Online-Händlers kann lediglich ein Buch im Monat ausgeliehen werden. Hörbücher sind zudem ausgenommen, dafür bietet Amazon seinen eigenen, kostenpflichtigen Dienst Audible an.

Anzeige

Das Geschäft mit dem Musik-Streaming

  • Was sind Streaming-Dienste?

    Nachdem MP3-Dateien CDs und Platten ersetzten, bringt das Streaming eine vielleicht noch größere Veränderung für die Musikbranche. Denn die Nutzer zahlen nicht mehr für den Besitz von Musik, sondern deren Nutzung. Für eine Monatsgebühr erhalten sie Zugriff auf Musikkataloge mit Millionen Titeln. Zudem gibt es auch kostenlose Angebote, die über Werbung Geld einnehmen.

  • Verbreitung

    Laut dem Bundesverband der Musikindustrie haben die Streamingdienste stark an Bedeutung gewonnen. Derzeit (Stand Sommer 2014) haben sie einen Anteil von fünf Prozent am Musikmarkt. Nach Schätzungen sollen sie 2018 schon 35 Prozent des Marktes ausmachen.

  • Probleme

    Künstler kritisieren immer wieder die geringe Vergütung – pro gehörtem Stück erhalten sie Bruchteile eines Cents. Die Einnahmen sind bislang deutlich geringer als über die Verkaufsbeteiligungen. Trotzdem schreiben auch Streamingdienste wie Spotify Verluste. Wie sich die Kalkulationen von Streaminganbietern, Plattenfirmen und Musikern künftig ausbalancieren, ist eine der entscheidenden Fragen.

Eine Flatrate für eBooks ist der logische Schritt auf Amazons Weg, weitere Anteile im Buchmarkt abzugreifen. Das Angebot passt perfekt in Amazons Biotop-Strategie. Die Kunden werden so noch enger an den Online-Riesen gebunden. Der verdient nicht nur an der Monatsgebühr, sondern schaltet gleichzeitig die Konkurrenz – egal ob Online- oder Offline-Händler – aus. Eine größere Kundenbasis stärkt zugleich die Machtposition bei Verhandlungen mit den Verlagen.

Erfolg der Streaming-Angebote

Im Film- und Medienbereich gelten Streamingportale mit Monatsgebühren als Trend und Wachstumsbereich. Bei elektronischen Büchern hingegen fristet die Flatrate ein Nischendasein. Deutschlands bekannteste eBook-Flatrate Skoobe (Flatrate-Modelle zwischen 9,99 bis 19,99 Euro) ist mit rund 40.000 Titeln noch klein und zudem relativ unbekannt.

Amazon könnte freilich frischen Wind in den Markt und Aufschwung bringen – und so die Buchbranche weiter umwälzen. Zum Start von "Kindle Unlimited" steht der Online-Riese aber vor einem Problem wie die kleineren Anbieter zuvor: die Buchbranche ziert sich.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

  • Wie fing Amazon an?

    Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

  • Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

    Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. Im vergangenen Jahr machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im ersten Quartal blieben unterm Strich 108 Millionen Dollar (78 Millionen Euro) – bei einem Handelsumsatz von 19,7 Milliarden Dollar.

  • Wie relevant ist der deutsche Markt?

    Es ist der größte Auslandsmarkt. Im vergangenen Jahr setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

  • Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

    Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

  • Wie ist der Konzern aufgestellt?

    In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 7700 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten zum Jahreswechsel 88.400 Festangestellte im Unternehmen.

  • Schadet der Shitstorm?

    Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

  • Folgen des Leiharbeiterskandals

    Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,30 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

  • Wo Amazon noch Ärger hat

    In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Rund 680.000 eBooks stehen bei "Kindle Unlimited" zur Verfügung. Klingt nach viel, ist aber nur ein Bruchteil der Millionen eBooks, die Amazon für seine Kindle Plattform anbietet. Der Hauptgrund: Die großen Fünf der amerikanischen Verlagsbranche (Penguin Random House, Macmillan, Hachette, HarperCollins sowie Simon & Schuster) sind bei Kindle Unlimited offenbar bislang nicht vertreten. Die Skepsis hat gute Gründe und basiert auf einer Lektion, die schon die Musikbranche lernen musste: bei der Flatrate verdient vor allem der Anbieter.

Während sich immer mehr Musikfans über unbegrenzten Musikzugriff auf Millionen Titel über Dienste wie Spotify oder Ampya freuen, ächzen die Labels und Musiker. Die Dienste bezahlen nämlich nur einen geringen Cent-Betrag pro angehörtem Stück. Klar, dass dabei erstmal weniger rausspringt, als bei dem Verkauf einer CD.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%