Microsoft kündigt Windows Blue an: Neues Windows 8 nur gut zur Schadensbegrenzung

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KommentarMicrosoft kündigt Windows Blue an: Neues Windows 8 nur gut zur Schadensbegrenzung

von Thomas Kuhn

Microsoft hat bestätigt, was seit Wochen absehbar war. Das von vielen für sein ungewohntes Bedienkonzept gescholtene Windows 8 wird generalüberholt. Doch viele Alternativen hat der Konzern nicht.

Nein, die (wie mancher Kommentator schreibt) „größtmögliche Blamage“ für Microsoft ist nicht, dass der Konzern sein nur begrenzt von Markt und Nutzern geliebtes Betriebssystem Windows 8 bis zum Herbst überarbeiten will. Das hatte Marketingchefin Tammy Reller heute früh im Microsoft-Unternehmensblog angekündigt.

Updates, auch weit reichende, gehören in der Softwarebranche zum Alltag. Aber es ist das Eingeständnis, dass der Softwareriese die Auswirkungen des im vergangenen Herbst begonnenen Umbaus seiner wichtigsten Plattform möglicherweise nicht realistisch beurteilt hat. Oder sich nicht die Zeit genommen hat, die Feinheiten zu Ende zu denken; getrieben von der Notwendigkeit endlich ein für Tablet-Computer geeignetes Betriebssystem anbieten zu können.

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Allzu weit schien die Apple- und Android-Konkurrenz schon im Boommarkt enteilt, als dass die Entwickler noch an Lösungen hätten arbeiten können, die die extrem unterschiedlichen Welten einer PC- und einer Fingerbedienung eleganter und harmonischer verbinden würde. Dass dabei auch der traditionelle (und vielen vertraute) [Start]-Button verloren gegangen ist, ist Symptom des Problems – und Ursache manchen Ärgers.

Lange hat der Riese aus Redmond das Problem negiert und hat – zurecht – auf ordentliche Verkaufszahlen verwiesen. 100 Millionen (wie heute ebenfalls gemeldet) verkaufte Lizenzen seit dem Vertriebsstart vor gut einem halben Jahr sind per se keine schlechte Quote. Aber „ordentlich“ heißt nicht „gut“, und schon gar nicht „toll“.

Diese Neuerungen bietet Windows 8

  • Kachel-Design

    Windows 8 sieht schon auf den ersten Blick anders aus: Microsoft übernimmt aus seinem mobilen Betriebssystem das Kachel-Design. Auf dem Desktop liegen nun rechteckige Flächen, in denen Nutzer zum Beispiel Programme sortieren können. Und in den sogenannten Live-Kacheln werden Inhalte in Echtzeit aktualisiert – ob der Wetterbericht aus dem Netz oder die Mitteilung über neu eingetroffene E-Mails. Die bekannte Taskleiste samt dem mit Windows 95 eingeführten Startknopf verschwindet dagegen.

  • Bedienung per Fingerzeig

    Microsoft hat Windows 8 für die Nutzung per Touchscreen angepasst. Anwender können mit den Fingern navigieren, wenn ihr Rechner einen berührungsempfindlichen Bildschirm hat, aber auch klassisch mit Maus und Tastatur. Dass beides in einem Gerät vereint sein kann, zeigen etliche neue Modelle, die Tablet-Computer und Notebook in einem sind.

  • Ein eigener App Store

    Apple lässt grüßen: Microsoft hat für sein neues System den „Windows Store“ eingerichtet. Über die Plattform können Entwickler Apps verbreiten, die für Touchscreens optimiert sind. Auch Spiele werden angeboten.

  • Cloud-Dienste

    Schon beim Start wird es deutlich: Microsoft integriert seine Cloud-Angebote nahtlos in das neue Betriebssystem. Nutzer können sich künftig mit ihren Daten vom Online-Dienst Windows Live am Rechner einloggen. Damit haben sie direkten Zugriff beispielsweise auf den Online-Speicher Skydrive, außerdem lassen sich die persönlichen Einstellungen und der Browser-Verlauf zwischen verschiedenen Rechnern synchronisieren.

  • Vorinstallierter Virenscanner

    Microsoft hat große Teile seines Software-Pakets Security Essentials in Windows 8 integriert. Der Wächter soll vor Viren und Trojanern schützen.

  • Neue Prozessoren

    Mit Windows 8 unterstützt Microsoft erstmals nicht nur die traditionellen x86-Chips von Intel und AMD, die in PCs laufen: Erstmals läuft das Betriebssystem auch auf der ARM-Architektur. Diese kommt in Tablet-Computern zum Einsatz, etwa dem iPad, künftig aber auch im Surface, den Microsoft selbst auf den Markt bringt. So kann das Unternehmen in einem wichtigen Segment Fuß fassen.

Und da spielt eben auch die langsame Adaption des neuen Betriebssystems – gerade im Unternehmensumfeld – eine wichtige Rolle. Hier, wo Microsoft noch immer Abermillionen von Windows-XP-Lizenzen im Markt hat, wäre das größte Wachstumspotenzial (neben dem Tablet-Markt), wenn denn die IT-Verantwortlichen und die potenziellen Nutzer den Wechsel bereitwillig angingen. Ressentiments gegen die neue Kacheloptik aber helfen da nicht weiter.

WiWo Lunchtalk, 12 Uhr Was ist los mit Windows 8?

Jeden Tag um 12 Uhr sprechen wir im WiWo Lunchtalk für 15 Minuten über ein Thema. Heute haben wir über die aktuellen Entwicklungen bei Microsoft berichtet - und zur Re:publica nach Berlin geschaltet.

WirtschaftsWoche Lunchtalk Logo Quelle: WirtschaftsWoche Online

Und so ist auffällig, dass Reller noch so gut wie nichts über die Neuerungen oder Veränderungen verrät, die mit dem neuen Windows – Codename „Blue“ – voraussichtlich im Herbst kommen werden. Außer, dass man „eine Lernkurve“ durchlaufe und einige Kernpunkte verändern werde: „Wir werden die Benutzbarkeit bei Geräten ohne Touch-Steuerung verbessern, primär im Unternehmensumfeld“.

Dass das den [Start]-Knopf zurück bringt, ist damit noch nicht gesagt – aber anzunehmen. Und ebenso, dass es wohl wieder möglich sein wird, den Rechner direkt im klassischen Desktop-Modus zu starten. Seit Windows 8 startete der Computer standardmäßig ins neue Design und erforderte dann den manuellen Wechsel zum Desktop. Wer die gewohnte Optik direkt zum Start (und idealerweise auch den passenden Button) zurück haben wollte, musste Windows mithilfe von Zusatzsoftware wie Start8, StartIsBack oder StartMenu8 entsprechend umkonfigurieren.

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Das wird mit Windows 8 womöglich nicht mehr nötig sein. Aber das Grundproblem von Microsoft löst auch ein überarbeitetes Windows 8 nicht. Der Höhepunkt des PC-Zeitalters (zumindest klassischen Typs) ist überschritten. Das Wachstum findet in Zukunft in anderen Produktkategorien und Nutzungsszenarien statt. Tablets sind eine davon, Smartphones eine andere, und das vernetzte Haus eine dritte. Und in allen ist Microsoft nicht mehr der Dominator der PC-Welt sondern ein – günstigstenfalls aussichtsreicher – Angreifer.

Und damit ist klar: Absatzzahlen wie in den Windows-Hochzeiten der Vergangenheit wird Microsoft auf absehbare Zeit nicht mehr erleben. Egal wie gelungen Windows Blue ausfallen mag.

 

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