Sicherheitsexperte Kaspersky: "Wir können uns gegen Cyberwaffen nicht schützen"

Sicherheitsexperte Kaspersky: "Wir können uns gegen Cyberwaffen nicht schützen"

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Eugene Kaspersky, 46, über die Gefahren von Cyberattacken.

von Matthias Hohensee

Der russische Softwaremillionär Eugene Kaspersky warnt vor Cyberwaffen und prognostiziert den Aufstieg von Google zur Smartphone-Supermacht.

WirtschaftsWoche: Herr Kaspersky, Sie warnen vor den Gefahren eines Cyberkrieges. Wie wahrscheinlich ist eine Attacke auf Westeuropa, und wie könnte sie aussehen?

Kaspersky: Solche Attacken werden geschehen, weil sie technisch möglich sind. Es wird zwei Arten geben. Bei der verteilten Attacke wird die Infrastruktur überlastet, es werden also beispielsweise massenhaft Telefonanrufe ausgelöst, um die Kommunikationsnetze lahmzulegen und Leute in Panik zu versetzen. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn plötzlich alle Telefone gleichzeitig klingeln? Bei der direkten Attacke wird gezielt Infrastruktur zerstört wie beim Stuxnet-Wurm, der die Zentrifugen in der iranischen Atomanlage Natanz lahmgelegt hat.

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Wie kann man sich davor schützen?

Wir können uns nicht schützen. US-Verteidigungsminister Leon Panetta gab kürzlich zu, dass man mit Cyberwaffen zwar angreifen könne, sich aber nicht gegen sie verteidigen. Er hat recht.

Sollen wir den Kopf in den Sand stecken?

Nein. Diese Waffen müssen international geächtet und kontrolliert werden. Wir brauchen eine global agierende Behörde ähnlich der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien. Sie müsste mit Kontrollen überwachen, dass Cyberwaffen nicht entwickelt werden, und alle Staaten zur Kooperation verpflichten. Wer sich dem verschließt, gilt im Verdachtsfall als schuldig und muss mit Sanktionen rechnen. Ich halte Cyberwaffen für gefährlicher als Atomraketen und biologische Kampfstoffe. Sie sind mit weit weniger Aufwand zu entwickeln und einzusetzen und nicht regional begrenzt. Und sie können sich unkontrolliert fortpflanzen – mit unerwarteten Folgen.

Zum Beispiel?

Wir müssen nur an den Blackout von 2003 denken, der die US-Ostküste lahmgelegt hat. Der Grund war wohl ein Computerwurm, der aber gar nicht dafür entwickelt war, das Energienetz zu attackieren. Es war ein Nebeneffekt, mit dem seine Entwickler nicht gerechnet hatten.

Sollte kritische Infrastruktur wie das Energienetz daher besser nicht mehr mit dem Internet verbunden werden?

Das schützt nicht vor Attacken. Die Software solcher Anlagen muss gewartet und früher oder später mit einem Computer verbunden werden. Das ist die Schwachstelle. Ich denke, dass das bei den Iranern passiert ist. Die Atomanlage war auch nicht direkt mit dem Internet verbunden. Einer der Wartungscomputer war infiziert und hat den Wurm eingeschleust.

Die vier größten Anbieter von Computerinformationssicherheit. (Zum vergrößern bitte anklicken)

Die vier größten Anbieter von Computerinformationssicherheit. (Zum vergrößern bitte anklicken)

Wird sich ein Rüstungsindustriezweig entwickeln, der Cyberwaffen produziert?

Überraschen würde es mich nicht. Die Profitmargen rangieren noch vor dem illegalen Waffenhandel.

Wie entgegnen Sie Vorwürfen, dass Sie Panikmache betreiben, um Ihr Unternehmen bekannter zu machen?

Wir wurden schon verspottet, als wir vor Jahren vor Computerwürmern und Handyviren gewarnt haben. Wer mir unlautere Motive unterstellt, sollte lieber die erste Regel bei der Abwehr beachten: Du sollst Kassandra nicht umbringen.

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