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kolumneTauchsieder: Der Tod des Internets

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Kolumne von Dieter Schnaas

Wikileaks und Assange standen für die Entthronung des Staats durch das Internet. Snowden und die NSA stehen für die Entthronung des Internets durch Staat und Konzerne.

Was haben der Dalai Lama, die Mudschaheddin in Afghanistan und Edward Snowden miteinander gemein? Nun, sie alle haben eine doppelte Identität. Ihre Sympathisanten sehen in Ihnen Freiheitskämpfer, die sich aus uneigennützigen Motiven gegen eine herrschende Macht auflehnen, die unterdrückerisch und ungesetzlich handelt. Ihren Gegnern hingegen sind sie Störenfriede, Aufrührer, Widerständler, die aus eigensüchtigen Gründen die herrschende Ordnung gefährden und partikulare Interessen über das Gemeinwohl stellen.

Der Dalai Lama zum Beispiel ist für die Tibeter (und auch für die meisten Europäer und Amerikaner) ein Erleuchteter, der Toleranz für eine besonders friedlich-fröhlich gestimmte Form des Buddhismus predigt - und für das kommunistische China der Staatsfeind Nummer eins: ein Aufwiegler, der Rassentrennung predigt, den Fortschritt hemmt und dem han-chinesischen Mehrheitswillen bockbeinig im Wege steht. Die Mudschaheddin wiederum waren für die westliche Welt Helden im Kampf um religiöse Selbstbestimmung, als die Sowjets 1980 in Afghanistan einmarschierten, bevor sie seit 2001 als eifernde Dschihadisten verfemt sind, die den islamistischen Terror in die Welt tragen. Wir halten fest: Was den einen Bannerträger einer unterdrückten Freiheit sind, sind den anderen Rebellen, Terroristen, Verräter. Das gilt für Mahatma Gandhi, den Dalai Lama und Nelson Mandela, aber natürlich auch für Mao, Fidel Castro und Osama bin Laden.

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So lesen Deutsche Behörden mit

  • Wie schaut Deutschland mit?

    Fakt ist, auch der BND durchkämmt massenhaft E-Mail-Nachrichten. Das bestätigte die Bundesregierung bereits im Mai 2012 in einer Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken. Der Dienst durchforste elektronische Nachrichten nach tausenden Suchbegriffen, heißt es darin. Im Jahr 2010 wurden damit 37 Millionen Nachrichten herausgefiltert, bei den E-Mails stellten sich jedoch 90 Prozent als Spam heraus. Auch verschlüsselte Kommunikationen könnten deutsche Geheimdienste teilweise entschlüsseln.

  • Haben die USA Zugriff?

    Ob Gesetze der USA den US-Behörden Zugriff auf die Daten europäischer Nutzer erlauben, wollte die Linke in einer weiteren Anfrage wissen. Dazu „liegen der Bundesregierung nur Hinweise aus öffentlich zugänglichen Quellen vor“, hieß es im März knapp im Antwortschreiben der Regierung.

  • Wie kann ich mich schützen?

    Grundsätzlich gilt: Wer Privates privat halten will, sollte es nicht im Netz teilen. Aber wenn man persönliche Details vor dem Zugriff Dritter schützen will (oder auch nur verhindern, dass dazu automatisiert passende Werbung angezeigt wird), dann sollte man seine Nachrichten verschlüsseln. Zusatzsoftware oder auch die erforderlichen Zertifikate, mit denen man die entsprechenden Funktionen aktivieren kann, gibt es für viele externe E-Mail-Programme, wie Outlook oder Thunderbird. Wer dem nicht zustimmt, muss den Anbieter wechseln, denn das alte spionagefreie Angebot ist abgeschaltet.

  • Welche Verschlüsselungsform ist sicher?

    Aktuell gilt ein 923 Bit umfassender E-Mail-Schlüssel als am sichersten. Aufgrund der Größe ist er kaum zu knacken. Forscher benötigten in einem Text 148 Tage und 21 Rechner, um hinter den Schlüssel zu kommen.

Wie aber passen Julian Assange, Bradley Manning und Edward Snowden in diese Reihe? Als Digital-Partisanen, die das abendländische Projekt von Vernunft und Aufklärung auf die durchsichtig-gläserne Spitze treiben, indem sie unsere angeblich “offenen Gesellschaften” ihre letzten Geheimnisse entreißen? Als Internet-Freischärler, die den in der Tat eklatanten Widerspruch zwischen dem Selbstverständnis freiheitlich-demokratisch verfasster Staaten und dem hochherrschaftswissentlichen Verhalten ihrer Geheimdienste und Konzerne aufdecken? Oder doch als untergründige Netz-Guerilla, die im blütenweißen Gewand des Transparenzinteresses gegen den “militärpolitisch-industriellen Komplex” aufbegehrt und sich des Landesverrates schuldig macht - nur um bei waschechten Demokraten wie Vladimir Putin unterzuschlüpfen und den wirklichen Schurken dieser Welt in die diplomatischen Hände zu spielen? Vielleicht gewinnt man eine präzisere Frage, indem man es mit zwei provozierenden Antworten versucht:

  • Wikileaks und Assange standen für die Entthronung des Staates durch das Internet.
  • Snowden und die NSA stehen für die Entthronung des Internets durch den Staat.

Als Julian Assange vor zweieinhalb Jahren Protokolle diplomatischen Hinterzimmergeredes ins Netz stellte, machten sich viele Zeitgenossen Sorgen um die Zukunft des Geheimnisses. Sie riefen den Altmeister der Soziologie, Georg Simmel, als Kronzeugen für das Geheimnis als “eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit” auf. Das Geheimnis, so Simmel, erreiche eine Erweiterung des Lebens, weil viele seiner Inhalte bei völliger Publizität überhaupt nicht auftauchen würden: Was Angela Merkel “wirklich” über Barack Obama sagt und denkt, würde von ihr erst gar nicht gesagt und gedacht, könnte sie es nicht im Schutz des Geheimnisses sagen und denken.

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