Schmaler Grat zwischen Nutzen und Nerven: Wie das Smartphone unseren Alltag beeinflusst

Schmaler Grat zwischen Nutzen und Nerven: Der ultimative Smartphone-Knigge

Wie das Smartphone unseren Alltag beeinflusst

8.00 Uhr: In der Straßenbahn schaut fast niemand mehr auf. Der Blick ist auf das Smartphone gesenkt. Langeweile hat so gut wie niemand auf der Fahrt.

Wartezeiten lassen sich wunderbar mit dem Smartphone überbrücken“, sagt Agnes Jarosch. Aus Knigge-Sicht spreche auch nichts dagegen, solange niemand direkt ignoriert wird. Anders sieht es mit lauten Telefonaten im öffentlichen Raum aus.

Wie fürchterlich diese nerven können, weiß wohl jeder, der schon einmal neben einem Dauertelefonierer in der Bahn gesessen hat. Inzwischen haben Forscher der amerikanischen Cornell Universität herausgefunden, woran das liegt: Während das Gehirn Monologe oder Gespräche zwischen zwei Personen problemlos ausblenden kann, funktioniert das bei „Halbgesprächen“ nicht.

10.00 Uhr: Das Team kommt zum Meeting zusammen. Der Chef gibt einen Überblick über die Aktivitäten der kommenden Tage. Als er in die Runde schaut, bemerkt er, wie die Kollegen auf das Smartphone schielen. Im Wechsel nicken sie ihm zustimmend zu und vertiefen sich dann wieder in ihre E-Mails.

Für Chefs sind solche Situationen schwierig. Einerseits ist es gut, wenn die Kollegen ihr Arbeitsfeld kontinuierlich im Griff haben und Anfragen schnell beantworten. Andererseits wird ihm und seinem Vortrag nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die er gerne hätte. „Wir haben nur eine Aufmerksamkeit“, sagt Joachim Höflich. Wer sich mit dem Smartphone beschäftigt, kann nicht gleichzeitig zuhören. „Multitasking ist ein Mythos“, so Höflich.

Um seine Aussage zu untermauern, führt er ein Experiment der Psychologen Simons und Chabris aus dem Jahr 1999 an:

Davon abgesehen ist das Verhalten der Kollegen gegenüber dem Chef einfach unhöflich, findet Agnes Jarosch. Der Deutsche Knigge-Rat hat für den Umgang mit dem Smartphone eine einfache allgemeingültige Regel: Grundsätzlich sind Nicht-Anwesende zugunsten der Anwesenden zu vernachlässigen. Entsprechend hat das Smartphone im Meeting nichts verloren.

13.00 Uhr: In der Mittagspause treffen sich Mutter und Tochter in einem Bistro zum Mittagessen. Beide legen das Smartphone auf den Tisch – die Mutter hat den E-Mail-Posteingang im Blick, die 13-Jährige den WhatsApp-Chat mit den Freundinnen.

„Eltern haben eine Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche“, sagt Iren Schulz. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen hat für ihre Dissertation erforscht, wie sich die Sozialisation von Jugendlichen unter dem Einfluss des Smartphones verändert. Wenn vorgelebt wird, dass das Smartphone am Tisch einen Platz hat, wird das Kind es ebenso machen. Entsprechend wichtig sind hier klare Regeln, wie Johnny und Tanja Haeusler in ihrem Ratgeber „Netzgemüse“ schreiben. Sie geben klare Anweisungen, wie: Am Tisch bleibt das Smartphone aus. Oder: Im Schlafzimmer hat das Gerät nichts verloren. Stattdessen gibt es eine Docking-Station im Flur, wo alle Mobiltelefone und Tablets der Familie über Nacht aufladen.

„In der Pubertät haben Kinder schon immer viel kommuniziert“, erklärt Schulz. „Durch die neue Technik hat sich das noch verstärkt.“ Das Telefon gebe den Jugendlichen das Gefühl, eingebunden zu sein und dazuzugehören. Dafür sei die Angst, ausgeschlossen zu werden oder etwas zu verpassen, entsprechend höher. Entsprechend müssten Kinder heute vor allem lernen, das Alleine sein auszuhalten.

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Eltern, die sich deswegen Sorgen machen, kann Schulz beruhigen: „In der Regel kommunizieren Kinder zwischen 13 und 14 Jahren übermäßig viel. Das wird mit den Jahren wieder weniger.“

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