Von Nullen und Einsen: Filter vor dem Kopf

kolumneVon Nullen und Einsen: Filter vor dem Kopf

Kolumne von Ben Schwan

Im Netz strömen immer mehr Informationen auf uns ein, für deren Einordnung wir keine Zeit mehr zu haben scheinen. Da bieten sich technische Lösungen an, die eine Vorauswahl treffen: Filtersysteme, die anhand unserer Vorlieben agieren. Doch ausgereift ist die Technik noch nicht - und kann sogar dazu führen, dass wir vornehmlich im eigenen Saft kochen. Eine potenzielle Gefahr für Kreativität und Wissensgesellschaft, meint wiwo.de-Technik-Kolumnist Ben Schwan.

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Informationsmonitore in einer Nachrichtenstation

Wie kommen Menschen auf die Idee, sich mit neuen Dingen zu beschäftigen? Durch Freunde, durch Bildungseinrichtungen und durch Medien. Bei den Freunden neigt jeder von uns dazu, sich diejenigen auszusuchen, die am besten zu uns passen - ab einem gewissen Alter verändert sich da traurigerweise nicht mehr viel. Bildung ist, trotz der allgemeinen Propaganda vom lebenslangen Lernen, ebenfalls eine zeitlich eher begrenzte Angelegenheit: Schule, Uni oder Ausbildung, das war es dann bis auf Fortbildungsmaßnahmen erst mal - wenn wir ehrlich sind.

Medien wiederum, vom Buch über Zeitung, Radio und TV bis hin zum Internet, strömen unser Leben lang auf uns ein, können uns quasi jeden Tag eine neue, bislang unbekannte Realität vermitteln. Besonders spannend war in diesem Zusammenhang stets das Internet, weil es uns zum "eigenen Programmchef" machte: Es versprach gigantische Informationsberge, Instant-Antworten auf jede Frage (mittlerweile sogar mobil), verknüpft mit einem riesigen Kommunikationspotenzial, wo sich Leute zusammenfanden, die sich sonst nie getroffen hätten.

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Information Overload

In den letzten Jahren klappte das auch ganz prima: Es wurden Innovationen möglich, von denen viele von uns vor zwanzig Jahren nicht einmal geträumt hätten. Auch wenn es Umwälzungen vom Privatleben über das Finanzwesen bis hin zu Arbeitswelt und Forschung noch und nöcher gab - missen will das Netz und seine Ausläufer heute (fast) niemand mehr.

Neben der allgemeinen Angst vor den Neuerungen gibt es aber in letzter Zeit einen besonderen Backlash: die Furcht vor Informationsüberfrachtung. Wer neben dem "alten" Internet, das auf Websites zentriert war, noch die sozialen Medien verfolgt, also Facebook- oder Twitter-Feeds, RSS und mehr, kommt sich manchmal überfordert vor. Up to date zu bleiben wird langsam zum Wert an sich, unter dem die "richtige" Arbeit leidet. (Bei uns Informationsarbeitern, die wir quasi zwanghaft alles lesen müssen, ist das sogar noch schlimmer.)

In den Kampf gegen den Information Overload sind mittlerweile zahllose technische Lösungen gezogen. Man kann sie unter einem Begriff zusammenfassen: Filter. Dieses Feld wird im Netz schon seit vielen Jahren bestellt. Amazon machte es vor mehr als einem Jahrzehnt erstmals vor: Der E-Commerce-Riese speicherte, welche Bücher Nutzer gekauft hatten und was sie sich dann als Nächstes ansahen. So entstanden riesige Datenberge an Geschmacksmustern, die man dann zusammenwürfeln konnte. Heraus kamen zwei Funktionen: "Nutzer, die dieses Buch kauften, kauften auch..." sowie Produktempfehlungen anhand früher getätigter Einkäufe. Wer sich einmal für Yoga-Anleitungen interessierte, wird dann sofort bei Neuerscheinungen informiert.

Schmoren im eigenen Saft

Diese Art von Filter wird man wohl kaum als problematisch bezeichnen: Sie funktioniert gut. Ein Nachteil ist allerdings, dass sie einen Nutzer gleichsam festnageln: Man muss dann Amazon nachträglich beibringen, dass man die Yoga-Werke eben nicht für sich selbst, sondern für die Freundin gekauft hat und jetzt bitte nicht mehr mit dem neuesten Bestseller von Lakschmi F. konfrontiert werden will. So nervig die Notwendigkeit solcher Einstellungen ist, sie geht ganz gut: bei Amazon reichen zwei, drei Klicks.

Die Filter helfen uns aber nicht mehr nur beim Zurechtfinden im riesigen Shopping-Angebot, das das Internet offeriert. Stattdessen gehen sie zunehmend an die dort liegenden Informationsberge heran. Beispiel Nachrichtenpersonalisierung: Wer sich bei einer großen Newsseite anmeldet und dort seine Vorlieben angibt, erhält dann z.b. nur noch den Wirtschafts- und den Sportteil. Das geht aber noch viel tiefer: Man kann bestimmte Themengebiete, die einen interessieren, markieren, der Rest fällt unter den Tisch. Aber auch das ist zunächst, was das Entdecken wirklich neuer Themen anbelangt, kein Problem: Man kann ja jederzeit Änderungen vornehmen, wenn man das Gefühl hat, zu sehr im eigenen Saft zu schmoren.

Doch in den letzten Jahren haben große Internetfirmen damit begonnen, Filtersysteme zu aktivieren, von denen die User oft gar nichts wissen. Eine gute Zusammenfassung zum Thema liefert Eli Parisers kürzlich erschienenes Buch "The Filter Bubble". Der Mann hat einen interessanten Background: Er kommt aus der Internet-Politikbewegung und hat mit MoveOn.org eine Demokratieplattform etabliert. Entsprechend erschreckt ist er nun über die Tatsache, dass Filter dazu führen können, andere Perspektiven wegzublenden.

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