Tauchsieder: #warum - Über die Trivialisierung des Mitgefühls

kolumneTauchsieder: #warum - Über die Trivialisierung des Mitgefühls

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Im Foyer des Lufthansa Aviation Center am Flughafen in Frankfurt/Main liegt ein Kondolenzbuch für Mitarbeiter der Lufthansa aus.

Kolumne von Dieter Schnaas

Zwischen der eiligen Bestürzung der Netzgemeinde und dem Trauerschock der Angehörigen klafft ein absurder Abgrund. Über die Trivialisierung des Mitgefühls in den sozialen Netzwerken, die Annahme des Unfassbaren und den Rationalitätsglauben der Moderne.

Viele Menschen tun das tatsächlich, als sie vom Absturz des Airbusses in den französischen Alpen erfahren: Sie greifen zum Smartphone und twittern „Trauer“. Sie posten „erschütternd“, favorisieren „grauenvoll“ und versehen „schlimm“ mit einem „Gefällt mir“. Sind das noch harmlos-wohlmeinende Gesten der vernetzten Hilf- und Sprachlosigkeit? Oder haben wir es schon mit einem Exhibitionismus teilnahmsloser Anteilnahme zu tun? Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass soziale Netzwerke Menschen einander in ihrem Menschsein nicht näher bringen können – die Timeline am Dienstag hat ihn erbracht.

Seither wissen wir: Facebook und Twitter sind Plattformen zur Verbreitung spontanemotionaler Dutzendware, Billigmärkte für den Austausch trivialisierter (Mit-)Gefühle – und damit der exakte Ausdruck dessen, was Menschen zu nichts verbindet. Zwischen der eiligen Bestürzung der Netzgemeinde und dem existenziellen Trauerschock der Angehörigen klafft ein absurder Abgrund, der so groß, so unüberbrückbar ist, dass eine 140-Zeichen-Kondolenz notwendig beides ist: eine Gedanken- und eine Taktlosigkeit.

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Die Fakten zum Germanwings-Absturz

  • Der Flug

    Der Airbus A320 ist am Dienstag um 10.01 Uhr mit 150 Menschen an Bord in Barcelona gestartet. Kurz nach dem Erreichen der regulären Reiseflughöhe von 38.000 Fuß (11,5 Kilometer) ging die Maschine ohne Hinweis an die französische Flugkontrolle oder ein Notsignal in einen schnellen Sinkflug über. Das Flugzeug zerschellte in den französischen Alpen. Die Maschine flog bis zum Aufprall, ohne dass es eine Explosion gab, wie die französische Untersuchungsbehörde BEA mitteilte.

  • Die Opfer

    An Bord der Maschine waren 150 Menschen, darunter nach jüngsten Informationen 72 Deutsche und 50 Spanier. Weitere Opfer stammen nach Angaben von Regierungen und Germanwings offenbar aus den USA, Großbritannien, Kasachstan, Argentinien, Australien, Kolumbien, Mexiko, Venezuela, Japan, den Niederlanden, Dänemark, Belgien und Israel.

  • Die Unglücksstelle

    Die Germanwings-Maschine verunglückte in den französischen Alpen nahe der kleinen Ortschaft Seyne-les-Alpes. Die Bergung der Wrackteile ist schwierig. Das Gelände an der Unglücksstelle ist zerklüftet und nur schwer zugänglich. Weil die Maschine mit hoher Geschwindigkeit auftraf, sind die Trümmerteile sehr klein und weit verstreut.

    Die Bergung der Opfer wurde am 31. März abgeschlossen. Das Kriminalinstitut der französischen Gendarmerie erklärte, die eigentliche Identifizierung, also die Zuordnung zu den Vergleichsdaten der Angehörigen, könne zwei bis vier Monate dauern.

  • Die Blackbox

    Die Ermittler haben bereits auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber, dem Stimmrekorder, sichergestellt und ausgewertet. Laut der französischen Staatsanwaltschaft war zum Zeitpunkt des Absturzes nur der Co-Pilot im Cockpit. Der Stimmrekorder hat bis zuletzt Atemgeräusche im Cockpit aufgezeichnet, der Co-Pilot war also am Leben. In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, zeichnete der Rekorder auf, wie der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür hämmern. Die Ermittler gehen daher davon aus, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz brachte.

    Der zweite Flugschreiber, der detaillierte Flugdaten aufzeichnet, wurde bislang nicht gefunden.

  • Das Flugzeug

    Der Mittelstreckenflieger A320 hatte seinen Jungfernflug 1987 und wurde ein Jahr später erstmals von Airbus an Kunden ausgeliefert. Seither hat er sich in verschiedenen Varianten zum meistverkauften Passagierjet von Airbus entwickelt. Bis Ende Februar hatte der Hersteller von seiner absatzstärksten Modellfamilie knapp 6500 Maschinen an die Kunden überstellt.

    Die Unglücksmaschine war seit mehr als 24 Jahren im Einsatz, verfügte laut Auskunft der Lufthansa jedoch über neueste Technik und habe alle Sicherheitsanforderungen erfüllt. Noch einen Tag vor der Katastrophe sei der Flieger einem Routinecheck unterzogen worden.

  • Der Pilot

    Der Kapitän des abgestürzten Flugzeugs galt als erfahren. Er hatte seit mehr als zehn Jahren für Germanwings und Lufthansa gearbeitet. Auf dem Modell Airbus hatte er mehr als 6000 Flugstunden absolviert.

    Zu den Geschehnissen im Cockpit der Germanwings-Maschine sagte der Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Es gab ein technisches Briefing zum weiteren Flugverlauf. Dann hat der Pilot dem Co-Piloten das Steuer überlassen.“ Zum Verlassen des Cockpits durch den Kapitän sagte Spohr: „Der Kollege (Pilot) hat vorbildlich gehandelt, er hat das Cockpit verlassen, als die Reiseflughöhe erreicht war.“

  • Der Co-Pilot

    Der Co-Pilot der Unglücksmaschine war seit 2013 bei der Lufthansa-Tochter beschäftigt. Zuvor hatte er seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren gab es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung, danach wurde die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft. „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit“, sagte Spohr.

    Ermittler durchsuchten auf Bitte der französischen Justiz zwei Wohnungen des Co-Piloten. Dort wurde eine zerrissene Krankschreibung gefunden, die auch den Tag des Absturzes umfasste. Der 27-Jährige war vor mehreren Jahren - vor Erlangung des Pilotenscheines - über einen längeren Zeitraum wegen Depressionen und Selbstmordgefährdung in psychotherapeutischer Behandlung.

    Quellen: dpa, reuters, sha, jre

Im digitalen Leben der rheinland-pfälzischen CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner zum Beispiel fügt sich die „schlimme Nachricht aus Südfrankreich“ fugenlos in den „Frühjahrsempfang der Tischler-Innung Simmern“ und den Besuch eines „Seniorenheimes in Kaisersesch“ ein.

Daran ist, für sich genommen, nichts auszusetzen. Wir alle halten nach Unglücksfällen, die uns nicht betreffen, kurz inne und gehen schnell zur Tagesordnung über. Wenn man aber um die Kluft zwischen persönlicher Unbetroffenheit und rhetorischem Beileid einerseits sowie der grenzenlosen Verzweiflung der Angehörigen andererseits weiß: Warum hält man dann nicht einfach „mal die Klappe“, so wie es der Schauspieler Jan Josef Liefers – sich selbst widersprechend – empfahl?

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