Werbesprech: Gesichtserkennung für Werbung? Jetzt reicht's!

kolumneWerbesprech: Gesichtserkennung für Werbung? Jetzt reicht's!

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Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass die Werbung uns digital auf auf Schritt und Tritt verfolgt.

Kolumne von Thomas Koch

Die digitale Werbung wird immer unheimlicher. Erst erkennt sie unsere Stimmung, nun setzt sie mit Gesichtserkennung an, uns auf Schritt und Tritt zu analysieren. Die Werber sollten den Bogen nicht überspannen.

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass die Werbung uns digital verfolgt. Kaum haben wir etwas in die Google-Suche eingegeben, kaum einen Online-Shop auf der Suche nach Sonderangeboten besucht, folgen uns die angeklickten Hotels, Flüge, Toaster und Turnschuhe auf Schritt und Tritt. Bei jedem Öffnen einer Website hinterlassen wir Spuren, denen zu folgen für Werber ein Kinderspiel ist.

Die Online-Spitzel wissen genau, auf welche Banner wir klicken, ob wir danach eine Website besuchen, wie lange wir dort surfen, ob wir bestellen oder den Vorgang abbrechen. Sie nennen es „Customer Journey“, folgen jedem unserer Schritte und lassen dann Algorithmen entscheiden, welche Werbemittel uns "programmatisch" wann und wie häufig ausgespielt werden. Sie haben eine Maschinerie entwickelt, die uns im Idealfall zu Kaufrobotern machen soll.

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Werbung aus der Steinzeit

Doch die modernen Systeme sind keinesfalls so ausgeklügelt, wie die Werber behaupten. Das derzeitige Entwicklungsstadium könnte man als steinzeitlich bezeichnen. Wie anders ist zu erklären, dass wir pünktlich zum 65. Geburtstag Werbung für Treppenlifte, Rollatoren und Tonikum bekommen?

Gläserner Kunde "Händler brauchen mehr Daten"

Der Handel rüstet im Rennen um die digitale Zukunft auf und setzt vor allem auf mehr Transparenz und präzisere Angebote für die Kunden.

Supermarkt der Zukunft: Ein Supermarktkunde scannt seine Ware. Quelle: dpa

Dahinter steckt ein äußerst rudimentäres Alters-Targeting. Und der irrige Glaube jugendlicher Werber, dass für alle Verbraucher ab einem bestimmten Alter Gehilfen und Stärkungsmittel relevant werden. Das ist albern, bestenfalls lächerlich. Kein Wunder, dass die meiste Online-Werbung ihre Wirkung verfehlt.

Die Menschen fühlen sich durch diese nervige Form der Werbung massiv gestört. Bald haben ein Viertel aller User in Deutschland Adblocker-Software installiert, die die Werbung ausblendet und attraktive, weil überwiegend jüngere Zielgruppen für digitale Werbung unerreichbar macht.

Werbesprech Die Werbung will in unser Gehirn

Facebook will unsere Gedanken lesen und kann traurige Jugendliche identifizieren: Neuromarketing verspricht, unser Unterbewusstsein zu beeinflussen, um uns der Werbung auszuliefern. Werden wir zu willenlosen Puppen?

Bei Facebooks Entwicklerkonferenz F8 im April wurde das Projekt, Menschen mit Hilfe von Sensoren Worte direkt aus ihrem Gehirn in Computer eingeben zu lassen, präsentiert. Quelle: dpa

Die Spionage hat erst begonnen

Während die Werber also in der digitalen Medienwelt die simpelsten Hausaufgaben noch nicht erledigt haben, schreitet die Entwicklung mit Riesenschritten voran. Das Stalken der Verbraucher reicht ihnen längst nicht mehr. Erst erfahren wir dank investigativer Journalisten, dass Facebook die Stimmungslage seiner Nutzer ausspioniert, um diese für Werbung nutzbar zu machen. Dann lesen wir, dass man sogar an einem Projekt arbeitet, das unsere Gedanken liest und erfasst. Die Empörung war groß, die Datenschützer aufgeschreckt.

Doch damit nicht genug. Plötzlich sind es seriöse und gestandene deutsche Unternehmen, die in die Schlagzeilen geraten. Die Supermarktkette Real erfasst und analysiert derzeit in einigen Filialen die Gesichter der Kunden an der Kasse. Die Kameras sind an den dort befindlichen Werbebildschirmen angebracht.

Diese Gesichtserkennungs-Software zeichnet Alter und Geschlecht der Wartenden auf, sieht wohin wir blicken und wird dem Supermarkt damit Erkenntnisse über unsere Interessen geben. Die dann personalisiert ausgespielte Werbung soll an unsere individuellen Interessen angepasst werden. Darüber hatte Real seine Kunden jedoch nicht informiert.

Auch die Post gehört zu den Unternehmen, die mit dieser Technik in 100 Filialen bis Jahresende experimentieren. Eine Sprecherin der Post erläutert dazu: "Unser Ziel ist es herauszufinden, ob dieses Angebot aus Information, Unterhaltung und relevanter Werbung die Kundenzufriedenheit in unseren Partnerfilialen noch weiter steigern kann."

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