Von Nullen und Einsen: Deutschland wird beim Tempo abgehängt

kolumneVon Nullen und Einsen: Deutschland wird beim Tempo abgehängt

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Da können wir in Deutschland nur neidvoll erblassen: Die rund 15.600 Kilometer lange Glasfaserleitung "Arctic Fibre" soll von Tokio durch die Nordwestpassage über Neufundland nach London laufen.

Kolumne von Ben Schwan

Während in Deutschland nach wie vor nur ein Bruchteil der Nutzer über eine eigene Glasfaserleitung ins Haus verfügt, bauten Telekommunikationsunternehmen in anderen Ländern die zukunftsweisende Technologie in den vergangenen Jahren massiv aus. Über den Spaß, den eine 100-Megabit-Leitung ohne Kompromisse macht - und die Frage, ob man das braucht.

Die Deutsche Telekom mag die Lichtleiter-Technik nicht. Zu diesem Eindruck könnte man zumindest gelangen, wenn man sich die schneckenhaften Ausbaubemühungen des größten deutschen Internet-Versorgers beim Glasfaserdirektanschluss der Häuser in hiesigen Städten und Dörfern betrachtet. Zuletzt wurde auch noch ein vergleichsweise großes "Giganetz"-Projekt verlangsamt, weil es angeblich nicht genügend Interessenten gab. Beim rosa Riesen, so scheint es, ist wohl auf mittelfristige bis längere Sicht bei 50 Megabit mit VDSL über die gute, alte Kupferdrahtleitung Schluss. Mehr, so scheint man in der Chefetage mittlerweile festgelegt zu haben, wollen die Leute doch gar nicht. Alternativ kann man sich halt Kabel-TV-Internet kaufen, das es aber a) bei weitem nicht überall gibt und das b) im Vergleich zu Glasfaser die volle Bandbreite nur in eine Richtung erlaubt - beim Download, nicht beim Upload.

Was man in Deutschland kaum kennt, ist in anderen europäischen Ländern längst Standard: Dass man sich eine schöne dicke Leitung in die eigene Wohnung legen lässt, die wirklich zukunftsfähig ist. Ich hatte das Vergnügen, die Technik auf einer kleinen skandinavischen Insel über einen längeren Zeitraum zu nutzen. Gebaut wurde die Anbindung von einem örtlichen Stromversorger, der sich als Internet-Anbieter ein ordentliches Zubrot verdient. In unserem Haus gab es zwei Parteien, um beide mit vollen 100 Megabit anzubinden, musste die Leitung nur von einem freundlichen Techniker "gesplittet" werden. Das Glasfaserkabel landete anschließend in einem passenden Router, der die Lichtsignale in schnelles Internet umwandelte, das sich dann wiederum per Netzwerkkabel oder WLAN in der Wohnung verteilen ließ. Der Router verfügte außerdem noch über eigene Netzwerkanschlüsse für bis zu drei TV-Set-Top-Boxen, die das Glasfasernetz gleich mitnutzen durften - um eine Programmvielfalt zu garantieren, die - wenn man Lust hatte, die entsprechenden Pakete zu bezahlen - mit Sat-TV konkurrieren konnte.

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Geschwindigkeitsprüfung per Netzwerkkabel

Nach dem Anschluss folgte die erste Geschwindigkeitsprüfung. Diese sollte man bei diesen Bandbreiten dringend per Netzwerkkabel durchführen, weil ein Standard-WLAN 100 Megabit schlicht nicht vernünftig übertragen bekommt. (Dazu ist mindestens das neuere Verfahren 802.11n mit 300 und mehr Megabit Bandbreite empfehlenswert.) Die beworbenen 100 Megabit wurden zwar nicht ganz erreicht - das müssten umgerechnet gut 12,5 Megabyte pro Sekunde sein. Doch in der Spitze gab es immerhin glatte 10 Megabyte und im Dauerbetrieb häufig genug durchaus 8. Das bedeutet dann beispielsweise, dass ein 4 Gigabyte großer HD-Film aus dem iTunes-Laden in etwas mehr als acht Minuten auf der Festplatte liegt. Zum Vergleich: Unter Idealbedingungen schafft das ein ADSL2-Anschluss mit 16 Megabit, wie man ihn in vielen deutschen Regionen standardmäßig findet, in knapp 40 Minuten.

Natürlich lädt man sich nicht laufend haufenweise solche Riesenfilme herunter. In der Web-Praxis bedeutet der Glasfaser-Anschluss aber, dass der Flaschenhals stets im Netz und nicht auf Seiten des Kunden zu finden ist. Ist ein Server gut angebunden, rauscht das Web nur so über den Schirm. Eine Parallelverwendung durch mehrere Rechner ist überhaupt kein Problem mehr - und in HD ferngesehen wird natürlich auch ruckelfrei daneben. Videoanrufe und Internet-Telefonie laufen einfach so mit. Das Faszinierende an der Glasfasererfahrung war für mich, wie normal das alles wurde - dass man eben nicht mehr auf irgendetwas warten musste. Aber Obacht: Nicht jede Server-Gegenstelle ist auf so viel Bandbreite vorbereitet. Erstaunlicherweise macht beispielsweise Googles Videodienst YouTube hier und da Probleme, weil er serverseitig am Anschlag zu arbeiten scheint.

Herausragend ist die Möglichkeit, genauso schnell Daten hochzuladen wie herunter. Glasfaser-Anbindungen sind üblicherweise symmetrisch: Man erhält die 100 Megabit "nach unten" genauso wie "nach oben". Das heißt, dass man beispielsweise einen flott angebundenen Web-Server in der Küche deponieren kann, wenn man das möchte. Das Hochladen von Megabyte-großen Dateien geht so flott wie der Download. (Auch hier hängt es natürlich wieder an der Gegenstelle.)

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Nur billig war der Spaß nicht: Ich bezahlte für die Leitung über 100 Euro im Monat - mit einem Paket aus Fernsehkanälen versteht sich. Braucht man Glasfaser also? Wer die Technik schon einmal hatte, wird sie nicht mehr missen wollen. Was aber noch viel wichtiger ist: Der Lichtleiter ist zukunftsfähig. Hat man die Leitung einmal bis in die Wohnung verlegt, können mit neuen Gegenstellen aus den 100 Megabit problemlos in wenigen Jahren Gigabits werden. Das schafft die Kupferleitung der Telekom wohl nie.

Und wer jetzt meint, drahtloses Internet via LTE sei eine Alternative, sollte sich bewusst werden, dass die bis zu 100 damit unter Idealbedingungen möglichen Megabit mit anderen Nutzern geteilt werden müssen. Außerdem übernehmen die Mobilfunkanbieter ihre schon von UMTS bekannte Unsitte, Datendrosseln nach nur wenigen Gigabyte einzuziehen. Da ist dann je nach Tarif bei drei HD-Filmen im Monat Schluss.

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