Twitter-Zensur: Sturm im Wasserglas

KommentarTwitter-Zensur: Sturm im Wasserglas

von Michael Kroker

Der populäre Internet-Kurznachrichtendienst Twitter hat mit seiner Ankündigung, Tweets künftig länderabhängig zu filtern, für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. Dabei kann man eine mögliche Sperrung mit einem Mausklick umgehen.

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Der von Twitter veröffentlichte Blogeintrag. „Tweets müssen weiter fließen“, lautet die Überschrift – dabei geht es, zumindest auf den ersten Blick – gerade um das Gegenteil.

Der inkriminierte Blogeintrag datiert auf den 26. Januar und wurde von Twitter in der Nacht von gestern auf heute veröffentlicht. „Tweets müssen weiter fließen“, lautet die Überschrift des Beitrags – dabei geht es, zumindest auf den ersten Blick – gerade um das Gegenteil: So gebe es weltweit stark unterschiedliche Vorstellungen von Redefreiheit und freier Meinungsäußerungen. In manchen Ländern unterschieden sich jene so stark von den eigenen, dass der Kurznachrichtendienst dort gar nicht existieren könne.

In anderen Ländern sei die Grundüberzeugung ähnlich wie jene in den USA, der Heimat von Twitter. „Aus historischen oder kulturellen Gründen ist dort die Verbreitung bestimmter Inhalte jedoch eingeschränkt, wie etwa in Frankreich und Deutschland, wo Nazi-Propaganda verboten ist“, heißt es in dem Blogbeitrag. Um Rücksicht auf derlei unterschiedliche nationale Gesetzgebung zu nehmen, wolle Twitter ab sofort von der Möglichkeit Gebrauch machen, Tweets für Anwender aus bestimmten Ländern oder Regionen sperren. Man habe den Mechanismus bisher nicht eingesetzt und wolle dies auch nur auf Antrag tun. Zudem würden die Nutzer durch entsprechende Hinweise offen darüber informiert, dass bestimmte Inhalte gesperrt seien.


Blockierung löchrig wie ein Schweizer Käse

Schnell ging ein Aufschrei durchs Netz, ja ein regelrechter Shitstorm – so heißt Neudeutsch ein virtueller Empörungssturm im Netz, insbesondere in sozialen Netzwerken wie Facebook oder eben Twitter selbst. So rangiert der Begriff #TwitterCensored aktuell unter den Top-10 der am meisten diskutierten Themen in Deuschland. Der Großteil der Kommentare wirft Twitter die Einführung von Zensur vor und sieht das Ende von Twitter-Revolutionen wie im vergangenen Jahr in der arabischen Welt gekommen.

Dabei handelt es sich hier bei Lichte betrachtet eher um einen Sturm im Wasserglas. Twitter operiert inzwischen weltweit und muss sein Geschäftsgebaren daher der jeweiligen Gesetzeslage vor Ort anpassen. Sonst kann das Unternehmen in manchen Staaten schlicht nicht aktiv sein. Viele andere Unternehmen handeln genauso, egal ob Google, Microsoft oder Facebook.

Mehr noch: Die Möglichkeit zur regionalen Blockierung ist, zumindest einstweilen, löchrig wie ein Schweizer Käse. Wie Martin Weigert vom deutschen Blog „Netzwertig.com“ ausführt, basiert der Filter nicht auf einer so genannten IP-Sperre. Das heißt, Twitter filtert nicht nach dem tatsächlichen Land eines Anwenders. Sondern bloß nach dem in dem jeweiligen Twitter-Profil eingestellten Land. Das aber kann jeder Nutzer mit einem Mausklick ändern.

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Überdies animiert Twitter seine Nutzer indirekt sogar, die Sperrung zu umgehen, wie Weigert ausführt. Denn die eigenen Hinweise im Falle eines blockierten Tweets (oder eines blockierten Nutzers) enthalten einen Link auf eine Twitter-eigene Hilfeseite, in dem die mögliche Umstellung des Landes indirekt angesprochen wird. „Twitter animiert Anwender, die Zensur zu umgehen“, überschreibt Weigert seine Analyse. Auf gut Deutsch: Viel Aufregung um nichts – respektive wenig.

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