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Wipro-Chef Premji: "Wir waren dumm"

von Helmut Hauschild Quelle: Handelsblatt Online

Azim Premjis Karriere ist ein modernes Märchen. Aus der kleinen Speiseölfabrik seines Vaters formte der Inder einen der weltweit größten Konzerne für Informationstechnologie mit 6,3 Mrd. Dollar Umsatz und 112 000 Mitarbeitern. Mit dem Handelsblatt sprach Premji über eigene Fehler im deutschen Markt und über die Konkurrenz aus China.

Wipro-Chef Azim Premji: "Wir wollen unseren Umsatz jährlich um 30 bis 40 Prozent steigern." Quelle: ap
Wipro-Chef Azim Premji: "Wir wollen unseren Umsatz jährlich um 30 bis 40 Prozent steigern." Quelle: ap

Handelsblatt: Herr Premji, Indiens erfolgsverwöhnte IT-Dienstleister erlebten 2009 erstmals eine Krise. Wie geht es Wipro heute?

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Azim Premji: Die Krise ist überstanden. Die Unternehmen treffen Entscheidungen, die sie 18 Monate lang aufgeschoben haben. Vor allem das Geschäft in Europa und besonders in Deutschland läuft wieder sehr befriedigend. Unsere Kunden wollen Kosten senken und Geschäftsabläufe beschleunigen. Das hilft uns. Wipro erwartet für 2010 ein Wachstum, das über der Prognose des indischen Branchenverbands Nasscom von 15 bis 16 Prozent liegt.

Was sind Ihre Ziele für Deutschland?

Wir wollen unseren Umsatz jährlich um 30 bis 40 Prozent steigern. Das Gleiche gilt für unsere Belegschaft. Aktuell macht Wipro in Deutschland rund 100 Mio. Dollar Umsatz, in Europa sind es knapp 1,4 Mrd. Dollar. Kürzlich haben wir ein Rechenzentrum der Citigroup in Meerbusch bei Düsseldorf mit 40 Beschäftigten übernommen.

Schon vor Jahren hatte Wipro ehrgeizige Wachstumsziele für Deutschland verkündet, aber es wurde nichts daraus. Warum?

Weil wir dumm waren. Wir haben zu wenig ernst genommen, dass wir in Deutschland auch eine deutsche Belegschaft brauchen. Die kulturellen und sprachlichen Hürden ließen sich mit indischen Mitarbeitern nicht überwinden. Vermutlich sind wir zu früh nach Deutschland gekommen. Der Kostendruck bei den Unternehmen, ihre IT outzusourcen, war noch nicht so groß.

Weshalb soll die Expansion diesmal gelingen?

Wir ändern die Struktur unserer Belegschaft und haben seit einem Jahr einen deutschen Geschäftsführer. Zurzeit ist in Deutschland ein Viertel unserer 400 Mitarbeiter deutsch. Wir wollen massiv einstellen und den Anteil in den nächsten 18 Monaten auf mindestens 50 Prozent erhöhen. Außerdem konzentrieren wir uns auf wenige wichtige Kunden, anstatt mit dem großen Rechen durch den Markt zu laufen. Und nicht zuletzt hat sich der Ruf indischer Unternehmen in Deutschland gebessert.

Planen Sie, durch die Übernahme von IT-Dienstleistern in Deutschland weiter zu wachsen?

Wir schauen uns in Großbritannien und Skandinavien Firmen an, weniger in Deutschland.

Warum diese Zurückhaltung? Deutsche Unternehmen wollen angeblich ihre IT-Sparten verkaufen, und die Preise sind zurzeit günstig.

Die Firmen sind aus gutem Grund so günstig bewertet. Deutsche IT-Dienstleister haben eine sehr ungünstige Kostenstruktur. Sie hängen stark von einem Kunden ab, und die Beschäftigten sind nicht flexibel einsetzbar. Ganz generell reagieren deutsche Mitarbeiter eher unflexibel auf neue Aufgaben. Ein eventuell nötiger Ortswechsel ist sehr schwer durchzusetzen. In Großbritannien ist das ganz anders. Wir betrachten deshalb deutsche Firmen als Übernahmeziele mit großer Vorsicht. Zumal Übernahmen von den Mitarbeitern oft als etwas Bedrohliches und nicht als eine Chance wahrgenommen werden, was die Unflexibilität verstärkt.

Die Menschen in Deutschland glauben, Outsourcing-Firmen wie Wipro nehmen ihnen die Jobs weg.

Premji: Die IT-Dienstleistung ist eine Exportindustrie. Wie alle Exportindustrien schafft sie an einem Ort Arbeitsplätze, die anderswo möglicherweise verlorengehen. Aber für Deutschland gilt das nicht. Weil wir dort wachsen, stellen wir Leute ein. Zudem trägt Wipro zur Ausbildung deutscher Fachkräfte bei. Berufsanfänger senden wir zu einem dreimonatigen Intensivtraining nach Indien. Danach arbeiten sie weitere drei Monate bei Kunden in Indien und lernen "on the job".

Hat sich damit das Geschäftsmodell der indischen IT-Dienstleister überlebt, billiger als die Konkurrenz zu sein?

Nein. Es geht um die richtige Mischung aus Experten in den Ländern unserer Kunden und der technischen Abwicklung in Niedriglohnländern wie Indien, China oder Rumänien. Auch alle amerikanischen und europäischen IT-Dienstleister arbeiten heute so. Accenture und IBM zum Beispiel haben jeweils mehr als ein Drittel ihrer Belegschaft in den Schwellenländern. Das Geschäftsmodell indischer und westlicher Anbieter hat sich angeglichen.

Wo liegt dann noch der Wettbewerbsvorteil von Wipro?

In der Qualität und der Kundenzufriedenheit.

Das behauptet jedes Unternehmen.

Wir sind flexibler als die großen IT-Dienstleister - und wir sind bescheidener. Deshalb hören wir besser auf die Wünsche unserer Kunden als die Großen. Die Bedeutung des Preises sinkt. Wir gewinnen heute auch Aufträge, wenn wir teurer sind als die Wettbewerber.

Müssen Indiens IT-Dienstleister China als künftigen Konkurrenten fürchten?

Absolut. Noch haben chinesische Wettbewerber einen Rückstand von etwa fünf Jahren. Aber wenn wir nicht sehr aufpassen, werden sie ihn bald aufholen. Wipro hat inzwischen zwei Standorte in China. Die IT-Ingenieure dort sind erstklassig. Der größte Nachteil chinesischer Anbieter ist die Furcht der Kunden vor dem Diebstahl ihres geistigen Eigentums.

Warum war China wirtschaftlich in den vergangenen 20 Jahren so viel erfolgreicher als Indien?

Premji: Weil unsere Politik ein extremes Defizit darin hat, Dinge zu entscheiden und dann auch umzusetzen.

Die Regierung argumentiert, Indien sei eine Demokratie und keine Diktatur wie China, deshalb bräuchten Entscheidungen länger.

Das stimmt schon, aber es ist keine Entschuldigung. Ich wünschte, unsere Regierung würde manchmal weniger reden und mehr handeln. Premierminister Manmohan Singh muss hart durchgreifen. Er kann sich das leisten, er hat eine starke Mehrheit im Parlament. Wenn er nur in ein paar entscheidenden Bereichen kompromisslos vorgeht, dann würde Indien einen riesigen Sprung nach vorn machen.

Welche Bereiche wären das?

Am wichtigsten ist eine bessere Schulbildung, vor allem in den staatlichen Grundschulen. Es kann nicht sein, dass Lehrer wochenlang nicht zum Unterricht erscheinen und einfachste Lehrmaterialien fehlen. Zweitens muss die Korruption in der öffentlichen Verwaltung bekämpft werden. Drittens müssen wir den Wasserverbrauch senken. Indien steuert auf eine bedrohliche Wasserkrise zu, obwohl wir ein regenreiches Land sind. Und schließlich müssen wir unser Potenzial bei den erneuerbaren Energien besser nutzen. Indien hat sehr viel Sonne und Wind. Aber Solar- und Windkraft machen nur zwei Prozent der Energieerzeugung aus.

Kann Indiens demografische Dividende, seine junge Bevölkerung, auch zu einer demografischen Zeitbombe werden, weil der Jugend die Zukunftsperspektive fehlt?

Die Gefahr besteht. Indien muss viel mehr in die Berufsausbildung seiner Jugend investieren. Wir sollten uns das Duale System in Deutschland zum Vorbild nehmen.

Standhafter Pionier des IT-Outsourcings

NEU-DELHI. Azim Premjis Karriere ist ein modernes Märchen. Aus der kleinen Speiseölfabrik seines Vaters formt der Inder einen der weltweit größten Konzerne für Informationstechnologie mit 6,3 Mrd. Dollar Umsatz und 112 000 Mitarbeitern. Er wird zu einem der einflussreichsten Unternehmer Indiens - und zu einem der reichsten. Das amerikanische Magazin "Forbes" beziffert das Vermögen des 65-Jährigen auf 17 Mrd. Dollar.

Der Aufstieg Premjis aus der Mittelklasse in die Weltliga beginnt mit einem Schicksalsschlag. Er ist gerade 21 Jahre alt und studiert an der US-Elitehochschule Stanford, als sein Vater an einem Herzanfall stirbt. Premji kehrt zurück nach Indien und übernimmt die Leitung des Familienunternehmens Western India Vegetable Products, kurz Wipro. Aber die Herstellung allein von Speiseöl füllt ihn nicht aus.

Zunächst erweitert er die Produktpalette um Seifen, Shampoos und Glühbirnen. Als die indische Regierung Ende der 70er-Jahre den amerikanischen IT-Konzern IBM aus dem Land wirft, um der heimischen Industrie den Boden zu bereiten, wittert der Elektroingenieur Premji seine Chance. Er heuert ein paar Entwickler an und baut Wipro zum Hersteller von Computern und Mikrochips um.

Multimilliardär mit Hang zur Sparsamkeit

Doch Anfang der 90er-Jahre muss Premji erneut umsteuern. Indien hat sich der Weltwirtschaft wieder geöffnet und die Wipro-Computer gehen vor der importierten Konkurrenz in die Knie. Premji reagiert darauf, indem er westlichen Firmen billige IT-Dienstleistungen anbietet. Der Rest der Geschichte ist in Indien Legende. Premji wird zu einem Pionier des Outsourcings, der Verlagerung des Daten- und Netzwerkmanagements großer Konzerne in Niedriglohnländer. Das Geschäft wächst jedes Jahr um sagenhafte 30 Prozent und mehr. Wipro, Infosys und Tata Consultancy Systems (TCS) werden zum Symbol für das moderne Indien.

Trotz seines Erfolgs ist der Muslim Premji bescheiden geblieben. In der Firmenzentrale in Bangalore fährt er mit einem Toyota vor, er fliegt bevorzugt Economy Class und meidet Fünf-Sterne-Hotels. "Unternehmer dürfen nicht abheben", begründet der Multimilliardär seine Sparsamkeit. Gerade in Indien mit seiner großen Armut hätten sie eine besondere Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

2001 gründet er die gemeinnützige Azim-Premji-Stiftung, die sich für eine bessere Grundschulbildung in Indien einsetzt. Premji widmet inzwischen den Großteil seiner Arbeitszeit der Stiftung. Denn, so sagt er: "Schwieriger als Geld zu verdienen ist, es verantwortungsvoll auszugeben."

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