
Was Popmusik betrifft, da habe ich eine Theorie. Die Kreativität der meisten Bands reicht nur für höchstens drei Alben, egal wie viele CDs sie machen. Die erste CD bemerkt keiner, die zweite ist eine Sensation, die fünfte ein reifes Meisterwerk und die sechste kriegt zwei Grammys. Alles andere sind nur Füller, Wiederholungen oder Ausrutscher. Aber die Stars müssen weitermachen.
Der Popstar der Software-Welt heißt Microsoft und alle drei oder vier Jahre legt die ehemalige Garagen-Band aus Seattle eine neue CD mit dem Titel "Office" vor. Inzwischen sind es etwa 10 Versionen, wenn man nur die Windows-Versionen zählt.
Die Garagen-Band aus Seattle
Davon sind vielleicht drei wirkliche Meilensteine. Meiner Einschätzung nach Office 95, Office 2000, und Office 2007. Der Rest war Modellpflege, oder, um im Musikjargon zu bleiben, Remastering mit Bonustracks. Jetzt tauchen die Berichte zu Office 2010 auf. Mitte Juli soll eine Vorversion (Technical Preview) für ausgewählte Kunden bereitstehen. Die ersten Screenshots sehen verdächtig vertraut aus. Von großartigen neuen Features ist nicht die Rede.
Brauchen wir überhaupt neue Features? Brauchen wir Office 2010? Die Antwort lautet: Nein. Die Bürosuite ist inzwischen so ausgereift und hat so viele verschiedene Features und Funktionen, dass mehr einfach nicht nötig ist.
Ein bisschen Fortschritt in der Software-Welt
Das heißt nicht, dass die Softwarewelt nicht ein bisschen Fortschritt vertragen könnte. Das gilt besonders für die Bedienoberfläche. Da hat sich im Grunde genommen seit Office 97 nicht wirklich viel getan. Gut, es gibt das Menüband Ribbon, das die ehemalige Menüleiste am oberen Bildschirmrand ersetzt hat in Office 2007. Viele Anwender mögen das nicht, man muss Microsoft aber attestieren, dass es ein mutiger Schritt war, diese Neuerung einzuführen. Und ein eleganteres und benutzerfreundlicheres Büroprogramm als Office 2007 hat die Welt noch nicht gesehen.
Andererseits ändert Ribbon nichts am Grundproblem. Der Anwender hat alle Funktionen sozusagen gleichzeitig auf dem Bildschirm. Nur mühsam durch Menüs geordnet. Diese Vielfalt kann einen schnell überfordern. Dabei brauchen die meisten Anwender viele Funktionen überhaupt nicht. Trotzdem belegen sie wertvollen Platz auf dem Bildschirm. Erschwerend kommt hinzu, dass die lokalisierten Programmversionen stellenweise nicht optimal übersetzt sind. Oder wissen Sie auf Anhieb, was ein "Vertrauensstellungscenter" ist? Manche Funktionen und Befehle findet man auch deshalb nicht gleich, weil man sie woanders sucht als sie dann wirklich sind. Schließlich können es die Software-Entwickler nicht jedem recht machen.
Verlorene Produktivität
Da sehr viele Icons und Funktionen auf relativ engem Raum nebeneinander liegen, ist auch die Gefahr, dass der Nutzer daneben klickt, relativ groß. Schauen Sie mal einem Kollegen im Büro über die Schulter, der mit ihnen gerade unter Zeitdruck ein Dokument formatiert und zählen Sie mit, wie oft er danebenklickt.
Die genannten Probleme sind vielen gar nicht bewusst, da uns die tägliche Arbeit mit Office und anderen Büroprogrammen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Aber wenn wir uns täglich im Menü-Labyrinth verirren und verklicken, geht Produktivität verloren.
Ein Lösungsansatz wäre, dass die Software anfangs mit weniger Funktionen startet. Die ganze Vielfalt würde sich erst nach und nach eröffnen. Konkret ließe sich das realisieren, indem das Installationsprogramm abfragt, welche Grundfunktionen überhaupt genutzt werden. Die anderen Funktionen kämen dann gar nicht auf die Festplatte. Im Prinzip gibt es das schon, doch die Entwickler sollten das konsequent ausbauen. Ein anderer Ansatz wäre, dass beim Start des Programms tatsächlich nur die Basis-Funktionen zu sehen sind. Wem diese Funktionen nicht ausreichen, der klickt auf einen Button "Mehr" und bekommt dann eine Auswahl weiterer Features präsentiert.










