Werner knallhart: Apple Watch: Wir Deutschen hassen Neues. Leider!

kolumneWerner knallhart: Apple Watch: Wir Deutschen hassen Neues. Leider!

Kolumne von Marcus Werner

Es ist doch selbstverständlich: Die technischen Innovationen kommen heute aus den USA. Wir Deutschen haben darauf einfach keine Lust. Wir sind lieber skeptisch.

Was wir Deutschen niemals tun würden: Neues auf Anhieb gut finden.

Es war 1991, da habe ich meinem Vater zum Geburtstag einen Anrufbeantworter geschenkt. So einen mit einer putzigen Tonband-Kassette drin. Jesses, das war mutig, denn innovative Technik hatte in unserer Familie keine so richtige Lobby:

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1983: "Ein Videorekorder kommt uns nicht ins Haus. Dann sitzen wir alle nur noch vorm Fernseher." (gekauft 1986)

1987: "Mikrowellen-Fraß schmeckt doch nicht." (gekauft 1990)

1988: "Einen CD-Player? Nein. Was wird dann aus unseren alten Platten?" (gekauft 1990)

1990: "Kabelfernsehen brauchen wir nicht. Da kommt doch nur Schrott." (Anschluss seit 1992)

1999: "Das verstehen wir in unserem Alter nicht mehr." (Internet-Vertrag seit 2001)

2000: "Warum sollte ich telefonieren wollen, wenn ich nicht zuhause bin?" (Handy gekauft 2002)

2002: "Ich will Fotos doch in Händen halten." (Digitalkamera gekauft 2003)

2010: "Smartphones sind uns zu kompliziert." (iPhone geschenkt bekommen 2011)

2012: "Ein was, ein iPad? Nicht noch so ein Gerät." (gekauft 2013)

Viele von uns trauen uns an Neues erst heran, wenn andere längst davon schwärmen. Betrachtet man das volkswirtschaftlich, muss man sagen: Das ist zu spät.

"Neu? Geil!" Sowas gilt bei uns als naiv.

Man muss ja nicht alles toll finden, nur weil es neu ist. Aber wir sollten Neues wohlwollend prüfen. Und nicht bloß, um uns davon zu überzeugen, dass wir es zurzeit noch mit Ach und Krach entbehren können.

In Deutschland haben die Menschen im internationalen Vergleich heute wenig Smartphones und wenig LTE-Verträge. Und weil uns der vermeintliche Schnickschnack bislang weniger Geld wert war als anderen Nationen, klafft mit unserem lahmen Internet bei uns ein echter Standortnachteil. Oder glaubt wirklich jemand, dass wir mobiles Internet in Deutschland nicht so sehr brauchen wie anderswo?

Wir mosern über Amazons Marktmacht, über Googles und Facebooks Datenhunger und über die Produktionsbedingungen bei Apples Zulieferern. Aber wo machen wir es denn besser? Während wir über aussterbende Innenstädte quengeln, wächst Amazon einfach weiter.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

  • Wie fing Amazon an?

    Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

  • Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

    Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. Im vergangenen Jahr machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im ersten Quartal blieben unterm Strich 108 Millionen Dollar (78 Millionen Euro) – bei einem Handelsumsatz von 19,7 Milliarden Dollar.

  • Wie relevant ist der deutsche Markt?

    Es ist der größte Auslandsmarkt. Im vergangenen Jahr setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

  • Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

    Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

  • Wie ist der Konzern aufgestellt?

    In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 7700 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten zum Jahreswechsel 88.400 Festangestellte im Unternehmen.

  • Schadet der Shitstorm?

    Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

  • Folgen des Leiharbeiterskandals

    Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,30 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

  • Wo Amazon noch Ärger hat

    In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Aber Umdenken zahlt sich aus. Der deutsche Buchhandel hat sich zusammengetan und mit seinem E-Reader Tolino rechtzeitig einen erfolgreichen Konkurrenten zu Amazons Kindle etabliert. Und die Kunden würdigen das. Der Buchhandel konnte seinen Schrumpfkurs stoppen.

Supermarkt-Ketten wie Rewe und Kaisers versuchen mit Wucht, viel Marketing-Druck und diversen Gutscheinen ihre Lieferservices in Deutschland zu etablieren. Denn Amazon will demnächst in Deutschland auch Lebensmittel ausliefern. In den USA fahren diese Laster mit Gemüseaufklebern auf dem Heck schon rum. Aber hier bei uns waren deutsche Unternehmer die ersten. Auch kleinere Bringdienste wie Shopwings in München und Berlin wagen ihr Glück. Shopwings besorgt die Produkte gleich mehrerer Händler wie Aldi, Lidl, Edeka und Alnatura und liefert in kürzester Zeit (ab zwei Stunden später) für 4,90 Euro extra. Das ist erfrischend neu.

Wir halten irgendwie so gerne Bargeld in der Hand. Da weiß man, was man hat und verliert nicht den Überblick. Wir Deutschen bringen es ja noch nicht mal übers Herz, das dämliche 1-Cent-Stück abzuschaffen. Bei dem liegen die Produktionskosten über dem Nennwert. Aber bei Geldthemen sind wir Deutschen ja so emotional wegen unserer Geschichte und so. Tja.

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