Valley Talk: Googles Cloud-Computer

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Google CR-48

von Matthias Hohensee

Google hat ein Netbook entwickelt, dass Silicon-Valley-Korrespondent Matthias Hohensee derzeitet testet. Der Minicomputer funktioniert gut – solange er online ist. Sonst mutiert es zum Briefbeschwerer.

Es war eine Rebellion gegen den Arbeitgeber. Weil Sabeer Bhatia und Jack Smith nicht mochten, dass dieser alle E-Mails mitlesen konnte – auch die privaten –, verlegten sie ihre elektronischen Postfächer kurzerhand ins Internet. Als Bhatias und Smiths Online-E-Mail-Dienst Hotmail vor 15 Jahren im Silicon Valley live ging, begeisterte er Millionen Fans. Für ihre Schöpfer und den Wagnisfinanzierer Draper Fisher Jurvetson zahlte sich die Idee aus. Microsoft kaufte den Service anderthalb Jahre nach dem Start für 400 Millionen Dollar.

Eineinhalb Dekaden später ist Hotmail noch immer einer der populärsten E-Mail-Dienste weltweit und einer der wenigen Internet-Erfolge von Microsoft. Es ist aber auch Blaupause für einen viel weiter gehenden Umbruch der IT: Im Zeitalter des Cloud Computing geht es nicht mehr nur darum, die E-Mail ins Internet zu verlegen, sondern den größten Teil der Computerintelligenz, also Betriebssystem und Anwendungssoftware, gleich mit. Der Zugriff auf Programme und Daten funktioniert von überall, wo es einen Internet-Anschluss gibt.

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Die Idee ist reif ist für den Massenmarkt. Glaubt zumindest Google. Und lässt Worten nun Taten folgen. Seit vier Wochen teste ich Googles erstes Netbook. Zu kaufen gibt es das Modell CR-48 nicht. Google hat es an rund 60.000 Testnutzer in den USA verschickt. Design-Preise wird es nicht gewinnen. Es ist ein unscheinbares, schwarzes 1,7 Kilogramm schweres Netbook mit Intels Strom sparendem Atom-Prozessor und einem 12,1-Zoll-Display.

Googles Konzept ist am Anfang gewöhnungsbedürftig

Sein Ansatz aber ist radikal – alle Dokumente und Programme sind im Internet abgelegt. Das Gerät ist nur ein dummes Terminal, sein 16-Gigabyte-Flash-Speicher beherbergt vor allem Googles Betriebssystem Chrome. Anwendungen und Dateien lagern im Internet. Der Zugriff darauf erfolgt ausschließlich drahtlos über WLAN beziehungsweise über das mobile Datennetz der Telefongesellschaft Verizon.

Und so erscheint nach dem Hochfahren ausschließlich Googles Web-Browser auf dem Display – statt der vertrauten Windows- oder Mac-Bildschirmoberfläche. Über den Browser erfolg auch der Zugriff auf Googles Software-Laden „App-Store“, wo der Nutzer allerhand übers Internet ausgeführte Programme auswählen kann. Etwa die digitale Ausgabe der „New York Times“, der Zugang zu Googles E-Mail-Dienst Gmail oder seine Bürosoftware.

Googles Konzept ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, dafür ist die klassische Bedienung von PC oder Mac zu vertraut. Aber fürs Surfen im Internet, für das Bearbeiten von E-Mails und Dokumenten reicht es aus. Für rechenintensive Computerspiele oder zum Bearbeiten von Bildern via Photoshop ist es nicht geeignet.

Kein PC- und Notebook-Ersatz

Ein vollwertiger Ersatz für einen Schreibtisch- oder Notebook-Rechner ist Googles Klapp-Computer ohnehin nicht. Vor allem, weil Dokumente nicht offline gespeichert werden können. Ohne Internet-Zugang bleiben die Daten unerreichbar – und der Laptop verwandelt sich fern des Netzes in einen Briefbeschwerer. In den USA ist das weniger ein Problem. Dort gibt es fast überall kostenfreie WLAN-Zugänge ins Netz. In Deutschland nicht. Was bedeutet, dass unser Land beim Cloud Computing wieder mal abgeschlagen hinter den USA landen wird.

Wann und zu welchen Konditionen genau Google das Netbook auf den Markt bringt, ist noch offen. Klar aber ist: Gewinn wollen die Kalifornier nicht mit dem Gerät erzielen. Für Google ist das Netbook vor allem ein Vehikel, seine Internet-Dienste zu vermarkten, allen voran seinen Web-Browser Chrome – und natürlich Werbung. Vermutlich wird es der Suchriese daher für eine Kaution von 100 bis 200 Dollar abgeben. Und wer Informationen für Werbepartner über sich preisgibt, wird wahrscheinlich Vergünstigungen erhalten.

Dieses Konzept ist – wie einst Bhatias Internet-E-Mail-Dienst – revolutionär. Und wie vor 15 Jahren Hotmail, könnte heute Googles erstes Netbook unseren Umgang mit dem Internet grundlegend verändern.

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