Amazon Echo: "Alexa, mach mich nicht krank!"

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kolumneWerner knallhart: "Alexa, mach mich nicht krank!"

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Das Alexa-Syndrom: Wird die Welt der Psychiatrie um ein neues Krankheitsbild reicher?

Kolumne von Marcus Werner

Bald hat die Psychiatrie ein neues Krankheitsbild: das Alexa-Syndrom. Die Patienten sind von Sprachsoftware gekränkt, gegängelt und missverstanden. Die Entwickler der Künstlichen Intelligenz müssen reagieren.

Nichts verstehen, sich persönlich kaum entwickeln, aber dann dem anderen auf vorwurfsvoller Weise das Gefühl geben, derjenige mit all den Unzulänglichkeiten zu sein: Wer sich so aufführt, hat normalerweise keine Freunde.

Einer Maschine nimmt man für gewöhnlich ja nicht übel, dass sie etwas noch nicht kann. Sie ist ja nur ein von Menschen gemachtes Ding und beherrscht deshalb nur, was wir ihr vorher eingebaut haben.

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Bei intelligenten Lautsprechern wie etwa Amazons Echo mit der Sprachsoftware Alexa oder Googles Assistent Now ist das aber anders. Hier führt die Menschheit sich selbst an der Nase herum. Das soll ja so sein: Mit einer Maschine sprechen, wie man mit einem Menschen spricht. Anweisungen geben wie einem Hausangestellten.

„Alexa, dimme die Stehlampe auf 50 Prozent.“

„Okay.“

„Alexa, stell die Eieruhr auf fünf Minuten.“

„Okay. Fünf Minuten ab jetzt.“

Was Sie schon immer einmal von Alexa wissen wollten…

  • „Alexa“ oder „Computer“

    Nehmen wir an, Sie bekommen keine Orwell´schen Albträume davon, sich ein Mikrofon in die Wohnung zu holen und kaufen sich einen Amazon Echo. Sie haben das Gerät ausgepackt und wollen starten. Werkseitig eingestellt ist das „Wecksignal“ für Alexa – „Alexa“. Erst wenn sie dieses Zauberwort ausgesprochen haben, können Sie starten.

    Zusatzinfo für Star-Trek-Fans: Man kann dieses „Weckwort“ ändern – neben „Echo“ und „Amazon“ geht auch „Computer“ – der Begriff, den auch Captain Picard benutzte, wenn er den Bordcomputer der Enterprise bedienen wollte. Dieser soll als Vorbild für Alexa gedient haben.

  • Nutzerkonten und Profile

    Alexa verfügt, wie etwa Microsoft Windows, über verschiedene Nutzerkonten (Haushaltsprofile) beziehungsweise –Profile. Das macht durchaus Sinn, etwa bei nutzerspezifischen Vorlieben wie etwa Musik: Wenn Sie gerne Verdi, Ihre Tochter aber lieber Heavy Metal hören (Alexa greift auf Ihre Amazon-Music-Dateien oder, mit dem entsprechenden Skill, etwa auch auf Spotify zu), oder Sie und ihr Partner einen völlig unterschiedlichen Literaturgeschmack haben (Alexa verwaltet auch Ihre Hörbücher). Da der Nutzer über Alexa auch bei Amazon einkaufen kann, können außerdem mehrere Amazon-Profile hinterlegt werden, damit etwa das neue Kollegah-Album Ihres Sohnes nicht über Ihr Konto abgerechnet wird. Sie können Alexa fragen: „Welches Profil ist das?“ oder ihr den Befehl geben, die Konten zu wechseln: „Wechsle die Konten.“

  • Musik

    A propos Musik: Hier liegt eine der großen Stärken von Alexa. Sie können die Musikwiedergabe steuern: „Alexa, Wiedergabe.“, „Stopp.“, „Zurück.“, „Pause“, „Weiter.“ (und so weiter). Aber auch raffiniertere Fragen kann Alexa beantworten: Zum Beispiel „Alexa, was läuft gerade?“, „Mach lauter“, „Mach leiser“ oder „Alexa, stelle einen Sleeptimer in 20 Minuten.“

    Alexa hat Zugriff auf Amazon Prime Music, auch hierfür gibt es Befehle: „Spiele etwas Prime Music zur Entspannung.“, oder „Spiele Prime Music zum Tanzen.“ Nicht nur Musikstimmungen erkennt Alexa, auch Musikgenres können gezielt angesteuert werden: „Spiele Jazz von Prime Music.“  Alexa hat allerdings nicht nur Zugriff auf Prime Music, auch Internetradiosender und Musikstreamingdienst Spotify können angesteuert werden: „Spiele ‚Pop‘ von Spotify.“

  • Hörbücher

    Auch Hörbücher - von Audible - kann Alexa abspielen: „Spiele das Hörbuch ab.“, „Nächstes / Vorheriges Kapitel.“, „Gehe zu Kapitel 3.“, „Mein Hörbuch fortsetzen.“

  • Sport

    Für deutsche Echo-Käufer unter den vielen Sportligen, zu denen Alexa Infos bereithält, wohl besonders interessant: die Bundesliga. Zulässig sind hier Fragen wie „Wie ist das Spielergebnis von Schalke gegen Dortmund?“, „Wie steht es gerade bei ‚Mönchengladbach gegen den HSV‘?“, „Hat RB Leipzig gewonnen?“

  • Verkehr

    Wenn Sie Alexa verraten, wo Sie arbeiten und wie Sie normalerweise dort hinkommen, hilft sie Ihnen, pünktlich da zu sein. Dann können Sie das Programm nämlich fragen: „Wie ist der Verkehr?“. Wenn Alexa Stau auf Ihrer Strecke meldet, können Sie den dann einfach umfahren – oder auf Bus und Bahn umsteigen – natürlich erst, nachdem Sie Alexa vorher mit dem passenden Skill nach der günstigsten Fahrplanverbindung gefragt haben.

  • Wetter

    Wenn Sie entschieden haben, dass Sie eigentlich heute doch viel lieber mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren wollen, fragen Sie Alexa einfach nach dem Wetter: „Wie ist das Wetter in fünf Stunden?“. Natürlich funktioniert die Vorhersage nicht nur für den gleichen Tag: “Wird es morgen schneien?“, „Wie ist das Wetter in Köln?“ oder „Wird es am Sonntag regnen?“ funktionieren auch.

  • Nachrichten 2

    Auch über die neuesten Nachrichten kann Alexa Sie informieren – etwa via „Was gibt es Neues?“ oder „Was ist in den Nachrichten“? Wem das nicht reicht, der kann Alexas Informationsquelle über die Skills verschiedener Medien auch personalisieren.

  • Kalender

    Gut, Sie sind jetzt über die Nachrichtenlage gebrieft, wissen, wie Sie am besten zur Arbeit kommen und ob Sie Gummistiefel anziehen müssen, weil es regnet. Passende Musik oder ein Hörbuch haben Sie für den Arbeitsweg auch dabei. Aber was steht heute eigentlich alles an? Fragen Sie doch Alexa! „Alexa, was steht in meinem Kalender?“, „Alexa, füge meinem Kalender „Einkaufen“ für Freitag, den 17. Februar um 18:00 Uhr hinzu.“

  • Aufgaben

    Auch beim Einkaufen kann Alexa Ihnen helfen. Sie fährt zwar nicht für Sie zu Rewe (oder Edeka), aber Sie können mit ihr eine Einkaufsliste erstellen, diese ergänzen oder Dinge daraus streichen: „Füge ‚Wein‘ zur Einkaufsliste hinzu.“ Und natürlich können Sie Alexa fragen, was Sie sich notiert haben: „Was steht auf meiner Einkaufsliste?“ Auch andere Aufgaben hält Alexa für Sie fest – etwa, dass Sie Ihrer Frau noch einen Blumenstrauß zum Hochzeitstag besorgen sollten. In dem Fall wäre es allerdings gut, wenn Sie die Kontenverwaltung bereits beherrschen – sonst setzen Sie das nämlich noch aus Versehen auf die Aufgabenliste Ihrer Frau.

  • Wecker & Timer

    Gut, dass Sie an den Hochzeitstag gedacht haben – oder Alexa gebeten haben, Ihnen das heutige Datum zu nennen („Wie lautet das Datum?“). Das kann sie nämlich auch, genauso, wie Sie um eine bestimmte Uhrzeit zu wecken („Stelle den Wecker auf 06:00 Uhr.“), dabei zwischen Wochenende und Arbeitswoche zu unterscheiden („Stelle den Wochenendwecker auf 9:00 Uhr.“), und Ihnen mitzuteilen, auf wie viel Uhr Sie den Wecker gestellt haben („Für welche Uhrzeit ist mein Wecker gestellt?“.

  • Smart Home 2

    Um beim Hochzeitstag zu bleiben: Wie wäre es abends mit etwas romantischer Stimmung? Alexa kann – vorausgesetzt, sie ist mit anderen intelligenten Geräten in Ihrem Haushalt vernetzt – zum Beispiel das Licht dimmen („Dimme das Licht im Esszimmer auf 50 Prozent“), die Kaffeemaschine einschalten („Schalte die Kaffeemaschine ein.“) oder die Temperatur in der Diele senken („Stelle die Dielentemperatur auf 18 Grad“)

  • Einkaufen

    Wenig überraschend: Mit Alexa können Sie auch einkaufen – ich erspare Ihnen jetzt die Fortführung mit dem Hochzeitstags-Beispiel und Schmuck für Ihre Frau. Wobei – es passt gerade so schön: Sie haben also etwas Hübsches gefunden. Sagen Sie Alexa einfach „Füge Diamantcollier zu meinem Einkaufswagen hinzu“ und „bestelle“.

  • Noch Fragen?

    Alexa kann noch viel mehr als Nachrichten vorlesen oder Einkäufe bei Amazon tätigen: Man kann ihr Wissensfragen stellen, die sie dann prompt nachschlägt. Frei nach dem Motto: „Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wie man Alexa danach fragt“. Beispielfragen wäre etwa: „Alexa, warum ist der Himmel blau?“, „Alexa, wie hoch ist die Zugspitze?“, „Alexa, was ist die Hauptstadt von Australien?“, „Alexa, wie weit ist es von hier bis Wien?“, „Alexa, was ist die Definition von paradox?“, „Alexa, wann geht heute die Sonne auf?“, „Alexa, was ist der neueste Film von Quentin Tarantino?“, „Alexa, was ist die IMDb-Bewertung für Jupiter Ascending?“

Mit sanftmütiger Stimme nimmt Alexa im Echo dankbar die Befehle entgegen. Und da geht es schon los. Sie klingt sanftmütig. Dankbar. Lautsprecher können nicht dankbar sein. Es fühlt sich aber so an.

Wenn wir über einen Wellensittich schmunzeln, weil er sich am Spiegel in seinem Käfig abarbeitet in der Annahme, einem Artgenossen zu begegnen, sollten wir nicht vergessen: Wenn wir Punkt-Punkt-Komma-Strich je nach Biegung des Strichs als ein fröhliches oder trauriges Gesicht betrachten, sind wir da nicht viel weiter.

Und so ein Echo ist letztendlich Punkt-Punkt-Komma-Strich mit Stromanschluss. Eine von uns. Für solche Geräte gelten unsere Maßstäbe. Und das bedeutet: ganz dünnes Eis!

Ein Freund von mir (zwei Echo-Lautsprecher in der Bude) hat mir gegenüber neulich sein Herz ausgeschüttet: „Ich finde, Alexa ist eine blöde Sau.“

„Oh Gott, was ist denn vorgefallen?“

„Ja, sie versteht mich nicht.“

Nun muss man wissen, dass dieser Freund kein Deutschmuttersprachler ist und bei ihm ein robuster russischer Akzent mitschwingt. Konversation mit ihm ist problemlos möglich, wenn auch nicht in alle Winkel des Deutschen hinein. Wenn dann aber ein vergleichsweise einfach gestrickter elektronischer Apparat ihm ständig unterschwellig zu verstehen gibt: Dein Deutsch ist nicht gut genug für mich - also, das kann schon anmaßend rüber kommen.

Wir haben uns dann den Spaß erlaubt, seine in der Alexa-App aufgezeichneten Sprachbefehle der vergangenen Tage als Audiodatei anzuhören. Eine gewisse Dünnhäutigkeit seinerseits ließ sich nicht leugnen.

Werner knallhart Philips-Licht per Amazon Echo: Kein Schalter, viel Stress

Hue-Lampe anschließen, „Alexa, such neue Geräte“ rufen und fertig. So einfach soll Smarthome mit Philips und Amazon Echo gehen. Theoretisch. In der Praxis zeigt sich: Da sind Nerven und Konzentration gefragt.

Echo plus kann Hue-Lampen steuern. Ohne Zusatzgeräte. So einfach soll Smarthome mit Philips und Amazon gehen. Es geht aber auch anders. Quelle: Presse

Nach einer Reihe emotionsloser Kommandos („Alexa, Licht aus“) folgte eine Liste explizierter Wutausbrüche:

„Alexa, ich hab gesagt: Licht aus, verdammt noch mal.“

„Alexa, bist du taub? Wecker aus! AUS!“

„Alexa, Musik leiser! Die will mich wohl verarschen hier.“

„Alexa, wenn ich Michael Jackson sage, meine ich Michael Jackson.“

„Alexa, halt die Klappe!“

Nun ja. Sein bester Trost: Mir geht es mit meinen Echos nicht selten genauso.

„Alexa, Schlafzimmerlicht an.“

„In Berlin-Mitte beträgt die Temperatur derzeit 4 Grad bei bewölktem -“

„ALEXA, STOPP.“

Ich halte mich mit Beleidigungen allerdings meist zurück. Zwar verspüre in mir durchaus die Haltung, Alexa hätte einen gehörigen Einlauf durchaus verdient. Aber ich will einfach nicht, dass meine Ausbrüche auf den Amazon-Servern in Seattle oder sonst wo dokumentiert werden. Was geht die mein emotionales Verhältnis zu meinem Echo an?

Es gibt aber einen Trick: Man lässt für Beschimpfungen das Losungswort Alexa weg. Dann kann die ganz schön einstecken - so stumm und reumütig abwartend in ihrer weißen Echo-Blechhülle auf meinem Regal.

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