Tauchsieder: Rituelle Schreckbewältigung

Tauchsieder: #warum - Über die Trivialisierung des Mitgefühls

Rituelle Schreckbewältigung

Psychologen mögen einwenden, dass die vordergründige Gemütsbewegung in Wahrheit eine rituelle Schreckbewältigung ist: twittern als erster Schritt, das Unverstehbare zu begreifen – und hinter sich zu lassen. Ein Flugzeugabsturz mit unverständlicher Ursache ist der Einbruch des Schicksalhaften in unsere durchrationalisierte Welt, ein sinnloser Aberwitz – und damit das exakte Gegenteil einer Tragödie. Eben deshalb die Endlosschleifen der Absturz-Bilder, die grafischen Animationen und Spekulationen, das massenmediale Rätselraten über meteorologische, politische, menschliche oder technische Ursachen: Alles können wir akzeptieren, Grundlosigkeit nicht.

Was uns für einen Moment aus der Alltagsbahn wirft, ist die Würfelei Gottes, der egozentrische Gedanke „Das hätte auch mir passieren können“ und die Kränkung unseres Sicherheitsnarzissmus. Wir lieben es ruhig und ordentlich, verstehen uns als Nation der bautechnischen Exzellenz und das Unternehmen Lufthansa als emblematisches Beispiel unserer Solidität und Zuverlässigkeit, das heißt: Wir werden Zeugen eines Absturzes, den wir nicht für möglich gehalten haben und nicht akzeptieren können – und wissen zugleich, dass es zur nächsten Geschäftsreise keine rationale Alternative gibt. Was bleibt, ist der paradoxe Versuch, dem Absurden einen Sinn zu geben; die Hoffnung, vom Schicksal nicht eingeholt zu werden; die kurzfristige Rückkehr der Theologie in unsere „entzauberte Welt“.

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Die Frage

Dabei hat Max Weber schon vor mehr als 100 Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass der „okzidentalen Rationalisierung“ der (Aber-)Glaube zugrunde liegt, „alle Dinge durch Berechnung beherrschen zu können“. Wer aber die Moderne als Versuch begreift, mit wissenschaftlichen Mitteln das Schicksal in ein kalkulierbares Wagnis zu verwandeln, darf darüber nicht vergessen, dass die Bannung von Gefahren nur zum Preis einer erhöhten Risikoproduktion zu haben ist. Wachsende Sicherheitserfolge, so fasst es der Soziologe Wolfgang Bonß zusammen, „ermöglichen das Eingehen neuer, zuvor unbekannter Risiken, die immer größer... werden“. Ihre Ausschaltung ist daher nicht nur unmöglich.

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Vielmehr liegt die statistische Wahrscheinlichkeit, dass einige Menschen dem einen oder anderen Risiko – und sei es einer Wahnsinnstat – zum Opfer fallen, bei 100 Prozent. Insofern ist die Frage nach dem „Warum?“ eines Unglücks verständlich, aber falsch gestellt. Sie müsste eigentlich lauten: „Warum nicht?“ Wer so fragt, ist für den blinden Rationalitätsglauben der Moderne verloren, mag aber die Sinnlosigkeit eines Unglücks und die „Unfassbarkeit“ seiner Gründe vielleicht ein klein wenig besser annehmen.

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