Von Nullen und Einsen: Gezwitscherte Misstöne

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Twitter-Chef Dick Costolo will weg von Konzepten die Twitter als Basis nutzen, stattdessen sollen mehr Inhalte in Twitter selbst integriert werden

Kolumne von Ben Schwan

Der Kurznachrichtendienst Twitter ist auch deshalb so beliebt, weil er ein Gegenmodell zu geschlossenen Netzwerken wie Facebook darstellt: Jeder kann sofort mitmachen und niemand muss lange erklärt werden, wie die 140 Zeichen langen Botschaften funktionieren. Im Zuge der aktuellen Monetarisierungsoffensive könnten einige dieser Vorteile über Bord gehen.

Es gab mal eine Zeit vor mittlerweile erstaunlich vielen Jahren, da drehte sich bei den populären Geschäftsmodellen im Internet alles um Zentralisierung. Jeder größere Anbieter wollte ein Portal sein, in dem möglichst viele Nutzer möglichst viel erledigen sollten. Klassische Angebote wie Yahoo oder Web.de sehen auch heute noch so aus - von der Web-Suche über die neuesten Agenturnachrichten bis zum E-Mail- oder Online-Speicherdienst bekommt der User alles aus einer Hand. Das Internet-historisch betrachtet noch junge soziale Netzwerk Facebook ist im Grunde genommen ein Nachfahre dieser eigentlich altertümlichen Online-Strategie: Auch hier geht es darum, die Zielgruppe möglichst lange an einem Ort zu halten und mit vielerei Angeboten zu bespaßen, um sie dann mit möglichst genau passender (und damit profitabler) Werbung zu beglücken.

Mittel der Massenkommunikation

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Twitter war hier seit seiner Gründung stets anders. Der Kurznachrichtendienst wird zwar allgemein gerne als Social-Networking-Anbieter bezeichnet, doch im Grunde genommen war und ist er ein Massenkommunikationsmittel. Und was will Massenkommunikation? Sie möchte auf möglichst vielen Wegen ihren Adressaten erreichen. Muss man sich bei Facebook anmelden, um einigermaßen interessante Inhalte zu betrachten, ist der Standardmodus bei Twitter folgerichtig die komplette Öffentlichkeit für jeden Tweet. Von Beginn an, also schon im März 2006, gab es nicht nur die Möglichkeit, Botschaften per World Wide Web zu empfangen oder zu versenden, sondern auch per Mobilgerät - ganz einfach per SMS. Mit der zunehmenden Popularität des Angebots blühten Tausend App-Blumen: Für jede erdenkliche Computerplattform wurde ein Twitter-Client geschaffen, für jedes halbwegs populäre Smartphone gab es eine eigene Software und sogar im Web konnte man sich auf zahlreichen Wegen per Twitter mitteilen, ohne je Twitter.com besuchen zu müssen.

All das wurde nicht etwa von Twitter selbst herangeschafft, sondern von Dritten: Die freigegebene Programmierschnittstelle (API) und ein erstaunlicher Enthusiasmus in der Internet-Szene für den Dienst brachten die Entwicklung voran. Das Twitter-Team musste dabei nur dafür sorgen, dass die Infrastruktur nicht zu häufig zusammenkrachte und konnte sich parallel die schönsten Perlen herauspicken. Features wie Kurz-URLs, Retweets oder sogar die Twitter-Suche entstanden erst außerhalb der Firma selbst und wurden dann nach und nach entweder durch eigene Entwicklungen absorbiert oder aufgekauft. Zwischenzeitlich erschreckte dieses Vorgehen die Entwickler, weil sie sich über den Tisch gezogen fühlten - doch grundsätzlich ging es stets weiter mit der wundersamen API-Symbiose.

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