Provokante Fragen können John Wendell Thompson nicht im geringsten aus der Reserve locken. Ganz entspannt, die hellgraue Anzugjacke leger über die Rückenlehne gehängt, sitzt der Vorstandschef von Symantec in der zehnten Etage eines Bürohochhauses in San Francisco und wippt gemütlich in einem Herman-Miller-Stuhl. Ob sein Unternehmen als größter Anbieter von Datensicherheitssoftware überhaupt interessiert sei, Online-Kriminalität einzudämmen? Schließlich verdiene man ja hervorragend damit. „Der Polizei wirft ja auch keiner vor, dass es Verbrechen gibt“, kontert Thompson und lächelt, „man erwartet von ihr, dass sie sie bekämpft.“ Der Mann ist Profi. Er hat aus dem mittelständischen Softwarehaus Symantec einen Weltkonzern geformt. Er ist einer der einflußreichsten Unternehmenschefs des Silicon Valley und einer der wenigen Afroamerikaner in den Führungsetagen von US-Unternehmen. Einst als Verkäufer beim Computerkonzern IBM gestartet, hat er sich ganz nach oben gearbeitet. Als Thompson nach 28 Jahren Karriere bei IBM 1999 den Chefposten bei Symantec übernahm, machte das Unternehmen – hauptsächlich mit Virenschutzsoftware – 592 Millionen Dollar Umsatz und beschäftigte rund 2400 Mitarbeiter. Nach einer Reihe von Firmenübernahmen ist Symantec heute der größte Datensicherheitskonzern der Welt, setzte im Geschäftsjahr 2006 mit 16 000 Angestellten weltweit rund 4,1 Milliarden Dollar um und verdiente dabei 157 Millionen Dollar. Es beobachtet den weltweiten Internetverkehr auf der Suche nach Attacken und fischt als Dienstleister für Internet-Provider und Unternehmen Spam heraus. Ein Drittel des Geschäfts macht der Konzern noch immer mit der Norton-Antivirenschutzsoftware für Heimcomputer. Knapp 40 Übernahmen hat Symantec seit seiner Gründung im Jahr 1982 durchgezogen. Die mit Abstand größte, der Kauf des Softwareanbieters Veritas im vergangenen Jahr, geht auf Thompsons Kappe. Symantec ist nun nach Microsoft, Oracle und SAP die Nummer vier der Softwarebranche. Seinen ehemaligen Arbeitgeber IBM nimmt er aus: „Die machen ja wesentlich mehr als Software.“ So viel Größe verleiht Macht. Und Thompson weiß, dass man sie am besten offensiv verteidigt. Zum Beispiel gegen Microsoft. Der Softwaregigant hat im Frühsommer endlich wahr gemacht, was schon seit Jahren erwartet wurde, und ist in das Geschäft mit Virenschutzsoftware für Heimcomputer eingestiegen. Windows Live OneCare ist ein Service, der nicht nur den Computer vor Viren und Würmern schützt, sondern auch Back-ups organisiert und prüft, ob Aktualisierungen heruntergeladen werden müssen. Damit haben Anbieter wie Symantec und Wettbewerber McAfee und Trend Micro erstmals ernsthafte Konkurrenz. Gleich bei Verkaufsstart im Mai eroberte Microsoft im US-Markt Platz zwei hinter Symantec. Wesentlich gefährlicher als Windows Live OneCare ist für den Branchenprimus jedoch Microsofts neueste Systemgeneration Vista, die jetzt erstmals ausgeliefert wurde. Grund: Microsoft hat in Vista etliche Sicherheitsfunktionen integriert. So verspricht Windows Defender beispielsweise, Spionageprogramme aufzuspüren. Bisher mussten solche Funktionen extra eingekauft werden. Symantec und McAfee beklagen, dass Microsoft damit über einen unfairen Wettbewerbsvorteil verfügt. Sie behaupten, dass Microsoft das Innenleben seines Betriebssystems außerdem stärker abschirme, was es Drittanbietern erschwert, ihre Produkte weiterzuentwicklen. Die Angst ist, dass Kunden keine externe Sicherheitssoftware kaufen, sondern sich auf Microsoft-Produkte verlassen. Konkurrent McAfee warnt vor einer Monokultur: „Wir propagieren Vielfalt“, sekundiert Thompson. „So sind wir viel besser geschützt.“ Microsoft sieht das gelassen. „Die sollten lieber ihre Produkte verbessern“, stichelt Microsoft-Manager Ben Fathi.
Softwarebranche: Symantec: Flucht nach vorn
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