Noch ist derlei personalisierte Werbung im Netz die Ausnahme. „Derzeit liegt der Anteil von Targeting-Kampagnen im einstelligen Prozentbereich“, sagt Frank Bachér, Vermarktungschef bei Interactive Media, dem Online-Vermarkter der Telekom. Die Masse sei Umfeldvermarkung. Aber die Gewichte verschieben sich: „In fünf Jahren sind 30 Prozent Targeting realistisch.“
Mindestens. Denn jenseits der Werbung gibt es kein funktionierendes Geschäftsmodell im Web, das es den Menschen ermöglicht die Masse der Web-Angebote kostenlos zu nutzen. Die Gratiskultur des Internets finanzieren wir alle mit der Preisgabe unserer Interessen.
Und die Branche arbeitet bereits an neuen Techniken. Schon bald werden sich die Interessensprofile mit denen auf internetfähigen, mit GPS-Chips ausgestatteten Handys verbinden lassen. Dann lernen Werber nur über die Bewegung der Menschen durch die Stadt ihr soziales Umfeld kennen. Wer sich nachts in einer schicken Wohngegend und tagsüber im Bankenviertel aufhält, wird wahrscheinlich gut verdienen. Wenn die Werber auch noch die Bewegungsmuster der Menschen auswerten, kommen sie ihren Interessen noch näher: Sie wissen dann, wo die Menschen essen, welche Kinos sie besuchen und wie oft in der Woche sie abends zu Hause bleiben.
Schmaler Grat
Bislang, so das Versprechen, erfolge all das anonym. Man erfasse, statt personenbezogener Daten nur Interessensprofile und versuche daraus abzuleiten, was für einen Typ Mensch die wohl repräsentierten, sagt Thomas Duhr, Targeting-Experte beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). „Wir wollen alle kennen – aber niemanden persönlich.“
Wie schmal der Grat ist zwischen Schnüffelei und Nutzen zeigen Beispiele aus Großbritannien und den USA. Dort hatten Targeting-Dienstleister wie Phorm, Front Porch oder NebuAd im Auftrag von Unternehmen wie British Telecom oder AT&T am Netzzugang von Tausenden Surfern mitprotokolliert, welche Seiten sie aufrufen. Die Nutzerprofile wurden dann an Werbepartner verkauft oder direkt zur Schaltung gezielter Anzeigen genutzt.
Erst auf öffentlichen Druck in den USA hin und nach Strafandrohungen durch die EU bezeichneten die Unternehmen die Spitzeleien als technische Tests – und stellten sie dann kleinlaut ein.
„Wie viel George Orwell akzeptiert der Nutzer"
Internet-Anbieter wie T-Online und United Internet weisen derlei Verhalten weit von sich. Dennoch stehen Netzbetreiber und Werbewirtschaft beim Targeting unter Beobachtung der Datenschützer. „Wer ohne Zustimmung der Nutzer deren Daten personenbezogen erfasst, handelt illegal“, sagt Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD).
Viele Anbieter nutzen daher unabhängige Dienstleister, die zwar die Online-Interessen eines Surfers weiterleiten, den Werbern aber keinen Rückschluss erlauben, von welchem Computer sie stammen. Das sei das ein akzeptabler Weg, findet ULD-Chef Weichert.
„Die Frage ist nur“, sagt BVDW-Experte Duhr, „wie viel George Orwell akzeptiert der Nutzer auf Dauer für mehr Komfort, kostenlose Angebote oder die passendere Ansprache im Internet?“














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Alle Kommentare lesen19.10.2009, 13:55 UhrAnonymer Benutzer: Thomas Kuhn
@Anonym (ich würde Sie lieber ebenso persönlich anschreiben, wie Sie das mit mir tun).
Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Sie finden, ich hätte den Text zu reißerisch formuliert. ich finde, mit Aussagen wie "Die Gratiskultur des internets finanzieren wir alle mit der Preisgabe unserer interessen" drücke ich durchaus auch Selbstkritik aus.
ihren Hinweis, die Nutzung von Targeting-Techniken im wiwo.de-Angebot werde ich bei künftigen, ähnlich gelagerten Gelegenheiten berücksichtigen.
Gruß
Thomas Kuhn
19.10.2009, 13:29 UhrAnonymer Benutzer: Anonym
Sehr geehrter Herr Kuhn,
zunächst vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, die Kommentare unter ihren Artikeln zu lesen und darauf zu reagieren.
Das Sie mir in Form eine Frage unterstellen, ich hätte nicht den ganzen Artikel gelesen, halte ich jedoch ebenfalls für unangemessen.
Wenn die Überschrift vom "Ködern der internetnutzer" spricht und der Leser als erstes ein bild sieht, auf dem bewachungskameras neben dem Rechner stehen, dann beeinflusst das die Lesart des Artikels entscheidend und es geht eben nicht "lediglich darum, den Nutzern den Sachverhalt zu verdeutlichen".
Dies zeigt auch die Wortwahl, wie "Der Cookie posaunt nach Hause"
"Militärs beschreiben damit das Anpeilen eines Ziels".
Der Artikel würde diesen Eindruck nicht erzeugen, wenn Sie irgendwo (auch in der Offline Ausgabe!) den Satz geschrieben hätten: "im Übrigen werden die meisten der hier beschriebenen Targeting-Technologien auch mit Zustimmung der Wirtschaftswoche auf der Webseite der Wirtschaftswoche eingesetzt, um die darauf erzielten Werbeeinnahmen zu erhöhen."
MFG,
Anonym
18.10.2009, 19:53 UhrAnonymer Benutzer: Thomas Kuhn
@Anonym Vielen Dank für ihre Zuschrift zu meinem Artikel - und dass Sie es für angemessen halten und "einen guten Deal" finden, bei ihrem Surfverhalten beobachtet werden, zeugt von atypisch bewusstem Online-Verhalten. Damit ragen Sie aus der Masse der Web-Nutzer weit heraus.
Dass Sie meinen Artikel für "scheinheilig" halten und mich der "Doppelmoral" zichtigen, halte ich hingegen für absolut unangemessen. ich frage mich ehrlich gesagt auch, ob Sie den beitrag in Gänze gelesen haben?
Ziel des Textes war schlicht und einfach den Leserinnen und Lesern klar zu machen, dass Tracking und Targeting beim Surfen im Netz längst omnipräsenter Alltag sind.
Aber ich schreibe auch - und zwar ganz ausdrücklich -, dass das genau deshalb passiert, weil es kein funktionierendes anderes Geschäftsmodell gibt, das es ermöglicht, Menschen wie ihnen die kostenfreie Nutzung der Online-Angebote zu finanzieren.
Weder behaupte ich, dass die WirtschaftsWoche nicht versucht, ihren Online-Auftritt über Werbung (und die damit verbundenen Targetingmaßnahmen) zu refinanzieren, noch verdamme ich diese grundsätzlich. Es geht schlicht darum, den Nutzern den Sachverhalt zu verdeutlichen. Und wie sich ganz richtig zitieren, schreiben wir das auch noch ausdrücklich in unserer Datenschutzerklärung.
Das kann man gutheißen oder verdammen - scheinheilig ist es mit Sicherheit nicht.
Es grüßt der Autor.
Thomas Kuhn