Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele: "Wir müssen lernen, auch online zuzuhören!"

Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele: "Wir müssen lernen, auch online zuzuhören!"

Es scheint, als würde das Web 2.0 zurück gedreht, wenn Online plötzlich nicht mehr ungehemmt kommentiert werden darf. Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele erklärt, warum das nicht so sein muss.

Wie hat sich die Online-Kommentarkultur in den vergangenen Jahren verändert?

Früher hat man Leserbriefe im traditionellen Sinne geschrieben. Heute schreibt man Online-Kommentare als Reaktion auf andere Leute. Die Leserbriefe, die man früher gedruckt hat, wurden zudem enorm redigiert, was Kürzungen zur Folge hatte. Übrig blieben dann nur noch Bruchstücke. Die neue Realität ist, das man heute nur noch online einen Kommentar schreibt, der dann so stehen bleibt. Das Verhalten der Leser hat sich sich somit verändert.

Anzeige

Wie sieht das bei Online-Kommentaren aus?

Wenn ich jetzt einen Online-Kommentar verfasse, dann sitze ich da nicht lange dran und denke auch nicht mehr aus der Sicht eines Redakteurs. Die Entscheidung, einen Kommentar zu posten, ist eine ganz andere geworden und verhält sich viel spontaner. Ich reagiere sehr oft auf andere Leute. Das ist wie eine Zwischenrede. Und das war ja auch die Idee des Web 2.0. Die Grundidee also, den Leser und den Journalisten auf eine Ebene zu stellen. Wir werden mit einem Online-Kommentar teil des Artikels, können also partizipieren.

Was genau ist der Unterschied zwischen einem Leserbrief und einem Online-Kommentar?

Bei den Leserbriefen war die Erwartung ganz klar da, dass da noch mal ein Redakteur drüber schaut. Man hat sich dann gefreut, wenn dieser abgedruckt wurde. Der Redakteur hat entschieden, wenn es der Leserbrief wert war, abgedruckt zu werden. Natürlich fällt das jetzt weg. Es sei denn, jemand moderiert eine Diskussion im Internet. Das wäre dann mit dem Redakteur zu vergleichen, der einen Leserbrief redigiert.

Welchen Vorteil bringt eine Moderation?

Bei einem guten Diskurs bedarf es an Kontrolle. Nicht nur im Netz. Im Bundestag zum Beispiel wird penible darauf geschaut, wie lange Leute reden und wie sie miteinander umgehen. In der Interaktion miteinander haben wir im Laufe der Zeit Regeln aufgestellt, an die wir uns zu halten haben. Vor tausenden von Jahren haben wir gelernt, wie wir ein Gespräch führen. Moderation ist sehr wichtig für einen produktiven Diskurs.

Worauf kommt es da an?

Insbesondere bei einer nonverbalen Kommunikation ist es ganz wichtig, auf Details zu achten. Beispielsweise wenn jemand mit den Augen rollt, wissen wir das zu deuten. Wir haben ungeschriebene Gesetze, nach denen wir uns während einer Konversation zu richten haben. Für einen produktiven Diskurs, kommt es darauf an, diese zu wahren. Eine Moderation ist sinnvoll, um wirklich Inhalte und Meinungen auszutauschen. Wenn wir uns das Recht nehmen, gehört werden zu wollen, dann müssen wir auch zuhören können. Es kommt auf zwei Elemente an: die eigene Meinung sagen und darauf reagieren, was andere zu sagen haben. Zuhören ist das schwierigste überhaupt. Eine Moderation ist dafür da, die eigene Meinung so auszudrücken, dass sie von anderen gehört wird.

Kann eine Moderation auch negative Auswirkungen auf eine Debatte haben?

Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Wir sind gerade dabei zu analysieren, wie viel Moderation gut oder schlecht ist. Wir haben noch nicht genügend Forschung dazu betrieben, um zu sagen, wie man richtig moderiert. Es kommen aber immer wieder Fragen auf wie: Wie viel Moderation ist gut oder schlecht? Wie weit sollte eine Moderation eigentlich gehen? Wie extrem muss eine Meinung sein, damit eingegriffen wird?

Was bedeutet es, wenn man in öffentliche Debatten eingreift?

Es geht ja nicht darum, dass Leute nicht weiterhin auf Facebook oder Twitter ihre eigene Meinung kund tun dürfen. Ich dürfte demnach ja weiterhin einen Link eines Mediums posten und sagen: "Was für ein Müll." Das kann ja niemand verbieten. Die essentielle Frage ist aber: Sollten Medienorganisationen Foren zur Diskussion anbieten, wo die Kommentare direkt mit der Glaubwürdigkeit des Mediums und des Autors in Verbindung steht. Das ist die Schlüsselfrage. Ich bin nicht gegen freie Meinungsäußerung. Jeder darf sagen, was er will. Aber nicht direkt unter einem Artikel auf einer Online-Seite eines Mediums.

Warum darf man denn nicht direkt einen Artikel mit "Was für ein Müll" kommentieren?

Es ist die Pflicht der Online-Medien, genau das zu verhindern. Die empirische Forschung hat gezeigt: Wenn Leser-Kommentare Schlussfolgerungen hervorrufen, die anzweifeln, ob das objektiv ist, was sie schreiben, dann muss dieser Kommentar sofort gelöscht werden. Artikel sind das, was Medienorganisationen verkaufen möchten. Wenn das Produkt schlecht bewertet wird, dann bezahlen Käufer ungerne dafür. Denn unbewusst lässt man sich durch negative Reaktionen beeinflussen. Das passiert auch mir, obwohl ich mir der Wirkung durchaus bewusst bin.

Warum können Sie sich nicht dagegen wehren?

Früher habe ich am Frühstückstisch eine Zeitung gelesen. Heute ist es so, als wenn ich auf einer Bank auf einem Marktplatz sitze und mir völlig fremde Leute ins Ohr schreien. Diese Leute drängen mir dann förmlich auf, was ich über einen Artikel denken sollte, den ich gerade lese. Und dann passe ich meine Meinung darauf an - ob der Artikel nun gut ist, oder nicht. Das macht keinen Unterschied. Denn wenn ich einen Artikel im Netz lese, dann habe ich als erstes die ganzen Kommentare im Kopf. Ich weiß, wie oft der schon geteilt und geliked wurde. Ich weiß also, was ich über einen Artikel denken sollte, bevor ich ihn überhaupt gelesen habe. Es geht daher mehr um die Affekte auf den Leser, als um die Kommentare selbst. Deshalb macht es wirklich wenig Sinn, Debatten im Netz dem Zufall zu überlassen.

Ist es denn überhaupt realistisch, von einer Kontrolle rund um die Uhr auszugehen?

Wir sind uns durchaus bewusst, dass der finanzielle Rahmen von Medienorganisationen immer enger wird. Viele schließen ihr Forum daher lieber, als in eine Kontrolle rund um die Uhr zu investieren. Journalismus wird aber immer wichtiger, weil unsere Themen, mit denen wir uns täglich beschäftigen, immer komplexer werden. Wir sollten also nicht darauf verzichten, weiterhin Zugang zu objektiver und neutraler Berichterstattung zu haben. Nicht gut ist, wenn drei oder vier Kommentare die Arbeit eines Journalisten ins schlechte Licht rücken, die für unsere Gesellschaft eigentlich wertvoll gewesen wäre. Man muss sich einfach bewusst darüber sein, dass man irgendwie die Relevanz des Journalismus erhalten muss.

Also doch wieder zurück zum redigierten Leserbrief?

Nein, auf gar keinen Fall. Wie so oft im Leben, ist der Mittelweg entscheidend. Wir wollen ja keine Rückwärtsbewegung im Netz.

Welche Lösung schlagen Sie vor?

Wir haben uns daher überlegt, welche Alternativen es gibt, ein Forum so zur Verfügung zu stellen, ohne dass die Kosten explodieren. Daher sammeln wir derzeit Daten im Labor, um herauszufinden, ob eine Art Aufsicht im Netz ausreicht. Die Frage ist, ob sich etwas ändert, wenn man Indikatoren einbaut und den Leuten das Gefühl gibt, dass moderiert wird. Das ist so ähnlich als wenn ein Elternteil im Zimmer ist, sich aber nicht zu erkennen gibt. Außerdem brauchen wir das kleine Männchen im Kopf, das uns sagt, was wir lieber nicht schreiben sollten.

Würde es nicht schon viel ausmachen, wenn Kommentare mit dem richtigen Namen versehen werden?

Anonymität im Netz ist schwer umzusetzen, aber notwendig. In dem Moment, in dem wir uns namentlich mit einer Meinung identifizieren, überlegen wir zweimal und denken noch mal über die Auswirkungen eines solchen Kommentars nach. Wenn man darüber nachdenkt, was man schreibt, dann fehlt plötzlich das schnelle Agieren, die Reaktion auf einen anderen Kommentar. Ein wichtiges Element der Kommentarkultur würde damit verloren gehen.

Ist eine vernünftige Kommentarkultur im Netz überhaupt möglich?

Die face to face Kommunikation hat sich über tausende von Jahren entwickelt. Irgendwann wird Kommunikation online auch möglich sein. Dafür bedarf es nur eines Lernprozesses und einer sozialen Wandlung.

Von welchen Werten werden wir dann alle profitieren?

Je mehr Leute gegensätzlicher Meinung ausgesetzt sind, desto mehr partizipieren sie. Der Austausch gegensätzlicher Meinung ist sehr wichtig. Die Idee des web 2.0, als Leser Einfluss haben zu können ist ja durchaus positiv zu bewerten. Das wichtigste daran ist, dass online-Kommunikation auf einer demokratischen Basis vollzogen wird.

Wenn es wenige gibt, die das durch negative Äußerungen zerstören können, dann muss dieser Entwicklungsprozess von den Online-Medien aus gestoppt werden.

Sehen Sie eine Zukunft für ein Online-Format mit integriertem Forum?

Meiner Meinung ist der einzige Weg, den Journalismus am Leben zu erhalten der, indem die Wissenschaft stärker eingebunden wird. Ich denke, man sollte sich einfach zusammen setzen und überlegen, welche Fragen am dringendsten beantwortet werden müssen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%