Topraks Technik Talk: Intelligent durch Internet

Topraks Technik Talk: Intelligent durch Internet

In Afrika wollen humanitäre Initiativen durch Laptops und Internetzugang die Bildung fördern. Hierzulande sehen Kritiker im Internet die Ursache von Kulturverfall und Bildungsmisere. Haben die Pessimisten am Ende recht?

Fast hätte mir Herr Reich-Ranicki diese Kolumne versaut. Da hatte ich so eine schöne Betrachtung geschrieben; über Internet und Kulturverfall, PCs und grenzdebile Computerspiele. Dann kamen der Deutsche Fernsehpreis, der Eklat mit Reich-Ranicki und jetzt muss ich alles wieder neu schreiben.

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Die Initiative One Laptop per Child versorgt Kinder in Entwicklungsländern mit Lerncomputern

Aber der Reihe nach. Am Anfang der Abwärtsspirale stehen große Männer mit guten Absichten. Zum Beispiel Nicholas Negroponte. Der berühmte MIT-Professor will schon seit Jahren einen billigen Laptop als Lerncomputer (OLPC, One Laptop per Child) in Entwicklungsländer bringen. Vor kurzem ist auch Tim Berners-Lee vorgetreten. Er wird oft als Erfinder des World Wide Web bezeichnet und darf sich deshalb Sir nennen.

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Sir Berners-Lee also hat eine Stiftung gegründet, die World Wide Web Foundation. Sie soll die Menschen in Entwicklungsländern mit Internetzugang versorgen. Keine Frage, die beiden Säulenheiligen des Internet-Zeitalters arbeiten da an guten Projekten. Doch zugleich ist das eine Geschichte voller Ironie. Während Negroponte sich seit Jahren bemüht, Laptops für die unterprivilegierten Kinder zu organisieren, haben PC-Hersteller die Grundidee eines billigen Laptops gierig aufgegriffen, in Windeseile Netbooks gebaut und versorgen jetzt die PC-Anwender in den reichen Industriestaaten damit. Eigentlich sollten von jedem verkauften Netbook zehn Prozent des Erlöses an Negropontes Projekt gehen.

Gut genug für Afrika

Tim Berners-Lee (links) und Nicholas Negroponte

Tim Berners-Lee (links) und Nicholas Negroponte: Zwei Internet-Legenden engagieren sich für Bildungsprojekte in Entwicklungsländern

Beim Projekt von Tim Berners-Lee drängt sich ein anderer Gedanke auf. Hierzulande machen Kulturpessimisten das Internet gerne verantwortlich für Leseschwäche und Pisa-Misere. In Afrika hingegen soll genau diese Technik den Menschen die kostbare Bildung bringen. Was bei uns als Kulturbremse angeprangert wird, ist gut genug für Afrika.

Ist übrigens was dran an der Behauptung, dass im Online-Zeitalter die Menschen nicht mehr lesen und die Bildung verkommt? Weil man nichts mehr wissen muss, sondern einfach alles online nachschlägt. Zwischen zwei Youtube-Videos mal schnell den Stoff für die Facharbeit aus Wikipedia rauskopiert. Dem notorisch unzuverlässigen Online-Lexikon. Ich fürchte, ganz falsch ist das nicht.

Das hat etwas mit den Produktionsbedingungen in der Online-Welt zu tun. Nach wie vor arbeiten viele Webseiten-Betreiber mit einer wenig bedienfreundlichen Technik, nach wie vor sorgen unterschiedliche Softwaresysteme und Technik-Standards für Chaos bei denen, die sich eigentlich auf das Herstellen guter Inhalte konzentrieren sollten. Deshalb herrschen in der Online-Welt die Techniker. Sie sind die einzigen, die das Chaos halbwegs im Griff haben. Texter und Gestalter sind untergeordnet. So kommt es, dass Texte im Internet oft schlechter sind als in der Zeitung. Mehr Tippfehler, simpler, phrasenhafter.

Die Netz-Guerillas kommen

Auffallen tut das aber eh´ keinem, da die Internetsurfer nur noch flüchtig lesen. Am Schreibtisch vor dem 19-Zöller hat niemand Lust lange in Texten zu schmökern. Internetsurfer haben einen nervösen Finger an der Maus. Immer bereit weiterzuscrollen und wegzuklicken. Diese neue Art des Lesens ist geprägt vom hektischen Wechsel zwischen Buttons, Infoboxen, Bildchen und Icons. Internet-Surfer gleichen einem Guerilla im Dschungelkrieg. Sie schleichen misstrauisch durchs Dickicht der Textschnipsel und Icons, blinzeln wachsam nach links und rechts auf Navigationsleisten, kämpfen aufpoppende Werbefenster nieder, schießen mit der Maus auf Bilder und sichern den Rückzug mit dem Zurück-Knopf im Browser. Das Updaten des Virenscanners gleicht dem Nachladen der Munition. Internet ist ein gefährlicher Zeichen-Dschungel. Und diesen Dschungel wollen die Negroponte und Berners-Lee als Garten Eden des Wissens verkaufen.

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