Lesetipp: Die Numerati: Datenhaie wissen alles über uns

Lesetipp: Die Numerati: Datenhaie wissen alles über uns

Unbemerkt verfolgen Datenhaie unsere digitalen Spuren am Arbeitsplatz, im Supermarkt oder beim Arzt. Nicht einmal intimste Geheimnisse bleiben ihnen verborgen. Einblicke in die verschwiegene Welt der Zahlenjongleure.

Blogger (4. Kapitel)

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Datenhaie wissen alles über uns

„Nun wird es Zeit, euch meine lange Geschichte zu erzählen.“ Diese Einleitung spricht mich an; ich nehme einen Schluck Kaffee und fange an, den Text auf dem Bildschirm zu lesen.

Es ist ein langer Blog-Eintrag von einer jungen Frau, die sich Tears of Lust („Tränen der Lust“) nennt. Sie berichtet, wie sie mit ihrem Freund Kenny und ihrer besten Freundin Lizzy über Nacht nach Columbus, Ohio, gefahren ist. Die drei sind auf dem Weg zu einer Anime Convention. Während sie durch die Nacht fahren, klagt Kenny über immer schlimmer werdende Bauchschmerzen, und als sie in Columbus angekommen sind, „wird er auf dem Bett [im Hotel] ohnmächtig“.

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Sie bringen ihn ins Grant Medical Center, wo man ihnen eröffnet, dass Kennys Blinddarm in einer Notoperation entfernt werden müsse. „Bevor er in den OP geschoben wurde, hat er seine Eltern angerufen“, schreibt Tears of Lust, „und Lizzy und ich gingen in den Wartebereich. Dort sahen wir uns Kill Bill an und lasen in einer Zeitschrift. Dann sind wir wieder zur Cafeteria gegangen; sie war geschlossen, aber es gab fantastische Verkaufsautomaten, mit drehbaren, gekühlten Fächern, echt irre.“

Die Geschichte geht weiter – eine mit den Launen und Begierden einer Konsumentin durchsetzte Krankengeschichte. „Plötzlich“, so schreibt sie, „hörte [Kenny] seine tote Tante zu ihm sprechen und befürchtete daher, bei der Operation zu sterben.“ Aber Kenny überlebt und kommt wieder zu Kräften, während sich Tears of Lust und Lizzy Die Geisha und The Da Vinci Code auf DVD ansehen. Dann erfahren wir gewisse Einzelheiten über seine Gesundheitsprobleme, seine beinahe kollabierte Lunge und eine vereiterte Wunde. Als er einige Tage später mit seiner Freundin Liebe macht, ist er noch immer so geschwächt, dass Tears of Lust behutsam nach oben klettern muss, „wie eine geile Krankenschwester“.

Und das ist nur ein flüchtiger Eindruck aus der Blogosphäre, diesem riesigen und wachsenden Meer, das mit einigen unserer privatesten Daten angefüllt ist. Bis jetzt haben wir gesehen, wie Arbeitgeber unsere kleinen Auszeiten und E-Mails beobachten können und wie sie immer mehr in der Lage sein werden, uns als Arbeitskräfte zu optimieren. Wir haben gesehen, wie Werbetreibende versuchen, aus unseren Mausklicks und Bewegungen mathematische Modelle zu entwickeln, die jeden unserer Wünsche vorhersagen können. In der so weit beschriebenen Welt sind es andere, die sich an unseren wachsenden Datenmengen zu schaffen machen: Sie nehmen sie, analysieren sie, nutzen sie. Ob wir nun shoppen oder einen Kredit aufnehmen – wir schuften für die Numerati wie die Fruchtfliege für den Laboranten im weißen Kittel. Manchmal erhalten wir Rabatte oder Gewinne, und manchmal können wir „Nein“ sagen.

Doch sobald wir uns auf ein Angebot einlassen, werden wir zu Untersuchungsobjekten. Und dennoch breiten Millionen von Menschen in Blogs, auf YouTube und in sozialen Netzwerken wie MySpace freiwillig ihr Leben aus und schaufeln unermüdlich zahllose Details ihres Alltags in den öffentlichen Raum. An die Privatsphäre wird oft erst nachträglich gedacht – wenn überhaupt. Menschen wie Tears of Lust sind keine Marionetten – aktiv erfüllen sie die Blogosphäre mit Leben; doch das bedeutet freilich keineswegs, dass sie nicht auch benutzt werden könnten.

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