Tauchsieder: Algorithmen bestimmen unser Leben

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kolumneTauchsieder: Algorithmen bestimmen unser Leben

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Yvonne Hoffstetter meint, die Freiheit der Menschen sei in Gefahr.

Kolumne von Dieter Schnaas

Die Technologie-Unternehmerin Yvonne Hofstetter schaut in den Maschinenraum des Digitalkapitalismus - und warnt: Die Freiheit geht zugrunde. Der Mensch arbeitet an seiner Selbstabschaffung.

Der Lehrling im Comptoir von Herrn Preiss bekommt es gleich am ersten Tag eingeschärft: In der schönen, neuen Wirtschaftswelt zählen Zahlen und Preise, nicht Buchstaben und Werte. "Merken Sie sich das", mahnt der Prinzipal, "am Buchstaben ist mir nicht so viel gelegen, aber an der Zahl... Kopieren Sie mir die Zahlen richtig, sonst sind wir geschiedene Leute. Zahlen regieren die Welt."

Georg Weerth hat damals noch keinen Schimmer haben können von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz, von Supercomputern und Petabytes  im digitalen Informationskapitalismus. Und doch sind seine "Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben" aus dem Jahre 1847 noch immer eine herrlich treffende Beschreibung dessen, was man mit Sigmund Freud als vielleicht größte narzisstische Kränkung des Kulturwesens Mensch bezeichnen könnte: Dass Berechnungen von Ingenieuren und Gewinnerwartungen von Kaufleuten in der kapitalistischen Welt mehr zählen als politische Pamphlete und poetische Gedichte.

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Das Buch

  • Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles

    Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles, C. Bertelsmann, 19,99 Euro

Die aus freien Stücken erfundenen, an sich interesselosen Binär- und Dezimalsysteme haben Dichtern und Denkern die Deutungshoheit über das entzogen, was zählt - das ist der große kulturelle Graben, den das 19. Jahrhundert von der grauen Vorzeit trennt. Auf die religiöse Durchdringung der Welt (bis 1500) und ihre philosophisch-literarische Interpretation (bis 1800/1850) ist ihre ökonomische Auslegung gefolgt (seit 1850 bis heute): "Das Alphabet ist nun erst überzählig", resümiert bereits Goethe in seinem Faust über die neue Macht der Zahlen und des Geldes: "In diesem Zeichen wird nun jeder selig."

Algorithmen von Amazon und Google

Jeder? Folgt man Yvonne Hofstetter, ist heute nicht mal mehr das die entscheidende Frage. Wir stehen an einer weiteren Epochenschwelle, in der nicht mehr nur des Menschen "Arbeit" in Preisen ausgedrückt werden, sondern in der der Mensch sich selbst zum taxierbaren Objekt totalisiert. Die Mathematik habe begonnen, die Herrschaft über den Menschen anzutreten, schreibt die Juristin und Technologie-Unternehmerin in ihrem 300-Seiter "Sie wissen alles" - ein Buch, dessen Kernthese sich in einen mittlerweile allzu leicht von der Hand gehenden Absatz zusammen fassen lässt: Die intelligenten Systeme der digitalen Revolution ("Big Data") bedrohen das zentrale Projekt der Aufklärung, den zu sich selbst befreiten, subjekthaften Menschen mit seiner personalen Würde. Nicht wir selbst entwerfen und schreiben mehr unser Biographie, so Hofstetter, und bestimmen unsere Entscheidungen, sondern die Algorithmen von Amazon und Google sind es, die uns gemäß unserer Vorlieben durchs das lotsen, was wir dummerweise noch für unser selbstbestimmtes Leben halten.

Konkrete Big-Data-Beispiele

  • Gesundheit

    Im Gesundheitswesen werden wertvolle Informationen über Nebenwirkungen von Medikamenten und die Wirksamkeit neuer Behandlungsmethoden gewonnen, indem Erfahrungsberichte von Patienten und Ärzten im Internet anonym ausgewertet werden.

  • Verkehrsmanagement

    Die Stadt Stockholm realisiert ein intelligentes Verkehrsmanagement, um Staus und Unfälle zu vermeiden. Grundlage ist die Analyse von Verkehrs- und Wetterdaten.

  • Energiewende

    Einen Beitrag zur Energiewende leistet die Messung und Analyse des Stromverbrauchs mit Smart Metern, um den Bedarf genauer vorherzusagen und den Verbrauch zu reduzieren. 

Intelligente Maschinen von Staaten und Konzernen, so Hofstetter, sammeln unaufhörlich Primärdaten (E-Mails, Skype-Gespräche, Bloginhalte, Facebook-Einträge), und werten laufend neue Sekundärquellen (Bewegungsprofile in vernetzten Autos, Sensoren in Wohnungen und Häusern, Ortungsfunktionen von Smartphone-Applikationen) aus. Sie fusionieren die Informationen, verarbeiten die Datenaggregate zu Annahmen und Prognosen - und degradieren die Menschen damit zu berechenbaren Größen von Maschinen, die mehr über ihn wissen als sie selbst. Kurzum, das (Mehr-)Wissen über unser Wünschen, Tun und Handeln ist der Rohstoff einer totalen maschinellen Kontrollmacht über alles Humane: Daten fressen Seele auf. 

"Idee vom freien Menschen"

Schon die Zusammenfassung der These lässt unschwer erkennen, wessen Protektion sich das Werk von Hofstetter verdankt: "Wäre dieses Buch eine Doktorarbeit", schreibt die Autorin im Nachwort, "Frank Schirrmacher wäre mein Doktorvater." Allein die Ermunterung des im Juni verstorbenen FAZ-Herausgebers habe wie "eine Art Mäzenatentum" gewirkt, schreibt Hofstetter: Das Buch sei entstanden "im gemeinsamen guten Kampf für die Idee vom freien Menschen in einer algorithmisch kontrollierten Expertokratie, wie sie derzeit am Horizont heraufdämmert".

Womit zugleich das zentrale Problem des Buches bezeichnet wäre: Als Duplikat von Frank Schirrmachers "Ego" erreicht es, ohne signifikanten Mehrwert, anderthalb Jahre später sein Publikations-Ziel. Hofstetter akzentuiert exakt den gleichen Grundgedanken wie Schirrmacher, sie vollzieht die Genealogie des Datenkapitalismus exakt im gleichen Dreischritt nach wie ihr Mentor (Militär - Finanzindustrie - Verbraucher), sie befleißigt sich dabei exakt derselben kraftvoll-superlativen Sprache - und natürlich ist auch ihr Buch, wie das von Schirrmacher, ein eklatanter Nachweis für das sukzessive Aussterben des Lektor-Berufes: Warum, um Himmels Willen, gibt es in der Verlagslandschaft keine Autoren-Assistenten mehr, die zu Erzählfreude, Kürze und Stringenz ermuntern?

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