Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele: "Im Internet geht es zu wie im Wilden Westen"

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InterviewKommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele: "Im Internet geht es zu wie im Wilden Westen"

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Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele

von Anna Sabina Sommer

Facebook hat das Bedürfnis seiner Nutzer erkannt und wird offenbar bald auch Pseudonyme tolerieren. Der Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele erklärt, warum dies ein großer Fehler ist.

WirtschaftsWoche Online: Herr Scheufele, warum sind Sie für Klarnamen im Netz?

Scheufele: Weil ich kein Verfechter anonymer Kommentare bin. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann sollte ich ganz klar dazu stehen. Wenn ich das nicht möchte, dann sollte ich es auch nicht posten. Ein wirklicher Diskurs kann nur entstehen, wenn wir mit unserem richtigen Namen posten. Es muss ganz klar sein, wer was schreibt. Wir würden ja auch nicht tolerieren, dass in einem Kanzler-Duell die Zuschauer mit Ski-Maske über dem Gesicht Fragen stellen.

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Haben wir im Netz also eine Skimaske über dem Gesicht, wenn wir unsere wahre Identität nicht zu erkennen geben?

So ähnlich, denn im Netz sehen wir unser Gegenüber nicht. Wir bemerken nicht, wenn jemand die Miene verzerrt. Nonverbale Reaktionen bleiben verborgen.

Zur Person

  • Dietram Scheufele

    Dietram A. Scheufele ist Professor für Wissenschaftskommunikation an der University of Wisconsin und Projektleiter am Zentrum für Nanotechnologie und Gesellschaft an der Arizona State University. Zudem lehrt Scheufele als Honorarprofessor am Institut für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden. Scheufele ist Experte auf dem Gebiet der Wissenschaftskommunikation und beschäftigt sich zunehmend mit der Rolle sozialer Medien in der Kommunikation.

Das ist der große Unterschied zum wahren Leben. Warum ist der so entscheidend?

Offline wissen wir zu deuten, wenn jemand die Augenbrauen hochzieht oder lächelt. Das hilft uns dabei, unser Verhalten zu regeln. Wir tun bestimmte Dinge nicht, weil wir schon voraussehen, wie die Reaktion sein wird. In unserem Kopf ist ein kleines Männchen, das schon immer im Voraus weiß, ob wir uns blamieren oder einfach zu weit gehen. Wenn wir uns in einer öffentlichen Situation befinden, denken wir deshalb nicht jedes Mal darüber nach, ob wir uns in der Nase bohren sollten oder nicht. Wir wissen instinktiv, was man macht und was nicht.

Wo ist das kleine Männchen im Kopf, wenn wir in der Online-Welt unterwegs sind?

Es ist nicht vorhanden. Oder genauer: Es steckt noch in den Kinderschuhen. Online fehlen soziale Kompetenzen, die wir uns im wahren Leben über viele Jahre angeeignet haben. Wir müssen da noch ein bisschen erwachsener werden.

Lädt das zu Gemeinheiten ein?

Sagen wir so: Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir gesellschaftliche Regeln verletzen, weil sie noch nicht vorhanden sind - oder weil wir sie in online Situationen noch nicht als relevant erkennen. Das ist so wie in der Grundschule oder im Kindergarten, wo wir Sozialkompetenzen erst noch lernen müssen und entsprechend miteinander umgehen.

Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele "Wir müssen lernen, auch online zuzuhören!"

Es scheint, als würde das Web 2.0 zurück gedreht, wenn Online plötzlich nicht mehr ungehemmt kommentiert werden darf. Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele erklärt, warum das nicht so sein muss.

Holt das Netz also die schlechten Seiten in uns hervor?

Etwas eigensüchtig sind wir alle, auch Strukturen ordnen wir uns nicht gerne unter. Das ist eine Grundtendenz des Menschen. In Online-Foren kommt das deutlich zum Ausdruck. Wir gehen zurück auf Null, was Umgangsformen oder soziale Normen angeht, denn online haben wir diese einfach noch nicht etabliert. Jeder kann mit jedem reden, ohne dabei gesellschaftliche Normen zu beachten, die in der offline Welt ganz normal sind. Früher hatten wir mit Tageszeitungen ja ein Medium, in dem man als Leser nur über Leserbriefe eine Stimme hatte. Mit Onlinemedien haben wir jetzt ein Umfeld, wo alles, was vielleicht auch in einer Kneipe gesagt wird, als Kommentar auch unter Artikeln steht. Oder zumindest ist das unsere Erwartung als Leser.

Wie können wir die Versuchung minimieren?

Indem wir aus der Anonymität heraustreten und uns bemühen, so authentisch wie möglich zu sein. Wenn man mit einer Geschichte ein Gesicht verbindet, ist die Hemmschwelle geringer, beleidigend zu werden. Sobald aber eine soziale Distanz oder sogar Anonymität besteht, ist die Versuchung groß, soziale Normen im Umgang mit anderen einfach zu ignorieren.

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3 Kommentare zu Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele: "Im Internet geht es zu wie im Wilden Westen"

  • Das hört sich für mich alles nach Gejammer an, dass die Medien ihre Deutungshoheit verlieren. Da möchte man lieber die Autoren unliebsamer Kommentare dingfest machen können und eliminieren, zur Not juristisch. Bis sich keiner mehr traut, etwas kritisches im Netz zu äußern. Einheitsmeinung durch Medien ahoi.

  • @ Horst Backhaus

    Sie haben vollkommen Recht, auf dem Weg zum Totalitarismus ist das - weitgehend noch freie - Internet ein absoluter Bremmsklotz. Diese Freiheit muss nun dringend TOTREGLEMENTIERT werden, am besten wäre es, diese Aufgabe übernimmt dann die noch zu schaffende Behörde "Gedanken-Polizei", die dem Staatsschutz unterstellt wird.
    Vorher muss dem staatsgläubigen Deutschen aber noch ein wenig Angst gemacht werden, damit Legitimation hergestellt wird und der Steuerzahler die Freiheitsunterdrücker auch anständig finanziert.

    Merkt eigentlich noch irgendjemand etwas?

  • "...Scheufele: Weil ich kein Verfechter anonymer Kommentare bin. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann sollte ich ganz klar dazu stehen. ..."
    Ist das Heuchelei oder Unwissenheit, was Herr Scheufele da zum besten gibt? Kein Politiker gib öffentlich zu, für was oder wen er arbeitet. Bei Wirtschaftsbossen ist das nicht anders. Aber die einfachen Leute sollen das nach Herrn Scheufel wohl tun. Wie war das noch mit Herrn Schäuble, der öffentlich angeblich gegen die Bankenrettung war, diese hinter dem Rücken seiner Wähler aber betrieben hat. Und die ganzen in Berlin rumlungernden Lobbyisten werden sicherlich auch nicht öffentlich zu dem stehen wollen, was sie in geheimen Meetings sagen.

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