Topraks Technik Talk: Der große Datenhorror

Topraks Technik Talk: Der große Datenhorror

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Computerwelt von Kraftwerk. Schon 1981 hat die Band in ihren Songs den "Gläsernen Bürger" besungen.

Die Diskussion um Überwachung, Datenspeicherung und Terrorabwehr reißt nicht ab. Doch die Überwachung durch Polizei oder Geheimdienste ist in Wirklichkeit das kleinste Problem. Der Datenhorror der Zukunft ist unsichtbar, aber mächtig.

Der visionärste Songtext aus der Popmusik der letzten Jahrzehnte stammt von der deutschen Band Kraftwerk. Im Song Computerwelt heißt es: "Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard Finanzamt und das BKA haben unsere Daten da.". Das war 1981. Die haben gewusst, was kommt. Nur dass es heute vielleicht heißen müsste: "Drogeriemarkt und Amazon, eBay und CIA haben unsere Daten da." Dass vielen angesichts der Datensammelwut in Staat und Wirtschaft unbehaglich wird, ist logisch. Die kurzsichtige Politik, die im Namen der Terrorbekämpfung immer mehr Befugnisse an Polizei und Ermittlungsbehörden verleiht oder Anti-Terror-Dateien aufbaut, nimmt darauf keine Rücksicht.

Die aktuelle Diskussion dreht sich aber viel zu sehr um Schlagworte wie Ermittlungsbehörden, Vorratsdatenspeicherung und Terrorbekämpfung. Das geht aus meiner Sicht am eigentlichen Problem vorbei. Denn Ermittler wie Polizei oder Staatsanwälte sind nicht das Problem. Mir ist es jedenfalls ziemlich egal, wenn irgendein Kriminaler bei einer Fahndung mal meine Kontoauszüge durchstöbert oder meine E-Mails liest. Soll er, so lange ich keinen Schaden davon habe.

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Außerdem bin ich großer Fan von Agent Jack Bauer in der US-TV-Serie "24". Wenn Jack Bauer auf rasender Fahrt unterwegs seine Kollegin Nina in der Zentrale anruft und ins Handy bellt: "Ich brauche die Adresse eines gewissen … und ein Satellitenfoto von seinem Haus. Jetzt." Dann rege ich mich auch nicht auf über die krasse Datenschutzverletzung. Ist eben alles eine Frage der Perspektive. Auch habe ich noch keinen empörten Aufschrei gehört, wenn U-Bahn-Schläger dank Video-Überwachung geschnappt wurden.

Starker Staat wird böser Staat

Die Gefahr der ganzen Überwacherei besteht natürlich darin, dass der starke Staat, der seine Überwachungssysteme mit dem Argument der Terrorabwehr aufgebaut hat, sich ans Überwachen gewöhnt. Ist die aktuelle Terrorgefahr abgeflaut, wird der Staat dann seine Schnüffelwerkzeuge einpacken und uns wieder in die Freiheit entlassen? Wohl kaum. Dann müssen in der Politik nur noch die Falschen ans Ruder kommen. Am Ende ist aus dem starken Staat ein böser Staat geworden.

So oder so wird die große Datenflut das Verhältnis der Bürger zum Staat grundlegend verändern. Möglich macht´s die Technik. Terabyte-Festplatten, Glasfaserkabel, Supercomputer-Rechner und intelligente Datenbanken sorgen dafür, dass alle Info-Bits, die ein Mensch produziert, blitzschnell verfügbar und nach jedem beliebigen Kriterium sortierbar sind. Das geht so lange halbwegs gut, wie die Infos von Krankenkasse, Payback-Karte, Einwohnermeldeamt und so weiter in getrennten Kanälen laufen.

Doch irgendwann wird die Datenflut wie Flüsse bei Hochwasser über die Ufer treten und alles überschwemmen. Dann lassen sich auch die Infos von Krankenkasse, Einwohnermeldeamt und Payback-Karte nicht mehr trennen. Alles fließt in einen großen Pool. Spätestens dann hat sich jeder Bürger in eine dreidimensionale Excel-Tabelle verwandelt, die vom Supercomputer nach allen Regeln der Überwachungskunst analysiert wird. Zeige mir alle Bürger zwischen 35 und 45 Jahren, die im Juli wegen Alkohol auf dem Fahrrad kontrolliert wurden, die "taz" abonniert haben, einen konsumkritischen Blog schreiben und gestreifte Unterhosen tragen. Die landen in der Anti-Terrordatei. Dann ist Überwachung in Echtzeit angesagt und die Agenten von Marketing und BKA tanzen zu Kraftwerks "Computerwelt".

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