Topraks Technik Talk: Gnädiger Datentod

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Desktop-Festplatten mit mehr als ein Terabyte Speicher sind heute keine Seltenheit mehr

Kolumne

Computer vergessen nie und speichern alles. Vom Sichern und Speichern der Daten ist oft die Rede. Vom Löschen selten. Mehr Mut zum Löschen und intelligente Speicherstrategien fordert wiwo.de-Autor Mehmet Toprak.

Vom letzten Skiurlaub habe ich 123 Fotos auf der Digicam mitgebracht. Meine Frau hat 255, meine Tochter 321 Bilder. Zuhause haben wir die Bilder sicherheitshalber gleich auf eine CD gebrannt. Jetzt müssen wir sie nur noch durchsehen, die schlechten löschen, die guten umbenennen, per Bildbearbeitung verschönern und dann als Album auf CD brennen. 699 Fotos! Ein Haufen Arbeit, der mich gelegentlich wehmütig an die guten alten Analogzeiten zurückdenken lässt. Da mündete eine Woche Skiurlaub in zwei Farbfilmen und von den 72 Fotos waren zwanzig schon mal unscharf. Die anderen 52 konnte man noch gut überschauen.

Ein ähnliches Problem habe ich mit E-Mails. In diversen Postfächern liegen mittlerweile wohl schon einige tausend Nachrichten. Mein kostenpflichtiger E-Mail-Account hat unbegrenzte Speicherkapazität. Tausende von Mails, die ich wohl nie mehr in Griff kriegen werde. Täglich werden weltweit viele Milliarden E-Mails verschickt, die dann auf Server-Festplatten landen und dort jahrelang liegen. Langsam aber sicher entsteht hier ein Problem. Nicht der unwichtigste Aspekt dabei ist, dass die Archivierung auf Server-Festplatten, auch Strom verbraucht. Das mag auf den ersten Blick läppisch erscheinen, doch mit der explosiven Zunahme des weltweiten Datenvolumens kann das bald zur Belastung werden. Vor allem deshalb, weil immer mehr Multimedia-Dateien unterwegs sind. Youtube-Videos, Flickr-Fotos, MP3s und so weiter. Die Datenflut steigt.

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Das menschliche Gehirn vergisst unwichtige Dinge. Der Computer vergisst nichts. Das ist ein Problem.

Informationen, die keiner braucht

In Computerzeitschriften wird regelmäßig die Gefahr des Datenverlusts beschworen, sei es, weil die Festplatte den Geist aufgibt, sei es, weil CDs nach einigen Jahren kaputt gehen. In den einschlägigen Praxis-Tipps ist immer nur von Backups und vom Sichern die Rede. Nur ja keine Daten verlieren. Das Löschen spielt nur dann eine Rolle, wenn es um heikle Informationen geht. Im Eifer des Backup-Gefechts vergessen wir oft die andere Seite. Es gibt zu viele Informationen, die keiner braucht, aber einfach nicht verschwinden wollen.

Für diese Problem gibt es bis heute keine wirklich praktische Lösung, geschweige denn eine Software. Doch je mehr Datenwust sich auf den Festplatten sammelt, desto dringlicher ist es, passende Werkzeuge zu entwickeln. Der Hinweis, man könne ja einfach die Entf-Taste drücken, greift zu kurz. Das spontane Löschen im Alltag ist ein Notbehelf, keine Strategie.

Digitales Tiefengedächtnis

Wir brauchen also eine Strategie, wann und wie Daten zu löschen sind, und eine intelligente Speichermethode für alle Dokumente. Dieser Speicher muss aufgebaut sein wie ein gestaffeltes Tiefengedächtnis. Bildlich gesprochen: Ganz oben, im schnellen Zugriff, die Dokumente, die man häufig braucht, darunter Dokumente, die sehr selten aufgerufen werden und ganz unten die Dokumente, die vielleicht nie wieder angesehen werden, aber im Notfall reaktiviert werden könnten. Dafür sind leistungsfähige und zugleich einfach zu bedienende Datenbanken nötig, die alles gleichzeitig beherrschen: Speichern, Verwalten, Sortieren, Löschen, Wiederherstellen.

Die kulturelle Komponente

Viel Speicher, schlechter Geschmack: Die Sandisk-Speicherkarte mit zwei Gigabyte Speicher trägt den seltsamen Namen "Ultra II SD Alzheimer Edition" Quelle: Sandisk

Viel Speicher, schlechter Geschmack: Die Sandisk-Speicherkarte mit zwei Gigabyte Speicher trägt den seltsamen Namen "Ultra II SD Alzheimer Edition"

Bild: Sandisk

Das Thema hat auch eine kulturelle Komponente. Genau wie das Gehirn hat auch das öffentliche Gedächtnis der Menschheit die Fähigkeit des Vergessens. Jeder weiß heute, dass Helmut Schmidt zur Zeit der Terrorwelle in den 70er Jahren Bundeskanzler war und welche wichtigen Entscheidungen er getroffen hat. Wer damals Finanzminister war, wissen heute nur noch die Spezialisten. In 20 Jahren werden wir uns daran erinnern, dass Angela Merkel während der großen Rezession 2009 Bundeskanzlerin war, aber an den Wirtschaftsminister Michael Glos wird sich dann wohl keiner mehr erinnern. Die Gnade des Vergessens. Gut für Glos und gut für die Geschichtsschreibung, denn Geschichte entsteht aus dem Zusammenspiel von Erinnern und Vergessen.

Digitaltechnik droht dieses Zusammenspiel zu stören. Die Herausforderung durch die Technik besteht darin, die Mechanismen von Erinnern und Vergessen auf digitale Dokumente zu übertragen. Nur so bewahren wir unser Gedächtnis davor, ein Abgrund voller Datenmüll zu sein …

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