Re:publica 2015: Netzaktivisten zwischen Utopie und digitalem Alltag

Re:publica 2015: Netzaktivisten zwischen Utopie und digitalem Alltag

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Fordert einen grundlegenden Systemwandel: Der US-Intellektuelle Ethan Zuckerman.

Aktivistische Töne auf der Re:publica. Die Diagnose ist vernichtend: „Das System ist kaputt“, sagt der US-Intellektuelle Zuckerman. Ministerin Hendricks widerspricht. In vielen Projekten wird Veränderung konkret.

Die Botschaft lautet: „Eine bessere Welt ist machbar“. Überzeugt von der Veränderungskraft der Kommunikation im Netz sind am Dienstag mehr als 6000 Menschen zur Re:publica zusammengekommen. In der überfüllten Halle auf dem einstigen Gelände des Dresdner Bahnhofs lauschen sie dem US-Intellektuellen Ethan Zuckerman und seinem Aufruf, ihr Misstrauen gegenüber dem herrschenden System in eine Kraft für einen grundlegenden Systemwandel zu verwandeln.

„Das System ist kaputt“, sagt der Gast vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Es ist die Herausforderung unserer Generation, eine bessere Welt zu errichten.“ Bisher sei es nicht gelungen, im Internet neue Wege politischer Gestaltung zu etablieren - das sei eine der größten Enttäuschungen der vergangenen 20 Jahre. „Es ist aber unsere Aufgabe, engagierte und skeptische Kritiker unserer Regierungen zu sein.“ Das beginne mit der Nutzung von Technologien für die anonyme und verschlüsselte Kommunikation, rät der 42 Jahre alte Mitgründer der internationalen Blogger-Plattform globalvoices.org. Nächster konsequenter Schritt sei die Mitwirkung an neuen sozialen Protestbewegungen.

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Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) widerspricht im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur der Diagnose vom kaputten System. „Veränderungsfähigkeit ist in demokratischen Systemen immer vorhanden, die Prozesse müssen nur transparent sein.“

Impulse für Veränderung erhofft sich Re:publica-Mitveranstalter Markus Beckedahl von der aktuellen Debatte über Enthüllungen, „dass wahrscheinlich unsere eigenen Geheimdienste viel mehr mit der NSA zusammengearbeitet haben, als wir eigentlich wussten“. Jetzt dürfe man sich nicht darauf beschränken, Schuldige zu finden, mahnte der Blogger (netzpolitik.org). „Wir brauchen einen Ausstieg aus der Totalüberwachung!“

Nach den großen Appellen steigt die Konferenz in die Arbeit am digitalen Alltag ein. Ministerin Hendricks stellt die Internet-Kampagne mit dem Hashtag (Stichwort) „ziek“ vor: „Zusammen ist es Klimaschutz.“ Aufklärung zur globalen Erwärmung ist gut und schön - aber „wie kommt man von der Information zur Aktion?“ fragt Laura Holzäpfel, Bloggerin bei reset.org. Die Ministerin antwortet: „Wir können nicht mehr als hoffen, dass der Funke überspringt.“ Sie ruft die Netzgemeinde dazu auf, den jetzt beginnenden Diskussionsprozess zur Pariser UN-Klimakonferenz vom 30. November bis 11. Dezember aktiv und kritisch zu begleiten.

Mehr Unterstützung will die global engagierte Szene für die vielen Menschen, „die aufgrund von Armut, Hunger und Krieg ein sicheres Leben in Europa suchen“, wie es der Berliner Blogger Johnny Haeussler gleich zu Beginn sagt. Allerdings gebe es schon eine Art Gewöhnung daran, „dass wir es an den Grenzen mit einer humanitären Katastrophe zu tun haben“, kritisiert der Hamburger Soziologe Vassilis Tsianos. Auf der Bühne berichtete der syrische Flüchtling Mohamad Al Ashrafani von seinen Erfahrungen. Auch wenn er sich gut aufgenommen fühle in Deutschland, gebe es viele Probleme. Seit acht Monaten warte er auf seine Anhörung.

Fünf Technik-Trends für 2015

  • Smartwatch

    Tragbare Technologien verkaufen sich bislang eher schleppend. Das von Experten bereits ausgerufene Smartwatch-Zeitalter lässt bislang auf sich warten. Wichtig für den Erfolg: Die smarten Uhren müssen dezent aussehen und qualitativ hochwertig sein. Das liefern längst nicht alle Geräte und auch die Armbanduhr Apple Watch, die im Frühjahr erscheint, ist nicht perfekt. Dank den Apple-Jüngern dürfte sie sich aber besser verkaufen als Konkurrenzmodelle. Ob das für den Durchbruch der Smartwatch ausreicht, bleibt abzuwarten. Schließlich gibt es sie schon seit 2013. Ob wir diese Technik überhaupt am Handgelenk tragen wollen, entscheidet sich wohl 2015.

  • Mobile Payment

    Nahfunk-Technik NFC (Near Field Communication) ist praktisch, günstig und schon nutzbar, aber trotzdem greifen die Deutschen noch nicht zur mobilen Geldbörse. Egal welcher der bisherigen NFC-Bezahldienste – ob Mastercard, Paypal oder Telekom – keiner konnte die Verbraucher bisher überzeugen. Auch hier kommt Apple mit seinem „Apple Pay“ 2015 nach Europa. Aber auch hier gibt es viele Argumente, warum es in diesem Jahr ebenfalls nichts werden könnte, wie starkes Misstrauen der Verbraucher und zu wenig beteiligte Unternehmen.

  • 3D-Drucker

    Sie haben 2014 die Märkte geflutet, die Geschäfte erobert und die Verbraucher erreicht. Mittlerweile sind 3D-Drucker sogar geradezu preisgünstig und für den Eigengebrauch zu haben. Mit dem Preis scheint aber zugleich der Hype zu schwinden. 3D-Drucker könnten 2015 somit nicht nur ihren exklusiven Preis, sondern auch ihre Beliebtheit verlieren.

  • Service-Drohnen

    Sie könnten längst über unsere Häuserdächer fliegen – Amazon wäre begeistert, aber das dürfte noch lange dauern. Zivile Drohnen zu nutzen wäre problemlos möglich, aber unsere Regulierungen werden das so schnell nicht erlauben. Der Fahrdienst Uber ist das beste Beispiel, wie neue Ideen, die alte Regeln brechen, eher vor Gericht landen als dass sie Geld machen.

  • Das Internet der Dinge

    Wir bringen Technik in Objekte – das ist das Internet der Dinge, kurz gesagt. Schon 2014 war es ein riesiges Thema auf Tech-Konferenzen. Im Jahr 2015 dürfte es deutlich an Zuwachs gewinnen, aber wann es die Nutzer überzeugen wird, bleibt abzuwarten. Die Experten sind auf jeden Fall schon jetzt Feuer und Flamme.

Ist die Re:publica aktivistischer geworden? Der Netzaktivist Stephan Urbach sieht das nicht. „Wir leben noch in sehr bequemen Zeiten, wissen aber, dass sich das in zehn Jahren ändern kann.“ Appelle wie die von Zuckerman hätten kaum eine Wirkung - denn „wenn wir jetzt schon aufbegehren würden, wäre das mit den bequemen Zeiten noch schneller vorbei“.

So feiert sich die Netz-Szene in Berlin vor allem auch selbst. „Das ist hier eher ein Festival als eine Konferenz“, meint der Netzaktivist Raúl Krauthausen. „Die Re:publica ist eine der wenigen Veranstaltungen, bei der Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich dabei sein können, wo Inklusion bereits Wirklichkeit ist“.

Krauthausen hat bereits gezeigt, dass sich im Netz was erreichen lässt, mit einem kleinen Schritt zu einer besseren Welt: Mit der Web-Anwendung wheelmap.org können Rollstuhlfahrer in aller Welt überprüfen, welche Orte sie ohne Probleme erreichen können.

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