kolumneVon Nullen und Einsen: Ist Netflix die Zukunft des Fernsehens?

08. Februar 2013
Kolumne von Ben Schwan

In Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland kann man seit kurzem den Videodienst Netflix nutzen. Für umgerechnet 10 Euro im Monat erhält man von diversen digitalen Gerätschaften aus Zugriff auf eine Film- und TV-Bibliothek sowie spannende Eigenproduktionen wie das "House of Cards". Aber ist das wirklich "The Future of TV", wie mancher US-Branchenbeobachter posaunt? Ein Selbstversuch.

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Meine Frau ist seit ungefähr zwei Tagen nicht mehr von ihrem iPad zu trennen. Und der Verursacher dieser Tablet-Sucht ist schnell gefunden: Sein Name ist Spacey, Kevin Spacey. Der silberhaarige Intensivmime aus "The Usual Suspects" oder "Margin Call" ist Star der neuen TV-Serie House of Cards, in der es dreizehn Folgen lang um die Untiefen der US-Politik geht. Und die versucht meine Frau gerade, in einem Rutsch zu sehen. Binge Viewing nennt der Amerikaner so etwas wohl, wenn ein Videoinhalt so spannend ist.

Habe ich gerade TV-Serie gesagt? Nein, das "TV" ist falsch: "Internet-Serie" wäre richtiger. "House of Cards" ist die erste zu 100 Prozent für einen Online-Medienanbieter geschaffen Unterhaltungsreihe, den US-Anbieter Netflix. Der beginnt gerade schrittweise damit, Europa zu erobern: Nach Großbritannien und Irland im vergangenen Frühjahr ist nun seit kurzem mit den skandinavischen Ländern Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland auch der Kontinent an der Reihe. Umgerechnet schlappe zehn Euro im Monat kostet der Spaß, der erste Probemonat ist gratis. Da wir gerade im Norden sind, konnten wir testen.

Die Anmeldung ist simpel: Netflix verlangt eine E-Mail-Adresse und ein Passwort, fertig. Doch halt, die Kreditkarte muss es dann doch sein: Falls man vor Ende des Probemonats nicht kündigt, muss ja etwas belastet werden. Anschließend wird man aber auch schon zur Website vorgelassen und kann sich anschauen, was es zu sehen gibt. Vor den ersten Filmgenuss hat der Videodienst allerdings noch etwas Konfigurationsarbeit gesetzt: So soll man, um nachher eine angemessene Auswahl zu erhalten, die Lieblingsgenres vergleichsweise detailliert eingeben. Das geht dann in mehreren Stufen und sorgt dafür, dass die Auswahl, die man ohne Bemühen der Suchfunktion auf der Startseite findet, einigermaßen zum eigenen Geschmack passt.

Das Netflix-Inhaltangebot changiert je nach Genre zwischen umfassend und lückenhaft. Es gibt zahlreiche Kinohits und Klassiker, das Angebot an Dokumentationen ist umfangreich. Brandneu sind die Kinofilme rechtebedingt nicht - der Netflix-Nutzer muss immer auch etwas Geduld haben. Da findet man dann beispielsweise "Madagascar", aber nicht den zweiten und dritten Teil. Ähnliches gilt für das TV-Repertoire. So gibt es in Skandinavien beispielsweise mehrere Staffeln von "Weeds", "Mad Men" oder "The Walking Dead" zu sehen, aber leider natürlich nie die allerneueste.

Das hängt wiederum nicht nur an Netflix, sondern vor allem n den Content-Lieferanten, die ihre jeweils frischeste Staffel dann doch am liebsten ans Fernsehen verkaufen und dort Erstrechte vergeben. Zudem kommt es vor, dass Inhalte, die bereits bei Netflix vorhanden waren, dort auch wieder verschwinden - was höchst nervig sein kann. Ist man jedoch einmal ehrlich, gibt es für die zehn Euro im Monat nicht viel zu meckern, insbesondere wenn man bedenkt, dass man in Skandinavien beispielsweise für ein digitales Standard-TV-Paket problemlos 50 Euro im Monat blecht.

Spannend wird Netflix in den nächsten Monaten durch das wachsende Angebot an exklusivem Material. "House of Cards" macht hier nur den Anfang, zuvor hatte es mit der Mafia-Komödie Lillyhammer, einer Kooperation mit dem norwegischen Fernsehen, einen ersten (und meiner Meinung nach sehr gelungenen) Versuchsballon gegeben. Im Mai geht es mit der lange erwarteten vierten Staffel von "Arrested Development" weiter. Und Netflix fängt laut eigenen Angaben erst an: Man versuche, so schnell wie möglich zum populären US-Premium-Kanal HBO aufzuschließen, bevor dieser zu Netflix aufschließen könne, heißt es von der Firma.

Doch es gibt natürlich auch Schattenseiten. So ist Netflix technisch noch nicht ganz perfekt. Auf unserem Testrechner, einem Mac, wird ebenso wie unter Windows das Microsoft-Plug-in "Silverlight" zur Videoanzeige vorausgesetzt. Dabei hat der Softwareriese selbst diesen einstmals als Flash-Konkurrenten gedachten Code mittlerweile mit Windows 8 aufs Abstellgleis geschoben. Will man Silverlight nicht installieren, weil man unnötige Zusatzsoftware auch aus Sicherheitsgründen meidet, kann man Netflix auf dem Computer nicht nutzen. Hier muss der Dienst schleunigst nachlegen.

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Dass es auch anders geht, zeigt die Netflix-Unterstützung für iPad, iPhone und Co - hier läuft alles ordentlich ohne jedes nervige Plug-in. Die App, die noch in der ersten Version den Ruf eines etwas hakeligen Werkzeuges hatte, ist mittlerweile stabil, erlaubt einen schnellen Zugriff auf das Netflix-Angebot. Ist die Internet-Verbindung okay - DSL mit 16 Megabit sollten es am besten schon sein - schaut man viele Stunden unbeschwert. Manchmal will es aber auch nicht klappen, dann hilft nur ein Neustart der App. Die Netflix-Anwendungen für verschiedene Geräte wie Smart-TVs, Xbox 360, Apple TV oder Nintendo Wii haben nicht alle die gleiche Qualität - manche App ist ordentlich zu bedienen, manch andere wirkt arg zusammengeschustert.

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Doch die Richtung stimmt: Was Netflix gerade auffährt, könnte tatsächlich die Zukunft des Fernsehens sein. Besonders lobenswert ist die Art der Präsentation: Statt 13 Wochen warten zu müssen, bis alle Folgen einer Show wie "House of Cards" im Fernsehen abgefeuert wurden, erhält man alle Episoden einfach auf einmal. Eine Idee, die kein TV-Programmmacher versteht, jedem Internet-Nutzer aber sofort einleuchtet. Zudem starten die Netflix-eigenen Serien gleich weltweit: Mit nervigen Länderrechtefragen muss sich der Videodienst nicht herumschlagen, weil er ordentliche Verträge abschließt.

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Ein bisschen erinnert mich dieser Ansatz an einen Vorschlag, den "Mega"-Betreiber Kim Schmitz kürzlich auf Twitter als Rezept gegen illegales Filesharing verbreitete: 1. Schaffe großartige Inhalte. 2. Mach' sie einfach zu erwerben. 3. Gleichzeitige weltweite Verfügbarkeit. 4. Mach' einen fairen Preis. 5. Verfügbarkeit der Inhalte auf allen Endgeräten." Netflix hat das (fast) geschafft.

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Kommentare | 2Alle Kommentare
  • 09.07.2013, 14:57 Uhrqqwdqwr234

    Netflix ist auf jeden Fall die Zukunft. Was auch immer man von Kim.com denken mag, er hat Recht mit seiner Aussage.

  • 10.04.2013, 11:58 UhrBennie78

    Netflix lässt sich nicht nur in den USA nutzen. Ich verwende es seit einigen Monaten auch in Deutschland auf meinem Smart TV. Ich bin einem Tutorial gefolgt.
    http://www.nerdizm.de/2012/01/29/netflix-in-deutschland-apple-tv-lohnt-sich-wieder/

    Die Auswahl der Serien und Filme ist beeindruckend. Alle auf Englisch natürlich, aber es lassen sich auch Untertitel hinzuschalten. Hilfreich bei komplexeren Serien wie dem besprochenen House of Cards.

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