Künstliche Intelligenz: Wenn der Roboter die Post sortiert

Künstliche Intelligenz: Wenn der Roboter die Post sortiert

von Michael Kroker

Das Nachahmen des menschlichen Gehirns durch Computing-Power ermöglicht selbstlernende IT-Systeme, die eigenständig Aufgaben erledigen. Ein Bonner Unternehmen will damit gleich die Finanzbuchhaltung abschaffen.

Jeden Tag gehen bei der Versicherungskammer Bayern (VKB) in München, dem größten öffentlichen Versicherer Deutschlands, rund 20.000 Schreiben von Kunden ein. Viel Arbeit für den hausinternen Postboten des Unternehmens. Der verteilt die einkommende Post – egal, ob Brief, E-Mail oder Fax – an die Mitarbeiter, ohne Postfächer oder Bürowagen. Mehr noch: Er wählt den Sachbearbeiter aus, dabei spielt unter anderem eine Rolle, wie stark der Absender in dem Schreiben seinen Unmut äußert.

„Seitdem wir Watson haben, fühlen sich unsere Kunden besser verstanden“, sagt Isabella Martorell Nassl, Bereichsleiterin Betrieb im Konzern VKB. Watson – der nimmermüde Postbote der Bayern ist kein Mensch, sondern eine Softwarelösung, basierend auf IBMs Hochleistungsrechner Watson und dessen kognitiven und selbstlernenden Fähigkeiten.

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Mit derartigen Systemen sind IBM und Watson Vorreiter einer Welle, die derzeit durch die ganze Branche der Hersteller von Unternehmenssoftware schwappt: Große Anbieter wie SAP, Salesforce oder Microsoft und auch kleinere Spezialisten wie etwa das Bonner Softwarehaus Scopevisio erweitern gerade ihre Pakete für Finanz-, Personal- und Buchhaltungssoftware um Module mit künstlicher Intelligenz.

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Das Nachahmen des menschlichen Gehirns durch Computing-Power ermöglicht selbstlernende IT-Systeme, die in Echtzeit kommunizieren, sich an frühere Interaktionen erinnern und eigenständig Schlüsse ziehen können. „Anwendungen mit künstlicher Intelligenz werden in den kommenden Jahren viele Routineaufgaben im Finanzwesen und der Buchhaltung überflüssig machen“, sagt Axel Oppermann, Gründer des IT-Analysehauses Avispador aus Kassel.

Wichtiger Wachstumsmotor der IT

Laut einer im Februar veröffentlichten Trendumfrage des Branchenverbandes Bitkom wird künstliche Intelligenz von 21 Prozent der befragten Unternehmen aus Deutschland als relevantes Thema genannt – der Aufsteiger des Jahres. Dementsprechend boomt das Geschäft mit kognitiven Softwaresystemen: Laut Prognose des IT-Marktforschungsunternehmens IDC wächst das Segment zwischen 2015 und 2020 um knapp 18 Prozent – pro Jahr, wohlgemerkt. Dadurch sollen sich die weltweiten Umsätze von 5,3 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr bis 2020 auf 10,3 Milliarden Dollar fast verdoppeln (siehe unten).

Intelligentes Geschäft: Weltweite Umsätze mit selbstlernender Software

  • 2015

    4,7 Milliarden Dollar

    Quelle: IDC

  • 2016

    5,3 Milliarden Dollar

  • 2017

    6,2 Milliarden Dollar (Prognose)

  • 2018

    7,4 Milliarden Dollar (Prognose)

  • 2019

    8,7 Milliarden Dollar (Prognose)

  • 2020

    10,3 Milliarden Dollar (Prognose)

Damit stellt künstliche Intelligenz eines der wichtigsten Wachstumsfelder der IT dar – was wiederum der Hauptgrund für das massive Engagement von IBM ist: Der US-Riese aus Armonk im US-Bundesstaat New York verwettet sein künftiges Wachstum mehr oder weniger ganz auf seinen Supercomputer Watson und auf ihn aufbauende neue Produkte und Dienstleistungen. Nach jahrelangem Umsatzschwund von einstmals 107 Milliarden Dollar auf zuletzt weniger als 80 Milliarden Dollar braucht IBM-Vorstandschefin Virginia Rometty händeringend neue Erlösquellen.

Watson-Referenzkunde VKB hat seine Investitionen jedenfalls nicht bereut – ganz im Gegenteil. Nur neun Monate hat die Einführung des neuen Postsystems gedauert; seit Dezember 2016 arbeitet es im täglichen Betrieb. Nach dem Einscannen und Digitalisieren der gesamten VKB-Post erkennt Watson automatisch aus dem Kontext die Stimmung des Absenders, und das sogar in drei verschiedenen Abstufungen. Watson, der Frustrations-Scanner: „Derartige Muster zu erkennen ist eine höhere Kunst“, sagt Martorell Nassl. Die Erfahrungen mit dem neuen System sind so gut, dass der Versicherungskonzern bereits über die nächsten Anwendungsgebiete nachdenkt. „Etwa im Bereich medizinischer Unterlagen“, so Martorell Nassl. „Es würde einem Sachbearbeiter sehr helfen, wenn er nicht mehr 20 Seiten durchlesen muss, sondern eine von Watson automatisch generierte Zusammenfassung.“

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So weit wie IBM mit seinen Pilotkunden für intelligente Softwarelösungen sind die meisten IT-Rivalen noch nicht. Aber sie arbeiten mit Hochdruck daran, ihre eigene Produktpalette um Module mit künstlicher Intelligenz zu erweitern. So wie der Cloud-Pionier Salesforce: Die Amerikaner haben Anfang des Jahres ihre kognitive Anwendung namens Einstein vorgestellt, die direkt in die Salesforce-Cloud integriert ist. Beim Cloud Computing werden Software und Rechenleistung im Internet bereitgestellt.

Einstein kann dadurch alle Salesforce-Daten nutzen – von Kundeninformationen über E-Mails und E-Commerce-Daten bis hin zu Signalen aus dem Internet der Dinge –, um Vorhersagemodelle zu erstellen. „Weil jeden Tag Millionen von Nutzern Information bei Salesforce eingeben, kann Einstein auf dieser breiten Datenbasis relevante Ereignisse automatisch erkennen, das zukünftige Verhalten vorhersagen, proaktiv die besten nächsten Aktionen empfehlen und Aufgaben automatisieren“, sagt Salesforce-Deutschland-Chef Joachim Schreiner.

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