Leben mit Technik: Prinzip Schrotflinte

kolumneLeben mit Technik: Prinzip Schrotflinte

Kolumne von Sebastian Matthes

Noch nie wurden so viele Fotos geschossen wie in heutigen Zeiten. Neue Hardware und Software will jetzt die Fotoflut eindämmen. Das Kernproblem allerdings wird ausser Acht gelassen.

Mehr als 580 Fotos brachte ein Bekannter neulich als Andenken mit nach Hause. Nicht von einer Reise, sondern vom Musical-Auftritt seiner Tochter. Ein wichtiges Ereignis für alle Beteiligten –  keine Frage.

Aber 16 verknipste Filme? So viel hat man früher in fünf Jahren verschossen. Gut, streng genommen waren keine Filme im Spiel. Mein Bekannter hat die Fotos digital geschossen. Wie wir alle – und deshalb entstehen heute mehr Fotos als je zuvor.

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Auf der Online-Fotoplattform Flickr werden alle zehn Stunden so viele Bilder neu gespeichert, wie das ganze Archiv des Deutschen Historischen Museums umfasst. Allein mein Bekannter hat 36.367 Bilder auf seinem PC. Würde er die im Schuhkarton aufbewahren wollen, er müsste Ausmaße eines Containers haben, in dem sonst Maschinenteile nach China reisen.

Viel wurde darüber geschrieben, dass wir in einer Flut irrelevanter Informationen untergehen. In Wirklichkeit ertrinken wir in der Flut überflüssiger Fotos: verwackelte Kneipenbilder, Kirchen, Gedenktafeln, Schriftsteller-Geburtshäuser und zig Mal der gleiche Blick über die abendlich gerötete Bucht, die spätestens zu Hause auf dem Monitor ihren Reiz verloren hat. Noch vor ein paar Jahren haben wir jede Einstellung überdacht, spielten mit Tiefenschärfe und schraubten bei Bedarf ein Weitwinkel auf. Heute wird nach dem Prinzip Schrotflinte draufgehalten: Eine Kugel wird schon treffen.

Nun gibt es immer mehr Techniken, die diese Bilderflut beherrschbar machen sollen. Die EX-FC 100 von Casio schießt bis zu 30 Bilder am Stück und speichert nur das schärfste Foto mit dem schönsten Lächeln. Andere Modelle wie einige von Nikons Coolpix-Kameras ermöglichen Foto-Laien, Bilder schon auf der Kamera zu bearbeiten. Die größte Hilfe jedoch verspricht Software zur Bilderkennung. Der Photomanager von Magix zum Beispiel kann Bilder automatisch nach Themen sortieren: Das Programm erkennt, ob auf den Bildern ein Strand, verschneite Passstraßen oder ein Badesee zu sehen ist. Googles Bilder-Manager Picasa und die nächste Generation von Microsofts Live-Fotogalerie sind zumindest in der Lage, Fotos anhand der Personen darauf zu sortieren.

Doch das Kernproblem lösen sie nicht: Schon früher waren Urlaubserzählungen, untermalt mit einem Diavortrag langweilig. Der war allerdings meist nach 20 Minuten vorbei. Heute sind Fotoabende Torturen, die nie enden. Nach dem 286. Kamel kommt mit Sicherheit noch eines und noch eines und noch eines.

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