Pro Netzneutralität: Entscheidung ist eine Lizenz zum Abkassieren

Pro Netzneutralität: Entscheidung ist eine Lizenz zum Abkassieren

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Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom AG, Timotheus Höttges.

von Oliver Voß

Bei der Abschaffung der Netzneutralität geht es nicht um Telemedizin oder Industrie 4.0. Es ist nur eine Lizenz für die Telekom, um bei Videoanbietern, Spielefirmen, Start-ups und Verbrauchern abzukassieren.

Jetzt ist es raus. Das EU-Parlament hat beschlossen, dass künftig im Internet eine Zwei-Klassen-Gesellschaft eingeführt wird. Bislang werden alle Daten, ob E-Mail, Videostream oder der Aufruf von Wiwo.de gleich behandelt. Dieses Prinzip der Netzneutralität war eine entscheidende Grundlage für die bisherige Entwicklung des Internets. Künftig wird es jedoch möglich, die Daten unterschiedlich zu behandeln und so genannte „Spezialdienste“ schneller durch die Leitungen zu schicken.

Dies sei nötig, damit kritische Anwendungen sich nicht in der wachsenden Datenflut stauen, argumentieren die Befürworter. Ohne diese Änderung sei der ökonomische Erfolg von vernetzten Fabriken in der Industrie 4.0 gefährdet, vor allem aber sei es künftig nicht möglich, per Telemedizin Leben zu retten oder es könne die Sicherheit selbstfahrender Autos nicht garantiert werden. „Es geht nicht um die Industrie, es geht um unser Leben“, hat EU-Digitalkommissar Günther Oettinger einmal gesagt. Verkehrssicherheit und Gesundheit seien im Auto wichtiger, als dass Youtube-Videos und Spiele beim Bengel auf der Rückbank perfekt laufen. Wer will da auch widersprechen.

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Wie Sie sich vor Kostenfallen schützen

  • Nicht unbedacht weitersurfen

    60 Euro sind beim Internet-Surfen unter Umständen sehr schnell erreicht. Nutzen Sie einen EU-Provider, wird die Datenverbindung ab dieser Summe automatisch gekappt. Eine unüberlegte Zustimmung zum Weitersurfen kann hohe Kosten verursachen.

  • Achtung außerhalb der EU

    In den beliebten Urlaubsländern Türkei, Tunesien, Ägypten oder Thailand, gilt die Obergrenze des Eurotarifs nicht und somit sind sehr hohe Kosten auch für Telefonate und SMS zu erwarten. Dies kann auch bei Reisen in die Schweiz geschehen. Norwegen, Island und Liechtenstein behandeln die meisten Anbietern wie EU-Länder.

  • App-Updates vermeiden

    Smartphones können sich vom Nutzer unbemerkt ins Internet einwählen, um zum Beispiel ein Software-Update auszuführen, automatisch E-Mails abzurufen oder die Wetterinformationen zu aktualisieren. Dies kann durch rechtzeitiges Ausschalten dieser Funktion beziehungsweise des gesamten Mobiltelefons verhindert werden. Am einfachsten ist es, das Smartphone einfach auf den Flugmodus zu setzen. Dann ist allerdings auch das Telefonieren nicht mehr möglich. Alternativ können auch Softwareaktualisierungen nur noch per WLAN zugelassen werden. Eine entsprechende Einstellung gibt es in jedem Betriebssystem.

  • Nicht die Mailbox abhören

    Auch Rufweiterleitung oder das Abhören der Mailbox kostet, vor allem in Ländern außerhalb der EU. Hier lauert die Kostenfalle der doppelten Umleitung: Man zahlt zum einen für die Weiterleitung des Gesprächs ins Urlaubsland und dann noch einmal für die Rückleitung auf die deutsche Mailbox.

  • Apps vor dem Urlaub laden

    Reiseführer und City-Guides gibt es auch als Apps, die sich unterwegs mit einem Smartphone nutzen lassen. Das Herunterladen vor Reiseantritt spart Roaming-Gebühren, da die Reiseführer nach dem Download in der Regel ohne Internetverbindung, also offline, zur Verfügung stehen.

  • Hotspots nutzen

    In vielen Hotels, Bars und Restaurants stehen WLAN-Hotspots zur Verfügung, mit deren Hilfe günstig, oder sogar kostenfrei, am Urlaubsort im Internet gesurft werden kann. Allerdings muss von der Eingabe von sensiblen persönlichen Daten (wie etwa Online-Banking, Kreditkartennummer) abgeraten werden, da diese leicht ausgespäht werden können.

  • Eigenes Netz nutzen

    In Grenzgebieten zu Deutschland sollte man darauf achten, sofern möglich, das kostengünstigere, eigene Netz zu wählen.

Doch worum es eigentlich geht, hat Telekom-Chef Timotheus Höttges nun erstaunlich offen dargelegt: Als Beispiele für „empfindliche Dienste“ nennt er Videokonferenzen und sogar Online-Gaming. Spielefirmen und andere Anbieter können künftig also Vorfahrt im Netz bekommen – natürlich gegen Bezahlung. Mit der Abschaffung der Netzneutralität wird so ein neues Geschäftsfeld für die Telekommunikationskonzerne geschaffen. Die klagen schon lange, dass sie die teure Infrastruktur betreiben und Konzerne wie Google & Co. dort mit ihren Inhalten die großen Gewinne abschöpfen.

Künftig sollen diese also zahlen, damit Youtube-Videos, Netflix-Filme oder Musikstreams von Apple ruckelfrei übertragen werden. Auf den ersten Blick klingt es auch vernünftig, die US-Internetriesen zur Kasse zu bitten und so den lahmenden Netzausbau in Deutschland zu finanzieren. Doch das ist ein Trugschluss, denn damit fällt der Anreiz weg, den ohnehin schon viel zu langsamen Breitbandausbau endlich voranzutreiben. Im Gegenteil: Je mehr Staus drohen, desto besser lassen sich die Spezialdienste verkaufen.

Apple iPhone spült Milliarden in die Kasse

Das iPhone bleibt eine Geldmaschine für Apple. Der Konzern fuhr im Quartal vor dem Weihnachtsgeschäft einen zweistelligen Milliardengewinn ein. Ein anderes Produkt hat dagegen seine besten Zeiten offenbar hinter sich.

huGO-BildID: 50244632 A woman holds up the iPhone 6 Plus at the Apple Store at Tokyo's Omotesando shopping district, in this file photo taken September 19, 2014. A U.S. jury on Friday ordered Apple Inc to pay the University of Wisconsin-Madison's patent licensing arm more than $234 million in damages for incorporating its microchip technology into some of the company's iPhones and iPads without permission. REUTERS/Yuya Shino/Files Quelle: REUTERS

Es fördert auch nicht den Wettbewerb, sondern verzerrt ihn, indem die bestehenden Machtverhältnisse zementiert werden. Denn Apple und Amazon können sich Zusatzkosten für ihre Spezialdienste noch am ehesten leisten, neue Herausforderer nicht. Nicht umsonst haben 50 führende Start-ups und Investoren in einem offenen Brief gegen das Ende der Netzneutralität protestiert. Sie wussten was ihnen nun blüht: Wollen Start-ups künftig eine „garantiert gute Übertragungsqualität“, sollen sie dafür nach den Vorstellungen von Höttges mit einer „Umsatzbeteiligung von ein paar Prozent“ bezahlen. Damit wird offensichtlich, dass die Abschaffung der Netzneutralität nichts anderes ist, als eine Lizenz zum Abkassieren für die Telekom & Co.

Und die halten künftig gleich drei Mal die Hand auf: Erst einmal wie bislang für den Internetzugang, für den es aber ein schlechteres Angebot gibt, wenn Angebote Zweiter-Klasse langsamer laufen. Zum zweiten bei den  Inhalteanbietern und selbst wenn die bezahlen, damit ihre Dienste störungsfrei laufen, sollen drittens auch die Verbraucher noch einmal zusätzlich löhnen, um diese Inhalte zu konsumieren. „In Zukunft wird es auch die Möglichkeit geben, einen Dienst für ein paar Euro mehr in gesicherter Qualität zu buchen“, kündigt Höttges an.

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EU-Digitalkommissar Günther Oettinger bezeichnete Befürworter der Netzneutralität einmal als „Taliban-artig“ und auch der Telekom-Chef bezeichnet die Positionen der Netzaktivisten als „fundamentalisitisch“. Die Reihe der Extremisten reicht vom Vater des World Wide Web, Tim Berners Lee, bis hin zu Barack Obama – der die Festschreibung der Netzneutralität in den USA als Sieg des „freien und offenen Internet“ feierte.

Dabei erinnern eher die Pläne der Telekom mit ihrer modernen Form der Wegelagerei an die Taliban: Schließlich will sie das bisherige Prinzip der Chancengleichheit durch das Recht des Stärkeren ersetzen.

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1 Kommentar zu Pro Netzneutralität: Entscheidung ist eine Lizenz zum Abkassieren

  • Warum ist der Telekom das Telefonnetz bei der Privatisierung "geschenkt" worden?
    Damit sie nun die Fläche vergessen bzw. erpressen kann?
    Das Telefon-/Datennetz gehört schon lange in eine staatliche Hand, die auch für einen flächendeckenden Ausbau und den Betrieb sorgt. Netzentgelte wie beim Schienennetz der Bahn finanzieren dann diese Gesellschaft.
    Dann brauchen sich auch nicht gleich vier Bundesminister und die (noch) Bundeskanzlerin mit dem flächendeckenden bundesweiten schnellen Internetausbau befassen. Von Sachkenntnis sind diese Politiker sowieso nicht getrieben, eher von Lobbyinteressen, was an diesem Dauerthema klar ablesbar ist. Frau Merkel (CDU) verspricht das schnelle Internet bereits sei 13 (!) Jahren. Das kann sie und Ihre Ministerriege also auch nicht. Es ist eben ein Unterschied ob man drüber redet, oder ob man etwas kann.

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