Von Nullen und Einsen: Neutral is' das nicht

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WiWo-Technik-Kolumnist Ben Schwan lebt als Journalist in Berlin

Kolumne

In den USA ist der Streit um die Netzneutralität vollends ausgebrochen. Die Diskussion, ob und welche Dienste Provider blockieren dürfen, steht uns auch hier zu Lande bevor. Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Netzes.

Das Internet war von Anfang an eine Einrichtung, die Grenzen sprengte. Als die Technologie im Zuge der Einführung des World Wide Web in den Neunzigerjahren immer mehr Nutzer fand, gehörte auch ich zu denjenigen, die ihre ersten Gehversuche mit dem ersten echten internationalen Netz wagten, das offen für alle war. (Vorher trieb ich mich in Mailboxen herum, aber das ist eine andere Geschichte.)

Zunächst konnte ich plötzlich Rechner anwählen, die in Tokio oder San Francisco beheimatet waren, ohne dafür irgendwelche teuren Ferngesprächs führen zu müssen. Das eigentlich revolutionäre am Internet war dabei, dass jeder Computer im Netz sich mit jedem anderen verbinden konnte, unabhängig vom Standort, der Entfernung und ohne Zusatzkosten. So genannte Peering-Verträge sorgten dafür, dass Endanwender für den Zugang und Serverbetreiber für ihren Anschluss zahlten, der Datenverkehr intern aber unentgeltlich ausgetauscht wurde.

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Resultat: Online-Dienste wie MSN, CompuServe, Europe Online, AOL oder T-Online, die mit Inselstrategien ihre eigenen, gut geregelten Multimedia-Welten aufbauen wollten, verloren ganz schnell an Bedeutung. Das offene Internet mit seinen offenen Standards siegte in kürzester Zeit, weil es einfach besser war.

Das ist, trotz Rollback-Versuchen, bis heute so geblieben. Es hat der Menschheit nichts geschadet und zahlreiche Innovationen hervorgerufen. War es früher unvorstellbar, innerhalb kürzester Zeit ein Millionenpublikum zu erreichen, ohne dass ein anderes Unternehmen den Finger darauf hat - heute geht es. Jeder kann neue Dienste über die offene Netzstruktur abwickeln, neue Protokolle erfinden, Telefonie über das Internet routen, Videobilder weiterleiten oder meinetwegen auch per TCP/IP Musik machen. Fragen muss man dabei niemanden, allein die Infrastruktur gilt es aufzubauen und genügend Nutzer zu finden.

Dieses innovationsfreudige Umfeld passiert dabei vor allem auf einem Prinzip: Dem der Netzneutralität. Diese besagt, dass der Datenverkehr im Internet von den Providern stets gleich zu behandeln ist und niemand auf die Idee kommt, ihn aus irgendwelchen Gründen auszubremsen oder zu blockieren. Nun mag man sagen, dass das Netz ja doch seine Probleme hat: Hier und da kommt es zu Ausfällen, Spammer und Online-Gauner können es missbrauchen und auch den ein oder anderen nur schlecht erreichbaren Server kennt fast jeder Nutzer. Doch das Grundprinzip des Netzes funktioniert nach wie vor - die Infrastruktur hat enorm gut skaliert. Um noch mehr Datenverkehr aufzunehmen, muss man schlicht Leitungskapazitäten erhöhen, das war's.

Prinzip der Netzneutralität

Trotzdem wollen Provider im In- und Ausland am Prinzip der Netzneutralität rütteln. Das hat zwei Gründe: Erstens will man eigene Dienste künftig bevorzugen können, um Nutzern lukrative Paketangebote, etwa mit zahllosen TV-Sendern, verkaufen zu können. Zweitens hätte man gerne eine zusätzliche Einnahmequelle zu den ständig fallenden Provider-Gebühren für Endkunden: Wer künftig besonders schnell mit seinem Angebot an deren Rechner ausgeliefert werden will, soll zusätzlich blechen. Was zunächst eher verrückt klingt, wird in den hohen Hallen des Telekommunikationskonzern-Managements auch hier zu Lande seit Jahren diskutiert. Im Mobilfunkbereich fehlt es sogar an der Netzneutralität: Dort werden beispielsweise Internet-Telefonie-Anwendungen strikt blockiert bzw. nur gegen Gebühr zugelassen. Begründung ist dabei stets, dass die Infrastruktur dies nicht aushalte, was kritische Beobachter aber als Fehler bei der Netzplanung sehen.

Interessant an alledem ist, dass es nach wie vor keine internationale Festschreibung der Netzneutralität gibt, obwohl sie tatsächlich bedroht ist. In den USA ist die Debatte dank Obamas neuem Chefregulierer Julius Genachowski, der als Innovationsfreund gilt, wieder in Gang gekommen. Er will die Regelung notfalls in ein Gesetz packen und hat unter anderem bereits erreicht, dass der Mobilfunker AT&T künftig Internet-Telefonie etwa über das iPhone zulässt. In Europa wird die Netzneutralität im Rahmen der Überarbeitung des EU-Telekompakets behandelt. Es wird Zeit, dass sie auch bei uns festgeschrieben wird.

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