Kommentar zum Webvideopreis: YouTuber sind bloß verkleidete Spießer

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Kommentar zum Webvideopreis: YouTuber sind bloß verkleidete Spießer

von Peter Steinkirchner

Sie sind Stars im Netz, nun wurden die besten YouTuber in Düsseldorf ausgezeichnet. Unser Autor war bei der Preisverleihung dabei und hat festgestellt: Der Video-Nerd ist im Grunde auch nur ein verkleideter Spießer.

Eins vorweg: Vielleicht liegt der Kommentar ja völlig daneben. Vielleicht ist die deutsche Internet-Gemeinde ja viel größer und bunter als sie gestern Abend erschienen ist. Vielleicht war das, was sich am Freitagabend in Düsseldorf beim Deutschen Webvideopreis tummelte, zwar ein guter Querschnitt durch die Szene, die mit ihren Videos im Internet täglich tausende meist junge Leute erreicht - aber eben auch nicht mehr und daher nur ein Bruchteil. Möglicherweise waren jene mit Preisen ausgezeichneten Jungs und Mädchen, die Filme drehen über Computerspiele, Skateboard-Abenteuer und kunstvolle Musikvideos produzieren, so was wie die Spitze des Eisbergs.

Zehn Jahre Youtube - Die wichtigsten Fakten

  • Entstehung

    Seit 10 Jahren gibt es Youtube. Mitte Februar 2005 registrierten die Gründer Chad Hurley und Steve Chen die Webseite Youtube.com und legten so den Grundstein für das Video-Imperium.

  • Videomaterial

    Jede Minute werden rund 300 Stunden Videomaterial auf Youtube hochgeladen.

  • User

    Mehr als eine Milliarde Nutzer besuchen die Plattform jeden Monat.

  • Meist geklickt

    Das meistgeklickte Video im vergangenen Jahr zeigt einen als Spinne verkleideten Hund, der Passanten erschreckt.

  • Alltime-Klassiker

    Unter den größten Youtube-Hits ist das Video „Charlie bit my finger“, in dem der kleine Charlie seinem Bruder in den Finger beißt. Das Video, das weniger als eine Minute lang ist, wurde mehr als 800 Millionen Mal angesehen.

  • Meist gesehen

    Das meistgesehene Youtube-Video aller Zeiten ist „Gangnam Style“ von Psy. Youtube musste seinen Zähler überarbeiten, um die mehr als zwei Milliarden Aufrufe korrekt anzuzeigen.

  • Beliebteste Webseite

    Bei deutschen Jugendlichen zählt Youtube zu den beliebtesten Webseiten. Gefragt, welches Internet-Angebot sie derzeit besonders gut fänden, nannten 30 Prozent der Jugendlichen Youtube. Auf Platz zwei folgt Facebook mit 23 Prozent.

  • Wettbewerber

    Facebook macht Youtube zunehmend Konkurrenz. Immer mehr Menschen schauen Videos auf Facebook, und das Online-Netzwerk ermutigt die Nutzer, ihre Clips direkt hochzuladen und nicht von anderen Seiten aus zu verlinken. Mit 1,3 Milliarden Facebook-Nutzern könnte so eine wachsende Zahl an Videos nicht mehr über Youtube im Netz landen.

  • Überwachung

    Polizei und Behörden wollen immer wieder Videos von Youtube entfernen lassen. In der zweiten Jahreshälfte 2013 löschte Youtube 973 Inhalten, davon 735 aus juristischen Gründen und 238, die gegen die Unternehmens-eigenen Richtlinien verstießen.

Aber wenn das alles so ist, dann mag eine Beobachtung gestattet sein: Besonders emanzipiert wirkte dieses bunte Völkchen nicht eben. Das geriert sich zwar gern als eine Art Avantgarde und kann sich köstlich darüber amüsieren, wenn in einem eingespielten Film Leute Ü-50 mit dem Wort „Instagram“ eben nichts anfangen können. Doch tatsächlich neigen viele der Protagonisten in ihrer Erscheinungsform gestern Abend selber sichtbar zu reichlich tradierten Rollenmustern und Verhaltensweisen, offenbar ohne es zu merken.
Das fängt schon bei Äußerlichkeiten an. Abgesehen von einigen wenigen tauchte der Großteil der Szene in Klamotten auf, die eher an den Abiball eines Provinz-Gymnasiums erinnerten als an den Treffpunkt der deutschen Web-Szene: die Männchen in dunklen, meist wenig vorteilhaften Anzügen, die Weibchen in quietschbunten Abendkleidern. Das war wohl ernst gemeint, ironisch gebrochen wirkte es jedenfalls nicht. Einige der Mädels liefen in Glitzerkleidchen herum, als wollten sie als nächstes sehr gern über den Laufsteg bei Heidi Klum stöckeln – oder wenigstens in einem TV-Klatschformat auftauchen oder auf den Seiten von InTouch oder Closer.

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Was schon außen herum frappierend konservativ daherkam, setzte sich allerdings auch bei den Inhalten fort: Geht man rein nach der Auswahl an Videos und Filmen, die in den zig Kategorien von „Journalism“ über „Gaming“ bis „Comedy“ und „Lifestyle“ zur Wahl standen und unter denen Jury und Netzgemeinde ihre Preisträger 2015 auswählten, dann funktioniert die klassische Rollenteilung offensichtlich auch prächtig im Netz: Die Jungs sind für das ernste zuständig, für Nachrichten und Sport und auch für Kunst.

Das machen sie ziemlich gut – Web-Helden wie Le Floid oder Marti Fischer verfügen über so viel Authentizität und Glaubwürdigkeit, das sie etablierte TV-Figuren schlicht alt aussehen lassen. Kein Wunder, dass sich Jugendliche lieber deren YouTube-Kanal anschauen als sich ins lineare Fernsehen zu verirren.

Die Währungen auf Youtube

  • Views

    Views sind die Zentralwährung auf Youtube. Sie zeigen an, wie oft ein Video angeschaut wurde. Der Rekord liegt bei über zwei Milliarden Views – erreicht hat ihn Psy mit seinem Video „Gangnam Style“.

  • Abonnenten

    Wer einen Youtube-Kanal dauerhaft verfolgen will, hat die Möglichkeit, ihn zu abonnieren. So kriegt er ständig Hinweise darauf, wann der Betreiber des abonnierten Kanals ein neues Video hochgeladen hat.

  • Kommentare

    Youtube-Nutzer haben die Möglichkeit, Videos zu kommentieren. Gerade für Werbetreibende ist das interessant, da sie daran erkennen können, ob das Video nur angeschaut wurde oder eine Interaktion stattgefunden hat. Seit 2013 kann aber nur noch kommentieren, wer einen Google + Account hat.

  • Like- und Dislike-Button

    Wem ein Video gefällt, kann dies zeigen, indem er es „liked“. Im Gegensatz zu Facebook gibt es auch einen Dislike-Button. Für Werbetreibende bringt das einen großen Vorteil: Sie können Werbung gezielt an Menschen schicken, denen bestimmte Videos gefallen haben.

Und die Web-Mädchen? Die dürfen für die Deko sorgen, sie geben Schmink- und Modetipps, lassen sich von den verschwitzten Groupies am roten Teppich anschmachten: „Du bist so hübsch!“, und scheinen nur darauf zu warten, von der Kosmetikbranche gesponsort oder vom großen Film entdeckt zu werden. So weit es sich überblicken lässt gibt es eben kein weibliches Pendant zu LeFloid, gestern jedenfalls war keines sichtbar.
Wer daher gedacht hätte, dass etablierte Geschlechtermodelle und Rollenvorbilder bei den YouTubern keine Chance hätten, der sollte sich die Chose mal näher ansehen: der Video-Nerd ist im Grunde seines Herzens bloß ein verkleideter Spießer.

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Vielleicht lag es ja auch daran, dass mit der ARD ein ernsthafter öffentlich-rechtlicher Medienpartner mit an Bord war, für den man sich erstens meinte fein machen zu müssen und für den man zweitens auch die Auswahl der zu prämierenden Filme traf. Womöglich sollten die auch den Geschmack des TV-Publikums treffen. Ob das aber dazu führt, dass tatsächlich die coolsten Videos ausgezeichnet werden und sich die Szene kreativ weiterentwickelt?
Sichtbar ist jedenfalls, dass der Teil der Branche, der sich gestern in Düsseldorf selbst feierte, an einem Scheideweg steht: Führt die zunehmende Professionalisierung zur Anpassung an den Mainstream? Oder macht diese womöglich nur sichtbarer, was bei allem mitunter aufgesetzten Rebellentum im Kern auch in dieser Szene steckt: der Wunsch, bei möglichst allen gut anzukommen und sich domestizieren zu lassen. Falls das so ist, dann sind die YouTuber von heute auch nichts anderes als die öffentlich-rechtlichen von morgen.

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