
Der Zeithorizont, den Netzfreunde, Journalisten, Politiker und chronische Skeptiker bei ihren Blicken auf das Fortschreiten der Digitalisierung ansetzen, ist zumeist kurz. In der Regel kreisen Debatten, Konflikte und Konzepte um die Geschehnisse, die sich im hier und jetzt oder bestenfalls in den kommenden Jahren abspielen – wobei es sich bei den gelegentlichen Ausblicken auf die vernetzte Welt in den Jahren 2014 oder 2015 üblicherweise lediglich um Prognosen von Marktforschungsinstituten zur Adaption bestimmter Hardware oder Prozesse oder zur Entwicklung von Marktanteilen und -potenzialen handelt. Kurzum: Obwohl die heutigen Veränderungen die Grundlage für eine völlig neue Art des Zusammenlebens und Wirtschaftens der nächsten Jahrzehnte legen, beziehen sich Beobachtungen und Analysen in der Regel auf kurzfristige Auswirkungen des Wandels, nicht auf das große Ganze.
Deshalb sind Darlegungen wie die gestrige von Gastautor Ralf Wienken so erfrischend und wichtig: Sie ermöglichen zwischen allen unsere unmittelbare Aufmerksamkeit beanspruchenden Ereignissen – wie neue Gadgets und Apps, juristische Reibereien und netzpolitische Auseinandersetzungen – einen wenn auch flüchtigen Blick aus der Vogelperspektive, ein Herauszoomen aus den Details der schnelllebigen Gegenwart, um den roten Faden zu erkennen, der sich unbeirrt durch die Geschichte fädelt und wenig Zweifel daran lässt, wie die Zukunft auf diesem Planeten aussehen wird: digitalisiert.
Bild: Massachusetts Institute of Technology (MIT)Roboter Domo, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt, hat spezielle Krafterkennungssensoren mit denen er seinen Händedruck genau steuert. Berührt man ihn allzu unsanft, sagt er "autsch".
Bild: dpaDer Spaceclimber des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) findet seinen Weg durch Geröllhaufen und durchkrabbelt problemlos Mondkrater.
Bild: APDieser elektronische Butler wird von acht Antriebsmotoren fortbewegt. Drei Laserscanner tasten die Umgebung nach Hindernissen ab und drei Computer im Rumpf der Maschnine koordinieren die Systemfunktionen. Durch eine eingebaute 3-D-Kamera und einen Entfernungsmesser kann der Roboter räumlich sehen. Über den Tablet-PC können Menschen die erwünschte Aktion auswählen. So kann der flexible Greifarm zum Beispiel bis zu vier Kilogramm heben.
Bild: DLRObwohl hochsensibel, verträgt der Greifer des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Schläge mit dem Hammer.

Der Fabrikroboter Frida des Unternehmens ABB soll demnächst neben Menschen Handys und Computer zusammenbauen.
Bild: HondaMaschinenwesen wie Hondas Asimo lernen, ihre Umwelt zu verstehen und selbstständig zu handeln.
Bild: dapdScooba, die Boden-Wischmaschine von iRobot putzt Böden in privaten Haushalten.
Bild: Willow GarageMit dem PR2 will die kalifornische Roboterschmiede Willow Garage die Entwicklung künstlicher Intelligenz nach dem Open-Source-Prinzip vorantreiben. Dafür stellt sie Wissenschaftlern weltweit elf der 400.000 Euro teuren Geräte zur Verfügung. Die Bedingung: Alle tauschen ihre Ergebnisse aus, um die Forschung zu beschleunigen. An der Universität Freiburg etwa lernt PR2 putzen, in Berkeley dagegen faltet er Handtücher.
Roboter Domo, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt, hat spezielle Krafterkennungssensoren mit denen er seinen Händedruck genau steuert. Berührt man ihn allzu unsanft, sagt er "autsch".
Die Technologisierung des Menschen
Je häufiger man auf das Big Picture schaut und sich mit den Auswirkungen von heutigen Erfindungen und Frühphasen-Innovationen auseinandersetzt, desto deutlicher wird die Dimension und Unaufhaltsamkeit der Technologisierung des Menschen. Was gestern noch wie Science Fiction anmutete, kann schon morgen zum neuesten Spielzeug von Early Adoptern werden und übermorgen bei der breiten Masse ankommen. Dass betrifft nicht nur die im Gastbeitrag skizzierte Vernetzung von Mensch und Maschine, bei der Informationen direkt in die Sinne eingespeist werden. Auch der sich abzeichnende Aufstieg von 3D-Druckern wird radikale Veränderungen nach sich ziehen – nicht nur, weil sich dann Jedermann eine eigene Waffe fertigen könnte. Klar, noch sind derartige Drucker nur etwas für Bastler. Aber das war der Computer in seinen Anfangstagen auch. Einige Dekaden später steht er in Miniaturform und um ein Vielfaches leistungsfähiger in jedem Haushalt.
Ähnlichen Exotenstatus wie 3D-Drucker haben heutzutage auch Gentests, welche die meisten Menschen primär mit kriminalistischen Ermittlungen in Verbindung bringen dürften. Doch alles deutet darauf hin, dass der präventive medizinisch-diagnostische Einsatz von DNA-Analysen in Zukunft aufgrund rasant sinkender Kosten für deren Durchführung eine große Verbreitung finden wird. Beim US-Startup 23andMe müssen für die Analyse mittlerweile nur noch 299 Dollar gezahlt werden, von anfänglich 1000 Dollar zum Launch Ende 2007. Wer diese Ausgabe nicht scheut und dem Unternehmen einige Milliliter Spucke in einem speziellen Behältnis zur Untersuchung schickt, erfährt nach zwei bis drei Wochen, wie hoch die Veranlagung und Wahrscheinlichkeit für gewisse Krankheiten ist – bei sich selbst und teilweise auch beim Nachwuchs.
- Seite 1: Bitte anschnallen für eine atemberaubende Zukunft
- Seite 2: Vielleicht sollte man nicht alles wissen














